Energie

Weltenergiekonferenz
„Wir müssen Kohle und Diesel töten“

Auf dem Weg ins Ökozeitalter gilt Erdgas als ideale Brücke zu Solar- und Windstrom. Doch obwohl der Brennstoff klimafreundlicher ist als Kohle oder Öl, stöhnt die Industrie. Gas ist zu teuer – und daher kaum gefragt.
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IstanbulDidier Holleaux liebt kurze und martialische Botschaften. „Kohle ist unser größter Feind – wir müssen sie töten“, sagte der 56-Jährige bei der Weltenergiekonferenz in Istanbul. Holleaux ist nicht etwa ein wutentbrannter Umweltaktivist, der sich zum Spitzentreff der Energieelite in die türkische Metropole verirrt hat, sondern Spitzenmanager beim französischen Strom- und Gaskonzern Engie. Das Unternehmen, das früher GDF Suez hieß und auf eine Historie als Gasmonopolist zurückblickt, musste in den vergangenen Jahren mehrere Milliarden Euro auf unrentable Kraftwerke abschreiben.

Der Boom der erneuerbaren Energien und der damit einhergehende Verfall der Strompreise in Europa haben die Gasmeiler von Engie und anderen Energieversorgern zu Verlustbringern degradiert. In ganz Europa lässt sich eine absurde Entwicklung beobachten: Dreckige Kohle drängt vergleichsweise sauberes Gas aus dem Strommarkt. Während die Kohleverstromung trotz des Vormarschs von Solar- und Windkraft nahezu konstant bei 833 Terrawattstunden pro Jahr verharrt, ist die Stromerzeugung aus Gas seit 2010 um fast 40 Prozent geschrumpft – auf 485 Terrawattstunden.

Holleaux tobt. Er findet, es müsste genau anders herum sein. Schließlich will die Europäische Union ihre Kohlendioxid-Emissionen drastisch reduzieren. Und das Abfackeln von Kohle ist um etwa zwei Drittel schädlicher für das Klima als Gas zu verbrennen, um Strom herzustellen. Es ist paradox: Auf dem Weg in ein Zeitalter mit hundert Prozent grünem Strom gilt Gas unter Fachleuten als ideale Brücke, um die witterungsbedingt stark schwankende Energieerzeugung aus Solar- und Windkraftwerken auszubalancieren.

Der Weltenergierat, ein Expertennetzwerk der Vereinten Nationen, das für ein bezahlbares und umweltfreundliches Energiesystem wirbt, geht davon aus, dass die Gasnachfrage bis 2060 massiv ansteigen wird. Aber mittelfristig ist die Perspektive für die Industrie mau. Der Grund: Der Brennstoff ist schlichtweg zu teuer. Gegen billige Kohle und Öl hat Gas das Nachsehen. Und weil die finanziellen Strafen dafür, Treibhausgase in die Luft zu schleudern äußerst gering sind, wird sich an dieser Situation wohl so schnell auch nichts ändern.

„Wir brauchen einen CO2-Preis, der Kohle eliminiert“, zürnt Holleaux. Heute liegt der Preis pro emittierte Tonne CO2 aber nur bei etwas mehr als fünf Euro. Damit sich Gaskraftwerke gegenüber Kohlemeiler durchsetzen, bräuchte es laut Berechnungen des Think Tanks Agora Energiewende aber einen Preis von gut 30 Euro. „Es ist Zeit zu kämpfen“, sagte Engie-Manager Holleaux. Ansonsten bleibe „das goldene Zeitalter von Gas“ eine Illusion.

Klaus Schäfer pflichtet ihm bei. Der Chef von Uniper, der Kraftwerkssparte, die der Energieriese Eon vor einem Monat mit einem Börsengang spektakulär abgespalten hat, fordert von der Politik ein klares Bekenntnis. „Gas wird gebraucht und künftig eine tragende Rolle spielen“, sagte Schäfer in Istanbul. Es sei daher an der Zeit, dass die Regierenden Anreize schaffen, damit sich Investitionen in Gas wieder lohnen, so Schäfer. 

Der 1,90 Meter-Mann hält Gas für das Rückgrat der Energiewende. Ein Garant für Versorgungssicherheit mit vielen Vorteilen. „Die Erneuerbaren brauchen einen Partner, der Flexibilität bereitstellt“, erklärte Schäfer. Gasspeicher und die Umwandlung von Ökostrom in Wasserstoffgas können helfen, die Schwankungen von Wind- und Sonnenenergie auszugleichen. Mit Gas könne man aber auch heizen, Strom erzeugen oder Autos betanken.

Schäfer ist mit seiner Sicht nicht alleine. Die gesamte Energieindustrie preist die Vorzüge von Erdgas. Bob Dudley, Chef des britischen Ölmutlis BP, baut den hochverschuldeten Konzern gerade grundlegend um. Statt auf Erdöl soll der Fokus künftig auf Gas liegen. Am Ende des Jahrzehnts soll das Portfolio von BP zu 60 Prozent auf Gas beruhen. „Gas muss eine immer wichtigere Rolle als Ersatz für Kohle haben“, sagte Dudley bei der Weltenergiekonferenz.

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„Der Staatsfeind Nummer eins ist Kohle“

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  • Wer eine CO2 freie Gesellschaft will, der sollte die Brüger dieser Gesellschaft auch mitteilen, dass der Wohlstand und das moderne Leben damit vorbei ist.

    Die Grün-Sozialisten unter Merkel machen aus Deutschland einen neuen Arbeiter und Agrastaat ala DDR.
    Aber selbst in der DDR konnte man nicht OHNE Kohle, Gas und Oel!

  • "Der Boom der erneuerbaren Energien und der damit einhergehende Verfall der Strompreise in Europa......"

    Der Verfasser des Artikel hat wohl einen Abbuchungsauftrag für seine Stromrechnung erteilt, den er ungesehen "durchlaufen" lässt?

    Nur so ist ein solcher Satz zu erklären.

    Zumindest in Deutschland kann, dank der "Energiewende", von einem "Verfall der Strompreise" nicht gesprochen werden !!!!

  • Und den Industriestandort Deutschland soll ebenfalls getötet werden. Unsere transatlantischen "Partner" möchten das so.

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