Handelsblatt Firmencheck
Finanzchefs täuschen Klasse durch Masse vor

Was gut sein soll, das muss auch Gewicht haben. Wohl deshalb messen einige Finanzvorstände deutscher Konzerne Transparenz in Kilogramm. Die Telekom etwa drückt ihren Aktionären einen telefonbuchdicken Geschäftsbericht in die Hand. Von den 210 Seiten ist knapp die Hälfte so genannter Konzernanhang, also Details zur Bilanz und zur Gewinn- und Verlustrechnung. Bayer schafft es auf 216 Seiten, der Anhang macht mehr als 60 Prozent des Umfangs aus.

DÜSSELDORF. Auch der kleinere Konzern EADS schafft es locker auf 161 Seiten Zahlen und Daten, zuzüglich 56 Seiten Allgemeines zum Unternehmen auf Hochglanzpapier - schön gebunden in zwei Bänden, verpackt im bunten Pappschuber. Rekordhalter dürfte der Stahlkocher Salzgitter mit seinem 234 Seiten dicken Geschäftsbericht sein. Da muss selbst der fast zehnmal größere Rivale Thyssen-Krupp mit 190 Seiten passen.

"Manche Unternehmen verwechseln Qualität mit Quantität", kritisiert der Bilanzexperte Karlheinz Küting. Der Chef des Instituts für Wirtschaftsprüfung (IWP) an der Saarbrücker Universität analysiert seit vielen Jahren die Geschäftsberichte börsennotierter Konzerne.

Fazit: "Die Qualität der Berichterstattung ist zwar gestiegen", sagt der Wirtschaftsprofessor. Aber auch der Umfang. Nur: Der Nutzen für Aktionäre steigt nicht im gleichen Umfang. "Ganz im Gegenteil", urteilt Bilanzexperte Küting. "Vor allem die Umstellung auf die internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS hat zu einer nie gekannten Informationsflut geführt, die Anleger weder verstehen noch bewerten oder würdigen können." Kurzum: Viele Geschäftsberichte sind auf weiten Strecken selbst für Bilanzkundige nicht mehr lesbar.

Unverständlicher Zahlensalat und Wortakrobatik

So sehen das auch die Repräsentanten der Privatanleger. "Es gibt zwei Möglichkeiten, nicht zu informieren: Entweder man sagt zu wenig oder man sagt zu viel." Das Urteil stammt von Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz. Und: "In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Unternehmen, die die zweite Methode der Desinformation anwenden, stark gestiegen", sagt Hocker.

Seitenlange Ausführungen über Finanzinstrumente, latente Steuern oder betriebliche Altersvorsorge suggerieren dem Leser zwar hohen Informationswert. In Wahrheit verstehen selbst Profis kaum noch, was sich hinter dem Zahlensalat und der Wortakrobatik verbirgt. So lässt sich der Chemie- und Pharmakonzern Bayer allein 16 Seiten lang über seine Pensionsverpflichtungen aus, rechnet versicherungsmathematische Gewinne und Verluste vor, listet akribisch die Folgen "erwarteter Rentenentwicklungen" auf - getrennt nach Inland und Ausland. "Für den Laien sind viele Darstellungen unverständlich und damit nutzlos geworden", sagt Küting. Andere Konzerne beschäftigen ihre Leser über Seiten mit bilanztheoretischen Exkursen - oder sie begnügen sich, wie der Automatisierungsspezialist Elexis, mit der lapidaren Feststellung, man sei auf Rechnungslegung nach IFRS umgestiegen.

Der Baukonzern Hochtief ist dagegen ein Beispiel dafür, dass es auch anders geht - 139 Seiten Geschäftsbericht, davon ein überschaubares Drittel für Erläuterungen zum Jahresabschluss. Und trotzdem steht der Essener Konzern im Firmencheck auf einem Spitzenplatz für Informationswert und Transparenz.

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