Handelsblatt-Firmencheck
Konzerne locken Firmenjäger

Fette Beute: Die deutschen Unternehmen haben so viel Geld wie lange nicht. Das hat der Handelsblatt-Firmencheck ergeben. Allein Daimler hat 15 Milliarden Euro gehortet. Doch mit dem Kassenbestand steigt auch die Gefahr von feindlichen Übernahmen. Die Bedingungen dafür sind zurzeit ideal.

DÜSSELDORF/FRANKFURT. Deutsche Unternehmen sitzen auf enormen Liquiditätspolstern. Gut 100 Mrd. Euro horten die 127 führenden Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen in ihren Kassen, fast acht Mrd. Euro mehr als im Geschäftsjahr zuvor. Das ist das Ergebnis des Handelsblatt-Firmenchecks, der in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsprüfung an der Universität des Saarlandes und der Unternehmensberatung Oliver Wyman entsteht. Allein Spitzenreiter Daimler hatte seinen Barbestand im Geschäftsjahr 2007 auf 15 Mrd. Euro mehr als verdoppelt – eine positive Folge der Trennung von Cashfresser Chrysler.

Dabei ist der hohe Kassenbestand nicht nur unproduktiv, er macht die Konzerne auch angreifbar. „Hohe Liquidität kann wegen der stark gesunkenen Börsenkurse Firmenjäger anlocken, die nach einer Übernahme so einen Teil des Kaufpreises finanzieren“, warnt Thomas Kautzsch, Partner von Oliver Wyman.

Der Autozulieferer Continental etwa, über dessen Übernahme gerade entscheiden worden ist, hatte zum Jahreswechsel 2,2 Mrd. Euro Liquidität – obwohl der Kauf des Konkurrenten VDO im vergangenen Jahr mehr als elf Mrd. Euro kostete und die Finanzlage des Konzerns bis auf das Äußerste strapazierte. Sogar im jüngsten Zwischenbericht werden noch 1,2 Mrd. Euro ausgewiesen.

Die Gefahr von feindlichen Übernahmen ist groß, sind doch die Bedingungen dafür zurzeit ideal wie lange nicht. „Auf dem ermäßigten Kursniveau rechnen sich Übernahmen wieder“, bestätigt Ernst Faßbender, Ko-Chef des deutschen Investment-Bankings von Lazard. Gerade Daimler ist in den vergangenen Wochen immer wieder als Übernahmekandidat gehandelt worden. Der Konzern hat im ersten Halbjahr 2008 zwar neun Mrd. Euro ausgegeben, einen kleinen Teil für den überraschenden Wiedereinstieg beim Motorenbauer Tognum (Ex-MTU), den Daimler erst vor wenigen Jahren verkauft hatte. Das meiste Geld stellten sie aber für ein Aktienrückkaufprogramm bereit.

Nach Ansicht des Saarbrücker Wirtschaftsprofessors und Bilanzexperten Karlheinz Küting sind hohe Kassenbestände ein Beleg dafür, dass „die Manager offenbar mit dem Geld nichts anzufangen wissen“. Die Milliarden liegen brach, kritisiert er, „statt in den Unternehmen Erträge zu erwirtschaften“. Hinter einer Liquiditätspolitik wie der von Daimler müsse man „dicke Fragezeichen“ machen. Mangel an Investitionsmöglichkeiten und hohe Liquidität treiben auch andere Konzerne dazu, Aktienrückkaufprogramme zu starten. Derzeit ziehen allein acht Dax-Firmen eigene Papiere ein.

Das vergangene Geschäftsjahr ist kein Sonderfall. Bereits bei der Liquiditäts-Analyse des Handelsblatts für 2004 horteten die Unternehmen rund 100 Mrd. Euro. „Das scheint ein dauerhaftes Problem zu sein“, kritisiert Küting, „mit dem sich die Führungsetagen viel zu wenig beschäftigen.“

Für den Handelsblatt-Firmencheck wird nicht nur die Kassenlage, sondern auch der Cash-Flow analysiert, den die Unternehmen aus dem Geschäft generieren. Dieser Überschuss aus zahlungswirksamen Einnahmen und Ausgaben gilt neben Gewinn- und Renditekennziffern als wichtiges Kriterium zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Unternehmens. Die Cash-Flow-Rangliste wird angeführt von der Deutschen Telekom, die 16 Mrd. Euro produziert, gefolgt von VW und Daimler.

Seite 1:

Konzerne locken Firmenjäger

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%