Handelsblatt-Firmencheck
Vom Boom zur Bürde

Jahrelang war das Auslandsengagement deutscher Konzerne ein Garant für Wachstum. In der drohenden Rezession macht es die Firmen besonders anfällig. Sollte es tatsächlich dazu kommen, drohen noch größere Einbrüche – und einen Ausweg aus dieser Misere gibt es nicht.

DÜSSELDORF. Außen hui, innen pfui – nach diesem Motto kompensierte der Handelskonzern Metro lange Zeit die chronisch schwache Binnennachfrage mit seinem starken Auslandsgeschäft. Dank des florierenden Großhandels vor allem in Osteuropa und Russland legte es im vergangenen Jahr um mehr als zwölf Prozent zu. Entsprechend stark erhöhte Metro den Anteil seiner Auslandsinvestitionen an den Gesamtinvestitionen binnen eines Jahres von 53 auf 67 Prozent. Das Geld floss also dorthin, wo es am meisten Gewinn versprach – 2007 vor allem in die Neueröffnung neuer MediaMarkt- und Saturn-Filialen in Osteuropa. Doch im letzten Quartal stagnierten hier plötzlich die Umsätze, weil Konsumenten ihr Geld mit einem Mal zurückhielten. Allein die Expansion und Eröffnung immer neuer Märkte kaschierten zunächst noch die Trendwende.

Kein Zweifel, Deutschlands Konzerne spüren den Abschwung der Weltwirtschaft besonders stark. Denn was jahrelang ein Erfolgsgarant war, anstelle den gesättigten Märkten den boomenden Regionen und konsumfreudigen Kunden zu folgen, erweist sich jetzt als Bürde. Denn die aufstrebenden Regionen in Osteuropa, Russland, Asien und Südamerika spüren die Auswirkungen der Finanzkrise sehr viel stärker als noch vor ein paar Wochen gedacht – und sogar heftiger als das Ursprungsland des Unheils selbst, die USA.

So leidet Osteuropa, wo vor allem Zulieferer wie der Reifenspezialist Continental und eben Metro in den vergangenen Jahren stark investierten, um so ihre Umsätze erfolgreich zu erhöhen, unter massivem Kapitalabfluss. Da die dominierenden westlichen Banken ihr Geld zurückholen, bekommen die Unternehmen und Verbraucher vor Ort kaum noch Kredite für neue Investitionen. Der Treibstoff für Deutschlands jahrelangen investitionsgetriebenen Boom geht aus. Gleichzeitig knicken Russland und die reichen Rohstoffstaaten ein, weil der Ölpreis innerhalb weniger Monate um die Hälfte und damit in so kurzer Zeit so stark wie noch nie eingebrochen ist.

Die Folge: Aus allen Teilen der Welt sinken die Aufträge rapide. Und das spüren die globalisiertesten Unternehmen am stärksten. Neun deutsche Konzerne kommen inzwischen auf einen Umsatzanteil von mehr als 85 Prozent jenseits der deutschen Grenzen – darunter sechs Unternehmen aus der zweiten und dritten Reihe in den Börsenindizes MDax, SDax und TecDax. Die Vorstellung, dass nur die ganz großen Konzerne im Dax weit in die Ferne schweifen, stimmt nicht mehr. Vor allem hochspezialisierte Maschinenbauer wie Krones und König & Bauer erwirtschaften ihre Erträge fast nur noch fernab der Zentrale. Das gilt immer stärker auch für die boomende Solarbranche. Bei Conergy trugen die überproportional wachsenden Photovoltaikanlagen in Spanien zum 40-prozentigen Umsatzplus im Ausland bei. Doch ausgerechnet aus den bisherigen großen Absatzländern brechen die Neuaufträge am stärksten ein.

Besonders betroffen ist die Säule des deutschen Aufschwungs – der Maschinenbau. Hier sanken zuletzt im Dreimonatsvergleich die Auslandsaufträge um 19 Prozent. Die immer noch recht solide Binnennachfrage konnte den Gesamteinbruch kaum abfedern, da deutsche Maschinenbauer drei Viertel ihres Umsatzes im Ausland erwirtschaften. Der Bahntechnikspezialist Vossloh kommt auf einen Anteil von 88 Prozent.

„Die Branche geht schweren Zeiten entgegen“, sagt Oliver-Wyman-Berater Thomas Kautzsch. Im außergewöhnlich starken Wachstum, das 2007 fast 20 Prozent über dem langfristigen Trend lag, spiegele sich noch der investitionsgetriebene Boom der Weltwirtschaft wider. „Selbst in einer normalen Rezession droht dem Maschinenbau ein Rückschlag von 25 Prozent“, sagt Kautzsch.

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