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25.10.2007 
Konzernpleite

Agfa-Pleite holt Konzernchef Verhoeven ein

von C. Schlautmann

Die Pleite des Leverkusener Traditionsunternehmens Agfa Photo wird jetzt auch für Agfa-Gevaert-Vorstandschef Ludo Verhoeven zur Belastung. In einem unabhängigen Gutachten attestieren die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young dem 63-jährigen Belgier, bei der Berechnung des damaligen Verkaufspreises gegen etliche Richtlinien verstoßen zu haben.

KÖLN. Vor zwei Jahren hatte das Gerangel mit dem Käufer über den endgültigen Preis von Agfa Photo den Leverkusener Film- und Fotoentwickler in die Insolvenz getrieben. 1 800 Beschäftigte wurden arbeitslos.

Das Gutachten, in Auftrag gegeben von der Käufergesellschaft um den Investor Hartmut Emans sowie von Agfa-Gevaert selbst, stellt Verhoevens damaliges Vorgehen in ein fragwürdiges Licht. Im November 2004 hatten sich Emans und Verhoeven bei der Firmenübernahme darauf verständigt, den abschließenden Kaufpreis durch ein Schiedsverfahren klären zu lassen. Vier Monate später jedoch veröffentlichte Agfa-Gevaert einseitig eine Kaufsumme von 112 Mill. Euro, die sich auch im Jahresabschluss 2004 wiederfand.

Doch weil Emans sich weigerte, den Forderungen aus Belgien nachzukommen, drehte ihm Agfa-Gevaert den Geldhahn zu. Für den Grafikkonzern war dies ein Kinderspiel: Da Agfa Photo kurz nach der Ausgründung noch kein eigenes Inkasso besaß, sammelte die ehemalige Mutter über ihre Vertriebsorganisation weiterhin die Rechnungsgelder in 30 Ländern ein, um sie dann nach Leverkusen weiterzuleiten. Doch dort kamen die meisten Gelder nie an. „Kurz vor der Insolvenz besaß Agfa Photo fällige Zahlungsforderungen in Höhe von 41,8 Mill. Euro“, sagte Hartmut Emans dem Handelsblatt. „Wäre dieses Fehlverhalten Agfa-Gevaerts ausgeblieben“, meinte der ehemalige McKinsey-Direktor, „hätte die Insolvenz vermieden werden können.“

Während sich eine Konzernsprecherin in Belgien dazu auf Anfrage nicht äußern wollte, bestätigte der ehemalige Insolvenz-Geschäftsführer Hans-Gerd Jauch auf einer Gläubigerversammlung: Agfa-Gevaert habe Druck auf Emans ausüben wollen, den einseitig festgelegten Kaufpreis für Agfa-Photo zu akzeptieren. Dass sich Verhoeven damit auf dünnes Eis begab, bescheinigt ihm nun Ernst & Young. Die Prüfer nämlich taxierten den Wert von Agfa Photo auf lediglich 81 Mill. Euro – 31 Mill. Euro weniger als von Agfa-Gevaert damals gefordert. Die Korrekturen seien „in line“ mit den Erwartungen, heißt es dazu nun im Halbjahresbericht lapidar.

Zum Verhängnis wurde Agfa Photo außerdem, dass Verhoeven dem Erwerber die regelmäßig aktualisierten Geschäftspläne vorenthielt. Erst vier Wochen vor der Insolvenz fiel Emans ein zwölf Monate alter Vorstandsbeschluss von Agfa-Gevaert in die Hände, nach dem der Konzern die Tochter schon 2004 wegen des schleppenden Geschäftsgangs hatte dicht machen wollen – bei veranschlagten Schließungskosten von 477 Mill. Euro. Bis dahin hatte er auf den von Verhoeven vorgelegten „mittelfristigen Geschäftsplan“ vertraut, den der Erwerber heute als „getürkt“ bezeichnet.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Weitere Verfehlungen des Agfa-Gevaert-Chefs.

Tatsächlich verdiente Agfa Photo nach der Abspaltung weitaus weniger Geld, als vom Verkäufer vorausgesagt. Dass Emans angesichts der blumigen Planzahlen auf eine bereits ausgehandelte Kreditlinie über 50 Mill. Euro verzichtete, erwies sich bald als liquiditätsgefährdender Fehler. „Wir gehen dem mit großem Interesse nach“, kündigt nun Insolvenzverwalter Andreas Ringstmeier an.

Der Kölner Rechtsanwalt lastet dem Agfa-Gevaert-Chef weitere Verfehlungen an. Verhoeven habe Agfa Photo eine von Wirtschaftsprüfern geforderte Eigenkapitalerhöhung über 60 Mill. Euro trickreich vorenthalten. Die fehlenden Mittel will er nun nachträglich einklagen. Darüber hinaus droht dem Vorstandschef noch weitaus größeres Ungemach. Ohne dieses Loch bei der Eigenkapitalausstattung, heißt es in Kreisen des Gläubigerausschusses, wäre es kaum zu einer Insolvenz von Agfa Photo gekommen. Insolvenzverwalter Ringstmeier arbeite deshalb aktuell an einer Schadensersatzklage gegen den ehemaligen Mutterkonzern. Dieser soll nach seinem Willen für sämtliche insolvenzbedingten Schäden der Gläubiger aufkommen.

Offiziell will Ringstmeier sich dazu nicht äußern. Fest steht aber: Die Gesamtforderungen der Gläubiger belaufen sich auf 250 Mill. Euro, nur 80 Mill. Euro aber dürften ihnen nach der Zerschlagung von Agfa Photo übrig bleiben. Die Höhe des Schadensersatzes beliefe sich demnach auf 170 Mill. Euro – für Verhoeven, der zunächst versichert hatte, nicht von der Agfa-Photo-Pleite betroffen zu sein, eine harte Nuss.

Agfa-Gevaert weist die Vorwürfe zurück – wie auch die Nachforderungen des Insolvenzverwalters. Die damalige Kapitalerhöhung sei durch unabhängige Wirtschaftsprüfer und das zuständige Gericht geprüft und akzeptiert worden.

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