Die Deutsche Lufthansa baut ihre internationale Präsenz aus: Mit der Beteiligung an der amerikanischen Jetblue stärkt das Unternehmen seine Stellung in den USA; als erste europäische Fluggesellschaft nutzt das Unternehmen die Möglichkeit des so genannten „Open-Sky“-Abkommens – und wagt einen Tabubruch.
DÜSSELDORF/NEW YORK. „Die 19 Prozent-Beteiligung an Jetblue ist eine Finanzinvestition mit hoher strategischer Bedeutung“, sagte Lufthansa-Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber. Mit Jetblue gewinnt Lufthansa einen wichtigen Partner an zentralen amerikanischen Flughäfen als Zubringer und für Weiterflüge zu Zielen in Nordamerika, in der Karibik und in Mexiko. Details wie die Kooperation operativ laufen soll – wie die Abstimmung der Flugpläne – nannte Mayrhuber noch nicht.
Lufthansa kostet der Einstieg 300 Mill. Dollar (205 Mill. Euro). Sie kauft im Rahmen einer Kapitalerhöhung rund 42 Millionen Jetblue-Aktien zu 7,27 Dollar je Stück, was einer Prämie von 16 Prozent zum Schlusskurs vom Mittwoch entspricht. Die Wettbewerbsbehörden müssen der Transaktion noch zustimmen, die im ersten Quartal 2008 abgeschlossen werden soll. In Reaktion auf den Einstieg von Lufthansa stiegen die Papiere von Jetblue auf 7,15 Dollar. „Mit der Beteiligung an Jetblue demonstriert Lufthansa ihre strengen wirtschaftlichen Kriterien für Beteiligungen“, erklärten die Analysten von Sal. Oppenheim. Der Preis sei angesichts der Aktienkursschwäche von Jetblue und des schwachen Dollar sehr günstig. Die Aktie des Dax-Konzerns gab dennoch leicht nach.
In der Konsolidierung der europäischen Luftfahrtbranche hat sich Lufthansa bisher zurückgehalten. Bei der zum Verkauf stehenden Alitalia etwa gab Lufthansa trotz intensiver Vorverhandlungen und eines bereits entwickelten Businessplans am Ende doch kein Angebot ab. Offiziell hieß es, die Lufthansa wollte ihr Investmentgrade-Rating nicht riskieren. Nach Informationen des Handelsblatts war Mayrhuber mit seinem Ansinnen im Aufsichtsrat auf starken Widerstand gestoßen.
Vor dem Hintergrund der noch ausstehenden Konsolidierung wird die Beteiligung an Jetblue in der Branche nicht als großer Wurf gewertet. Für Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler ist es sogar „eine Verlegenheitslösung“: „Lufthansa scheut nach wie vor die großen Schritte.“ In Frankfurt betonte Mayrhuber an der Seite von Jetblue-CEO Dave Barger, es handele sich nicht um eine „Entweder-Oder-Entscheidung“: „Unser Interesse an der Konsolidierung in Europa ist unverändert.“
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein gewagter Schritt.
Mit der Beteiligung an Jetblue und der angestrebten Zusammenarbeit geht Lufthansa in den USA einen Schritt, den sich die Fluggesellschaft in Deutschland und in Europa bisher nicht getraut hat: die Flugzeuge für Interkontinentalstrecken mit Passagieren einer Billigfluggesellschaft zu füllen. So gibt es zwischen dem konzerneigenen Billigflieger Germanwings und der Lufthansa selbst keinen gezielten Austausch von Passagieren. Der Tabubruch ist in den USA und mit Jetblue allerdings auch einfacher. Die 1998 gegründete Fluggesellschaft ist zwar von ihrer Kostenbasis her eine Billigfluggesellschaft, nicht aber von ihren Produkt- und Servicestandards.
Jetblue sticht im US-Inlandsverkehr mit hohem Kundenservice heraus: Während die finanzschwachen großen US-Carrier American, United oder Delta seit Jahren nicht mehr investiert haben und mit vergleichsweise alten Flugzeugen unterwegs sind, operiert Jetblue mit modernen Airbus-Jets und setzt auf ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm an Bord. Jetblue stieg deshalb in ihren Anfangsjahren zum New Yorker Kundenliebling und Börsenstar auf.
Dieser Glanz ist aber spätestens seit Februar 2007 verblasst: Heftige Schneestürme an der Ostküste reichten aus, um die allzu schlanke Jetblue-Organisation kollabieren zu lassen. Innerhalb von sechs Tagen fielen 1 100 von 3 400 Flügen aus – ein Desaster mit Folgen. Die Aktie, die Ende 2003 mehr als 25 Dollar wert war, brach ein. Jetblue-Gründer David Neeleman machte im Mai Platz für Dave Barger, der den Flugbetrieb seitdem stabilisiert und mit erfahrenen Managern verstärkt hat.
Folgen hat die transatlantische Verbrüderung auch für die drei nordamerikanischen Star Alliance-Partner von Lufthansa. Zwar kommt mit Jetblue der attraktive John-F.-Kennedy-Flughafen in New York hinzu und gibt es nur zwei Prozent Überschneidungen im Streckennetz. Doch ist Jetblue für US Airways, United Airlines und Air Canada ein Konkurrent wie Air Berlin für Lufthansa in Deutschland. Mayrhuber zeigte sich allerdings überzeugt, dass die Star Alliance-Partner den fünften im Bunde begrüßen werden: „Es ist eine Stärkung des Systems.“
Flugmarkt USA
Atlantikflüge
Die Deutsche Lufthansa ist über dem Atlantik nach British Airways die Nummer zwei. Die Verbindungen nach Nordamerika gehören wie die Langstreckenflüge nach Asien zu den Wachstums- und Ertragsbringern des Konzerns. Mit Seattle und Orlando hat Lufthansa zwei neue Ziele in den Flugplan für 2008 aufgenommen. Neben Frankfurt geht es auch noch von München und ab Mai auch von Düsseldorf nonstop in die Vereinigten Staaten.
Drehkreuz New York
Trotz der guten Position über dem Atlantik und dem Codeshare mit den Star-Alliance-Partnern United Airlines und US Airways ist Lufthansa im mit Abstand größten US-Einzelflugmarkt New York bisher kaum präsent. „Der Deal hilft Lufthansa mehr als Jetblue“, sagt Ray Neidl, Analyst bei Calyon Securities. Lufthansa besetze damit „den Fahrersitz“, um sich im weltgrößten Flugmarkt mittelfristig stärker positionieren zu können. Eine Komplettübernahme von Jetblue ist vorerst nicht möglich, da ausländische Airlines maximal 25 Prozent an US-Fluglinien besitzen dürfen.

