Der Deutschen Bahn droht ein Aderlass an Führungskräften. Zahlreiche Manager wollen zurück in die Wirtschaft, falls die Pläne für einen Börsengang an der Politik scheitern sollten. Für die ehrgeizigen Pläne der Bahn hätte dies fatale Folgen.
Bahn-Chef Mehdorn will den Konzern auch ohne Börsengang weiter ausbauen, vor allem jenseits der deutschen Grenzen. Der Bund will diese Expansion aber nicht bezahlen. Foto: dpa
DÜSSELDORF / BERLIN. Unternehmensberater berichten, zahlreiche Manager hätten signalisiert, dass sie den Konzern verlassen wollen, wenn die Teilprivatisierung des bundeseigenen Konzerns scheitert. „Der Bahnkonzern hat in den vergangenen 10 bis 15 Jahren viele Leute aus dem Top-Management großer Konzerne wie EADS und Lufthansa anziehen können, die vor allem eins gereizt hat – die staatliche Bahn zu einem privaten Unternehmen zu entwickeln“, sagte Jürgen Ringbeck, Verkehrsexperte der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton, dem Handelsblatt. „Das sind Leute, die in der Privatwirtschaft wettbewerbsfähig sind und die den Konzern verlassen werden, wenn diese Perspektive verschwindet.“
Die seit Jahren anhaltende Privatisierungsdebatte hat vor allem in den oberen Führungsebenen der Bahn zu erheblichen Frustrationen geführt. „Ich bin es so leid, ich würde lieber meine ganze Kraft wieder auf die Unternehmensentwicklung konzentrieren, als mich mit immer neuen Konzernmodellen aus der Politik zu beschäftigen“, sagte ein hochrangiger Manager der Bahntochter DB Regio.
Vor allem die „Quereinsteiger“, die aus anderen Unternehmen zur Bahn gewechselt sind, gelten im Konzern als potenzielle Abwanderer. Eine Führungskraft sagt: „Das sind doch Menschen mit Perspektiven. Die haben bei uns angeheuert, weil sie den spannenden Prozess der Teilprivatisierung begleiten wollten.“ Derartige Manager würden meist mühelos neue Aufgaben finden: „Es ist doch ein gutes Argument, beim neuen Arbeitgeber zu sagen, ich kann mich an meinem derzeitigen Arbeitsplatz nicht verwirklichen.“
„Ich mache mir um meine persönliche Zukunft keine Sorgen“, sagte ein weiterer Betroffener. „Ich bin durch meinen Job so gut in der Verkehrsbranche verdrahtet, dass ich sicher eine neue Aufgabe finden werde. Und so geht es vielen meiner Kollegen.“
Das wäre für die Bahn fatal, meint Berater Ringbeck: „Ohne leistungsfähige Manager wird es keine leistungsfähige Bahn geben. Post, Telekom und die Energiewirtschaft haben bewiesen: Nur die Privatisierung schafft leistungsfähige Konzerne, die dem Standort Deutschland den Rücken stärken können.“ Wenn der Weg an die Börse scheitere, sei im Unternehmen der Druck auf dem Kessel weg, befürchten auch Bahn-Kreise. Die fehlende Motivation werde die ambitionierten Konzernziele kaum noch erreichbar machen.
Mehdorn hatte vergangene Woche bekräftigt, die Bahn werde auch ohne Börsengang das strategische Ziel eines weltweit operierenden Mobilitäts- und Logistikkonzerns weiter verfolgen, müsse dazu aber einen Strategiewechsel vornehmen. Damit habe der Bahn-Chef gemeint, dass die Ausbaupläne auf das Maß zurechtgestutzt werden müssten, das die Zuwendungen aus der Kasse des Eigentümers zuließen, hieß es im Konzern.
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Zur Verwirklichung seiner Pläne braucht Mehdorn Milliarden für Investitionen, die er aus der Privatisierung schöpfen wollte. Dieses Geld müsste ohne Börsengang vom Eigentümer Bund kommen. Doch die Politik steht für die Expansionspläne Mehdorns kaum zur Verfügung.
Es sei nicht die Aufgabe des Bundes, der Bahn dabei zu helfen, Schienenverkehrsleistungen in Frankreich oder Polen zu verkaufen und weltweit Logistik zu betreiben, heißt es in Berlin.
Unionspolitiker hatten kürzlich vorgeschlagen, die Bahn solle ihre Logistiktochter Schenker teilprivatisieren. Brächte man 49 Prozent an die Börse, könnte die Bahn bei einem geschätzten Schenker-Wert von vier bis fünf Mrd. Euro etwa zwei bis 2,5 Mrd. Euro erlösen. Im Konzern wird dieser Vorschlag mit „völliger Verständnislosigkeit“ kommentiert. Er würde die Zerschlagung des Unternehmens bedeuten und alle Expansionspläne ad absurdum führen.
Auf Schleuderkurs
Fit für die Börse: Bahn-Chef Hartmut Mehdorn hat den Konzern in den vergangenen Jahren saniert und damit auf Börsenkurs getrimmt. Statt tiefroter Zahlen produziert die Bahn AG nicht zuletzt wegen ihrer Aktivitäten im weltweiten Logistikmarkt heute erhebliche Gewinne. Sie ist aber durch ihre Investitionen wie den Kauf der einstigen Eon-Tochter Stinnes mit der Spedition Schenker sowie dem Erwerb der US-Spedition Bax Global hoch verschuldet.
Fit für Führung: Der Konzern wird in der Holding mit Mehdorn an der Spitze von 80 Konzernführungskräften geleitet. Darunter folgt die Ebene der 800 „oberen Führungskräfte“. In diesen Gremien gibt es neben altgedienten Eisenbahnern seit Jahren viele Manager, die aus allen Teilen der Wirtschaft zur Bahn wechselten.

