
DüsseldorfEin Jahr nach der Insolvenz der Drogeriemarkt-Kette Schlecker stehen etwa 3700 der zuletzt 5500 deutschen Filialen des Unternehmens leer. Das geht aus einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW Köln) für Handelsblatt Online hervor. Die Hochrechnung basiert dabei auf Informationen zu mehr als 500 Filialen, die Handelsblatt-Online-Leser gesammelt haben. Schlecker hatte am 23. Januar 2012 Insolvenz angemeldet.
„So viele Handelsflächen sind noch nie auf einen Rutsch auf den Markt gekommen“, beschreibt Michael Voigtländer, Immobilien-Experte des IW Köln, die außergewöhnliche Situation nach der Schlecker-Insolvenz. Für die Analyse verglich der Ökonom die Lage der Filialen mit Daten zur wirtschaftlichen Situation der einzelnen Gemeinden wie der Arbeitslosigkeit und der Bevölkerungsentwicklung.
Die Handelsblatt-Online-Redaktion hatte ein Experiment gewagt. Wir wollen eine Bestandsaufnahme möglichst aller Schlecker-Filialen ein Jahr nach dem Insolvenzantrag auf die Beine stellen und brauchten dazu die Unterstützung unserer Leser.
Die Wiedervermietungsquote der Stichprobe dürfte auch der Wiedervermietungsquote des gesamten Bestandes entsprechen, die bei etwa einem Drittel liegt. Damit stehen zwei Drittel der 5500 Filialen ein Jahr nach der Insolvenz leer.
Der Einsatz der Leser war verblüffend. Es gab Einsender, für die hat sich die Jagd auf Schlecker-Filialen fast zu einer Sucht entwickelt. Ein Leser schickte fast 30 Bilder. Die Verbindung zur Marke Schlecker zeigte auch nach dem Ende des Unternehmens eine große Wirkung.
Der Vermietungsstand der Filialen wurde durch Ansehen der Bilder und die Schilderungen der Leser beurteilt. Alle Einsendungen wurden nach bestem Wissen und Gewissen von der Redaktion geprüft, aber eine Garantie für die Richtigkeit der Informationen können wir nicht übernehmen.
Die Daten sind seit Mitte November gesammelt worden. Die Karte zeigt, wann welches Bild geschossen wurde. Zwischenzeitlich kann sich natürlich an den Filialen etwas geändert haben.
Die Liste der Filialen wurde um eine Handvoll Läden ergänzt, die bereits vor dem Stichtag der Insolvenz geschlossen worden waren.
Etwa die Hälfte der Filialen war bis Ende März geschlossen worden, die zweite Hälfte bis Ende Juni. Unsere Bestandsaufnahmen ein Jahr nach der Insolvenz bedeutet somit nicht, dass die Filialen bereits ein Jahr leer stehen.
Jeder der Lust hatte, konnte mitmachen. Mit Handy oder Kamera wurden Hunderte Leser zu Fotografen und halfen uns dabei, die heilenden und zerstörerischen Seiten einer Firmenpleite aufzuzeigen. Sie suchten anhand unserer Karte und Filialliste einen ehemaligen Schlecker-Standort auf und machten ein Foto. Viele schrieben auch ein paar Sätze dazu.
Zwei Monate haben wir gesammelt und dabei über 500 Fotos erhalten. Dazu recherchierte die Redaktion – vor allem über die Lektüre von Lokalzeitungen – den Status von über 50 weiteren Filialen. Alle Informationen wurden in einer Karte zusammengefasst.
Die Immobilien-Experten des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW Köln) haben sich die Daten vorgenommen und mit wissenschaftlichen Methoden analysiert: Die Daten der Leser wurde mit Informationen zu den relevanten Gemeinden und Kreisen verknüpft. Hierzu zählen vor allem Daten zu Gemeindegrößen, wirtschaftlicher Situation der Gemeinde (Insolvenzen) und der Kreise (Entwicklung der Arbeitslosigkeit) sowie zur Dynamik der Gemeinde (Bevölkerungszuwachs oder -schrumpfung). Auf dieser Datenbasis wurde eine empirische Analyse durchgeführt, die die Chancen für eine erfolgreiche Wiedervermietung in Abhängigkeit der genannten Faktoren berechnete.
Vereinzelt haben Leser kritisiert, dass wir einen solchen Auftrag an professionelle Fotografen hätten vergeben müssen. Die neue Journalismus-Forms des „Crowdsourcing“ versucht aber, große Datenmengen eben durch freiwilliges Engagement erst zugänglich und fassbar zu machen. Das haben wir mit dem Schlecker-Experiment gewagt – und sind vom Maße der Beteiligung positiv überrascht worden.
Unter den Teilnehmen haben wir eine Armbanduhr der Marke Kronsegler verlost. Gewinner wurde Michael Thomiczny.
„Schlecker-Filialen in belebteren Einkaufsstraßen konnten leichter wiedervermietet werden“, so Voigtländers Urteil. Die gesammelten Informationen zeigen etwa, dass beliebte Einkaufsstraßen in Köln eine hohe Wiedervermietungsquote haben. Allerdings hänge auch viel von den individuellen Merkmalen der Läden ab, so Voigtländer. Viele Vermieter etwa berichten, dass die oft nur 200 Quadratmeter großen Drogerie-Filialen für andere Ketten schlicht zu klein und damit unattraktiv seien.
Ein Jahr nach der Insolvenz des Unternehmens sind etwa 42 Prozent der 23.400 arbeitslos gemeldeten Mitarbeiter in neue Jobs vermittelt. Die Arbeitsagenturen haben darüber exakt Buch geführt. Die Handelsblatt-Online-Redaktion hatte zusätzlich herausfinden wollen, welches Schicksal den Geschäften drohte – dazu gab es keine zentrale Erfassung von offiziellen Stellen oder dem Insolvenzverwalter.
Die Insolvenz war einmalig, da deutschlandweit alle Geschäfte tatsächlich geschlossen wurden, ohne dass sich zunächst auch nur für einen Teil ein Investor oder ein Fortführungskonzept gefunden hätte. Wir hatten daher überprüfen wollen, wie sich die Theorie der „kreativen Zerstörung“ des Ökonomen Joseph Schumpeter in der Praxis darstellt. Schumpeter sagt: Alte Wirtschaftsstrukturen gehen zugrunde, um neuen Platz zu machen. Diese Entwicklung sei zentraler Bestandteil der Wirtschaftsordnung.
Schlott
Druckerei/1480 Beschäftigte
(Quelle: Statista)
Hansa
Pflegeheim/1600 Mitarbeiter
Mäc Geiz
Discounter/1600 Mitarbeiter
Sellner
Autozulieferer/1600 Mitarbeiter
Escada
Modekonzern/2200 Mitarbeiter
Q-Cells
Solarindustrie/2300 Mitarbeiter
Schiesser
Textilhersteller/2300 Mitarbeiter
Edscha
Autozulieferer/2300 Mitarbeiter
Wadan-Werften
Schiffsbau/2400 Mitarbeiter
Honsel
Autozulieferer/3000 Mitarbeiter
Karmann
Autozulieferer/3400 Mitarbeiter
Quimonda
Chiphersteller/4600 Mitarbeiter
Manroland
Maschinenbauer/6500 Mitarbeiter
Woolworth
Kaufhaus/9300 Mitarbeiter
Schlecker
Drogeriekette/25.000 Mitarbeiter
Arcandor
Handel und Touristik/52.000 Mitarbeiter
„Das Beispiel Schlecker zeigt, dass ein solcher Erneuerungsprozess länger dauert, als es in der Ökonomie oft angenommen wird“, urteilt Voigtländer. Die Bilanz fällt tatsächlich ernüchternd aus: Es gibt zwar neues Leben, aber nicht in großem Maßstab. Vor allem Einzelunternehmer haben sich eingemietet: Döner-Läden, Schreibwarengeschäfte, Fahrradläden. Die Begeisterung großer Ketten für die Geschäfte war gering. Vor allem die Konkurrenz mied die Ladenlokale. Bei Rossmann kamen allerdings 2.000 ehemalige Schlecker-Mitarbeiter unter. Die Drogeriekette dm übernahm bis Oktober 800 Beschäftigte.
Der Textildiscounter KiK mietete sich Handelsblatt-Online-Informationen zufolge bislang in zehn ehemalige Schlecker-Filialen ein. Doch die trugen zuvor alle den Namen „Schlecker XL“ und hatten also mehr Fläche als die typischen Schlecker-Filialen, die es vor allem auf dem Land gab. Der Exodus der Drogeriemarkt-Kette aus den kleinen Läden führte etwa im sauerländischen Arnsberg mit etwa 75.000 Einwohnern dazu, dass es nur noch einen Drogeriemarkt in der Stadt gibt – statt zuvor fünf.

Bei der Aufzählung der größten deutschen Insolvenzfälle vermisse ich Walter-Bau und Philipp Holzmann.

Einen Glückwunsch an die Redaktion für die spannende Recherche und den Rück- und Einblick in die Schlecker-Situation. Meinen Fotobeitrag habe ich gerne geleistet, wenngleich bei ähnlichen Aktionen das Einpflegen der Bilder in die Karte schneller erfolgen sollte.
Die von mir am Freitag, den 11.1. übertragenen vier Filialbilder fehlen übrigens bis heute.
Und sollte nicht auch eine wertvolle Uhr verlost werden. Wer ist denn der glückliche Gewinner?
Mich hat es beim Betrachten der ca. 35 Filialen immer wieder überrascht, wieviele Outlets noch frei standen. Aber den Standorten, zum Teil mitten in Wohngebieten, fehlt häufig die nötige Frequenz. Verbunden mit einem wenig anziehenden Umfeld (Bausubstanz, Einzelhandelsbesatz, Parkplatzsituation) ist es eigentlich verwunderlich, dass die Insolvenz nicht schon eher erfolgt ist.

Es war doch bekannt: Wenn die Standorte mehrheitlich gute Erträge ermöglicht hätten, wäre Schlecker gar nicht erst insolvent geworden. Warum sollten also andere Unternehmer die Ladenlokale nun anmieten? Der mangelnde Erkenntnisgewinn der Studie war absehbar, bevor sie begann.
14 Kommentare
Alle Kommentare lesen