0 Bewertungen
05.05.2008 
Börsengang

Die Bahn drückt aufs Tempo

von Eberhard Krummheuer und Robert Landgraf

Nach der politischen Entscheidung für den Börsengang stehen die Deutsche Bahn und die sie dahin begleitenden Banken und Behörden unter massivem Zeitdruck. Doch bevor die Aktie – wie geplant – im November an der Frankfurter Börse platziert werden kann, muss der Konzern vor dem üblichen Emissionsverfahren erst einmal umstrukturiert werden.

DÜSSELDORF/FRANKFURT. Dies wird notwendig, weil die Politik lediglich die Transport- und Dienstleistungsbereiche bis zu 24,9 Prozent privatisieren will. Die Infrastruktur mit Netz, Stromversorgung und Bahnhöfen soll in staatlicher Hand bleiben.

Wie Insider berichten, hat die Bahn bereits im Februar begonnen, den Konzern rein rechnerisch auseinander zu dividieren. So sei sie schon in den nächsten Tagen in der Lage, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) die Als-Ob-Bilanzen der vergangenen Jahre für die zur Privatisierung vorgesehenen Konzernteile vorzulegen.

Die neue, für die Teilprivatisierung vorgesehene Firma soll unter dem existierenden Firmenmantel der Stinnes AG entstehen. Diese hatte die Bahn vor Jahren von Eon mit dem Kauf des Logistikkonzerns Schenker erworben und unter diesem Dach bereits die Transport- und Logistik-Aktivitäten angesiedelt. Nun sollen auch die Gesellschaften des Personenverkehrs, DB Fernverkehr, DB Regio und DB Stadtverkehr, dort eingebracht werden. Es wäre sinnvoll, wenn bereits zum Halbjahres-Abschluss am 30. Juni das an die Börse gehende Unternehmen existieren würde, heißt es in Finanzkreisen. Die Bahn strebe an, Mitte Mai einen Hauptversammlungsbeschluss zur Gründung der künftigen börsennotierten DB Mobility & Logistics herbeizuführen, und wolle den Handelsregister-Eintrag spätestens am 2. Juni erreichen.

Parallel dazu läuft die Auswahl des Emissionskonsortiums für die mit rund fünf Mrd. Euro größte Aktienplatzierung seit dem Börsengang der Deutschen Post Ende 2000 mit einem Volumen von 5,8 Mrd. Euro. Die Fragebögen sind am vergangenen Mittwoch an die Interessenten für ein Börsengangsmandat geschickt worden. Nach einer Woche erfolgt eine Vorauswahl durch die Bahn, die von der Investmentbank Rothschild bei ihrem Börsengang beraten wird. In rechtlichen Fragen steht der Bahn die Sozietät Freshfields Bruckhaus Deringer zur Seite.

Für die Position als globaler Koordinator für den Börsengang werden Morgan Stanley und Deutscher Bank die besten Chancen eingeräumt. Mit im Rennen ist zudem die Citibank, die von den Kontakten des ehemaligen KfW-Chefs Hans Reich profitiert. Credit Suisse versucht, mit der Hilfe von Klaus Scheurle-Dieter zu punkten, dem Ex-Präsidenten der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post. Merrill Lynch will mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten aus Baden-Württemberg Lothar Späth ein Mandat gewinnen, und Goldman hat traditionell gute Beziehungen zu Berlin. Außerdem macht Lehman Brothers mit dem ehemaligen Staatsminister im Bundeskanzleramt, Hans Bury, -Martin von sich reden. Auch UBS versucht, ganz vorne zu landen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Vorbereitungen des Börsengangs.

Die Auswahl des Konsortiums müsse bis Ende Mai abgeschlossen sein, damit dann überhaupt noch Zeit genug für das umfangreiche Due-Diligence-Prozedere bleibt. "Unter fünf Monaten ist da nichts zu machen", sagte ein Beteiligter. Denn Finanzvorstand Diethelm Sack müsse nicht nur eine handwerklich saubere Vorbereitung des Börsenganges hinlegen, sondern zugleich auch potenzielle Investoren überzeugen. In Road-Shows wird die Bahn ab Spätsommer für das neue Papier werben. Der Konzern hatte in der langjährigen Privatisierungsdiskussion immer wieder erklärt, mit der Aktie sollten vor allem institutionelle Anleger aus dem In- und Ausland angesprochen werden. Ein kleiner Teil werde auch für private Platzierungen, möglicherweise ein weiterer für Belegschaftsaktien zur Verfügung stehen.

Die Aktie wird voraussichtlich nur in Frankfurt notiert. Die Vorvermarktung der Aktien ist für Anfang Oktober geplant. Der Start der Preisbildung für die Aktien der Bahn, das sogenannte Bookbuilding, ist für Mitte Oktober angesetzt.

Wie hoch die Einnahmen aus dem Börsengang sein werden, ist eine große Unbekannte. Fachleute halten rund fünf Milliarden Euro für realistisch. Bei einer von der Politik angestrebten Drittelung der Börseneinnahmen für den Finanz- und den Verkehrsminister sowie die Bahn selbst könnte der Bund seine Mittel außer in Lärmschutz und Bahnhofssanierung auch in den Infrastrukturausbau zur Beseitigung von Kapazitätsengpässen stecken.

Die Privatanleger dürften in der Emission keine überragende Rolle spielen. Beobachter rechnen mit einer "realistischen Zuteilung" von nur rund zehn Prozent, da Volksaktien nach den Diskussionen um den Preisverfall der Deutschen Telekom nach deren dritter Emission sicherlich bremsend wirkten. Über die geplante Mitarbeiterbeteiligung an der Emission könnte ein weiterer Prozentpunkt bei Privatanleger landen, heißt es.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterKöpfe

Der Lotto-Millionär  Artikel in Merkliste

Jens Schumann ist hartnäckig und ausdauernd. Mit dem Glücksspielportal Tipp24 ist der 35-Jährige reich geworden. Heute bedroht der Glücksspielstaatsvertrag sein Geschäft. Dagegen kämpft Schumann an. Und sucht Zerstreuung in der realen Welt - außerhalb des Webs. Artikel


Anzeige