Keine Milch mehr, die Produktion der Bayernland Molkerei in Fürth steht offenbar still. Noch geben sich die Lebensmittelhändler vom Lieferboykott der Bauern noch unbeeindruckt. Bei den Milchhändlern sieht das schon anders aus. Und: Der Boykott weitet sich offenbar aus.
HB BERLIN. Jetzt ist es wohl passiert: Der Milchboykott der deutschen Bauern hat den ersten Betrieb lahmgelegt. Nichts geht mehr in der Fürther Molkerei Bayernland. Keine Milch mehr. Die Produktion in Fürth sei am Donnerstag eingestellt worden, sagte eine Unternehmensmistarbeiterin. Die Käserei fertigt rund 8000 Tonnen Emmentaler pro Jahr her.
Und auch die Milchhändler erklären ganz offen, dass sie den Lieferboykott der Bauern nicht auffangen können. "Wir können den Streik nicht 1:1 ausgleichen", sagte der Geschäftsführer von Apollo Milchprodukte, Uwe Kockerbeck, am Donnerstag in Kleve. "Wir können nicht so viel Milch von außerhalb einführen wie wir momentan verlieren." Der Milchpreis auf dem Spotmarkt sei binnen einer Woche von 28 auf mehr als 40 Cent gestiegen, berichtete der Großhändler.
Seit Dienstag boykottieren zahlreiche Milchbauern in Deutschland die Molkereien. "Der Spotmarkt reagiert auf Knappheit sofort, genau wie an der Tankstelle - dann geht der Preis nach oben ab", erläuterte Kockerbeck. Nur etwa zehn Prozent der in Deutschland produzierten Milch sei überhaupt frei handelbar, der Rest werde - im Rahmen langfristiger Verträge - von den Molkereien abgenommen. Zusätzliche Importe aus dem europäischen Ausland seien schwer zu organisieren. Die Milch dort ist natürlich auch verplant, außerdem streiken neben den deutschen Bauern auch einige im Ausland", sagte Kockerbeck
Der Lebensmittelhandel gibt sich indes unbeeindruckt: Die beiden Handelsgruppen Metro und Rewe gehen zum Beispiel unisono davon aus, dass sie und ihre Kunden von der Milchkrise nichts mitbekommen werden. Es seien im Moment noch ausreichend Milch-Vorräte vorhanden, sagte zum Beispiel Metro-Sprecher Moritz Zumpfort. Und sein Kollege Martin Brüning von Rewe erklärte: "Unsere Milchregale sind voll und wir erwarten auch nicht, dass sich das in den nächsten Tagen ändert." Für die Verbraucher gebe es keinen Grund, "zu Hamsterkäufen auszuströmen", betonte Brüning. Einen Plan B im Falle eines längerfristigen Streiks habe man bislang nicht ins Kalkül gezogen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einzelhandel gibt Entwarnung.
Auch der Einzelhandelsverband gibt demonstrativ Entwarnung: „Für den Zeitraum, der überhaupt überschaubar ist, können wir Entwarnung geben“, sagte Verbandssprecher Hubertus Pellengahr am Donnerstag in Berlin. Im Einzelhandel herrsche völlige Normalität. „Auch wenn die Kunden mehr kaufen, wie in den vergangenen Tagen, schafft es der Handel, die Regale wieder aufzufüllen“, betonte Pellengahr. Warnungen vor Engpässen seien Panikmache. „Wenn es zu einer Verknappung käme, hätte der Handel auch noch Instrumente, um die Entwicklung zu steuern“, sagte Pellengahr. Dazu gehöre etwa die Festsetzung einer Maximalmenge pro Käufer. „Aber noch nicht mal das passiert.“
Den könnten die Händler allerdings vielleicht noch gut gebrauchen. Denn der Milch-Lieferboykott weitet sich offenbar aus - und zwar über die deutsche Grenze hinaus. "Die wichtigen Länder wie Holland werden wohl dazustoßen. Da sind gestern letzte Gespräche mit der Milchindustrie gescheitert. In Frankreich haben gestern schon erste Maßnahmen begonnen, Molkereien lahmzulegen", sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber, am Donnerstag im RBB-Inforadio zur Ausweitung des Boykotts auf andere europäische Länder. Inzwischen sollen sich auch Italien und Belgien mit den Bauern solidarisch erklärt haben: "Die liefern keine Milch mehr an", sagte Schaber.
Er rechne damit, dass am Freitag überall in Deutschland die Milch knapp werde. Heute werde "70 Prozent weniger Milch kommen". "Es springen immer mehr Betriebe mit auf, besonders im Osten, auch größere Betriebe", sagte Schaber. Aussagen des Handels, Milch aus dem Ausland importieren zu können, nannte Schaber ein "Märchen". Seit Dienstag machen Bauern ihrer Wut über zu niedrige Milchpreise mit einem Lieferboykott Luft. Sie bekommen derzeit je nach Region zwischen 27 und 35 Cent je Liter Milch, fordern aber mindestens 40 Cent.

