
DüsseldorfEinen besseren Sendeplatz hat die ARD nicht zu vergeben. Um 20.15 Uhr, gleich nach der "Tagesschau", flimmern normalerweise "James Bond" oder "Die Verführerin" über den Bildschirm. Gestern aber wartete der öffentlich-rechtliche Sender mit einem Novum auf - einer Dokumentation über ein Unternehmen. Schonungslos nahm das Erste den Discounter Lidl unter die Lupe.
Billig, billiger, Lidl? Die beiden Autoren Herbert Kordes und Shafagh Laghai entzauberten den Mythos Lidl. "Wir haben die Preise der Warenkörbe mit 35 Produkten verglichen. Bei Lidl kostete es knapp 52 Euro. Der Preisunterschied zum teuersten Supermarkt, Rewe, betrug gerade mal 1,70 Euro", sagte Filmautor Kordes gestern dem Handelsblatt. Fazit seiner Recherchen: der Preisunterschied bei Lidl ist überschätzt.
Die Sendung ist aber nicht nur wegen ihres Ergebnisses bemerkenswert. Sie stellt für die ARD einen Paradigmenwechsel dar: Unternehmensberichterstattung findet in dem Sender sonst, wenn überhaupt, in den Politmagazinen statt, die im Geiste der Nach-68er-Bewegung entstanden und sich quasi selbst überlebt haben. Verbrauchernahe Themen gab es in dieser Länge und um die Uhrzeit noch nie.
Wer hatte eigentlich die Idee Aldi so zu gründen, wie wir es heute kennen? Es wird wohl nie endgültig zu klären sein. Aber viele Indizien deuten darauf hin, dass es eher Karl Albrecht war als sein Bruder Theo. Das soll aber nicht schmälern, welch wichtigen Beitrag auch Letzterer beitrug.
Der Krieg war aus. 1946 im zerbombten Essen-Schonnebeck begann die Erfolgsgeschichte zwischen Lebensmittelkartons und Krämerware. Das Brüderpaar Karl und Theo Albrecht erkannte die Chance, die die Phase der sozialen Umorientierung bot. Sie bauten den Tante-Emma-Laden der Eltern aus.
Karl und Theo Albrecht erkannten rasch, dass der Laden der Eltern ihnen beiden keine Zukunftsaussicht bot. Sie entdeckten die betriebswirtschaftliche Zauberformel der Zeit „Nachfrage versus Bedarfsdeckung“ für sich und schafften es, sie im Sinne des Kunden zu lösen.
Karl und Theo Albrecht lebten die Anforderungen der damaligen Zeit in perfekter Symbiose. Sie hatten weder äußerlich viel gemeinsam noch waren sie ähnlich gepolt. Theo überragte seinen Bruder um Kopfeslänge. Doch der „Kleinere“ war Vordenker und Impulsgeber. Ungeduldig, beredt, rastlos, bisweilen explosiv war Karl. Theo wirkte dagegen eher zurückhaltend, sogar zögerlich abwägend.
Die beiden Brüder waren in ihrer uniformen Arbeitsauffassung füreinander ein Glücksfall. Von vornherein waren die Aufgaben geteilt: Karl versah den Innen-, Theo den Außendienst. Sprich: Karl kümmerte sich um die schwierige Einkaufspolitik. Es war nicht einfach, die richtige Ware preiswert und in ausreichende Menge zu erhalten. Theo betreute die Verkaufsstellen sowie die Verwaltung und Buchhaltung.
1946 begann es mit dem kleinen Laden der Eltern. 1950 nannten die beiden Brüder eine Kette von 13 Läden inklusive Bedienungen ihr Eigen. Nun strukturierten sie ihre Läden nach dem Discountprinzip um. 1961 trennten sie ihre Geschäfte in Aldi Nord und Aldi Süd.
Zur moralischen Stabilität ihrer Konzerne trug maßgeblich die persönliche Lebensweise der Brüder bei. Beide waren im Auftreten zurückhaltend und lebten bescheiden. Sie waren nach alter Schule nach den Prinzipien Sparsamkeit und Kargheit erzogen.
Als einzigen „Luxus“ erlaubten sie sich ein eigenes Auto. Auf sein Golfschloss in Donaueschingen schickte Karl Albrecht seine Führungskräfte zum Entspannen. Die Brüder kannten keine Scheu vor ihrer kleinbürgerlichen Herkunft. Die Adresse Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck wollten sie nie abstreifen. Sie waren stets praktizierende Katholiken und wollten in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich wahrgenommen werden.
Theo Albrecht hatte eine Marotte: Er wollte jede Filiale sehen, bevor die zentrale Schreinerei an die Fertigung der Regale und Einrichtungsteile ging. Dabei kümmerte den Hobbyarchitekten die Delegation von Aufgaben zur eigenverantwortlichen Erledigung nur bedingt. Es galt: In dubio pro Theo.
Es gab durchaus Spannungen zwischen dem quirligen Theo und dem abwägenden Karl Albrecht. Besonders deutlich wurde das beim ersten Schritt über die Grenzen Deutschlands. 1971 expandierte Aldi nach Österreich. Karl war es, der die Familie als erster international aufstellte. Heute firmiert Aldi Nord in Österreich übrigens unter dem Namen „Hofer“.
Verschwiegenheit war stets Trumpf im Hause Albrecht. Aldi lässt sich partout nicht in die Karten schauen. Die totale Verschleierung aller Kulissen ist institutionalisiert. So wenig undichte Stellen wie möglich, lautet die Devise.
Die Brüder gaben sich Maßregeln, die zu unverrückbaren internen Prinzipien wurden: Keine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Keine Firmensprecher. Keine Interviews im Radio oder Fernsehen. Keinerlei mondäner Lifestyle. Keine Lobbyarbeit. Keine Firmenjubiläen. Lückenlose Rückgabe von Werbegeschenken.
Die Zurückhaltung hatte einen guten Grund: Abgucker und Schmarotzer sollte keine Gelegenheit zur Einsicht in Interna haben. Die innovative Discount-Struktur war eine zarte Pflanze und schutzbedürftig. Das neue Konzept musste sich in Ruhe verfestigen. Erfahrungen waren Gold wert.
Aldis Verwaltungsrat ist ein frei schwebendes Organ. Gesellschaftsrechtlich ist es nirgendwo in den Statuten eingebunden. Seine Mitglieder haben freiberuflichen Status, sind aber dennoch die „Macher“: Der Verwaltungsrat ist das zentrale Machtorgan des Konzerns. Aldi steht seit jeher zu seinem Führungssystem, dass sich mit dem Wort Durchgriffs-Management am besten umschreiben lässt. Der Verwaltungsrat hat den Alleinführungsanspruch.
Aldi stellte stets besondere Anforderungen an seine Mitarbeiter und richtet seine Personalsuche darauf ab. Vorstellungsgespräche sind exzessiv angelegt, manchmal über mehrere Sitzungen. Man lotet die charakterlichen und sozialen Hintergründe des Bewerbers genau aus. Personalvermittlungen kommen nicht zum Zug.
Natürlich variiert das Anforderungsprofil je nach Stelle, aber es gibt gewisse Grundvorstellungen: Der Bewerber sollte unauffällig und zurückhaltend im Auftreten sein, seine Bekleidung schlich und gediegen, seine Herkunft möglichst bodenständig, die Familienverhältnisse geordnet, Sparsamkeit wird sehr geschätzt wie auch Pflichtbewusstsein und Normalität hinsichtlich des Lebensprinzips.
Das Warenumschlagssystem von Aldi mit seinen schematisierten Abläufen erfordert erfahrene Praktiker. Es wird nicht vorrangig Kopfarbeit am Schreibtisch verlangt. Wer richtig aufsteigen wollte, hatte bei den Albrechts eine Ochsentour vor sich. Ein Akademikerstatus ist entbehrlich.
Für Aldi liegt das Geheimnis des langfristigen Erfolges im Zeitmanagement der Führungskräfte. Es gibt eine detaillierte Planungsphilosophie und strenge Normen nach dem Motto: Plan dich oder friss dich! Zudem hat Aldi ein umfangreiches Prämiengerüst. Bezirksleiter bekommen solche und vergeben wiederum welche an ihre Filialleiter. Einzig der Geschäftsführer bekommt keine Prämie.
Wer den Ansprüchen Aldis gerecht werden will, muss sie beherrschen: die Handbücher. Das gilt aber vor allem für die regionalen Geschäftsführer. Aldi Nord hat im Laufe der Jahre alles, was Firmeninterna angeht, in solchen Handbüchern fortgeschrieben. Da ist einiges Zusammengekommen – viel Lesestoff.
Aldi-Mitarbeiter lachen wenig. Zu stark lastet der Druck auf allen. Er wird von der Spitze her aufgebaut und durchgereicht. Das einzige, was lacht, ist die Liquidität.
Es ist auch für Journalisten vom Fach sehr schwierig, Details über die beiden Aldi-Konzerne herauszubekommen. Das Unternehmen ist nicht börsennotiert und somit nur zu bestimmten Veröffentlichungen verpflichtet. Umso wertvoller sind glaubwürdige und detaillierte Berichte, wie sie Eberhard Fedtke in seinem Buch nun geliefert hat. Er war viele Jahre lang Gesellschafter bei dem Konzern.
Bibliografie:
Eberhard Fedtke
Aldi Geschichten. Ein Gesellschaftler erinnert sich
NWB Verlag, Herne 2011
296 Seiten
Der Sinneswandel ist die Folge einer Erfolgsgeschichte: Denn der WDR hatte Ende August vergangenen Jahres einen "Aldi-Check" ausgestrahlt. Der Zuschauererfolg über die Discounter-Kette verblüffte selbst erfahrene Programmmacher. Der WDR erreichte in Nordrhein-Westfalen mit dieser Dokumentation einen Marktanteil von 20 Prozent. Das entspricht 1,33 Millionen Zuschauern in NRW. Diese außergewöhnliche Quote ermutigt nun die ARD, Wirtschaftsreportagen auch in die Hauptsendezeit zu nehmen.
Und auch mit dem "Lidl-Check" erreichte der Sender eine Traumquote: Nach Angaben des Branchendienstes Meedia sahen bundesweit rund 6,3 Millionen Menschen (Marktanteil: 18,5 Prozent) die Dokumentation, darunter rund 2,2 Millionen aus der begehrten Zielgruppe der 14 bis 49 Jahre alten Zuschauer. Laut dem Mediendienst Meedia schlug die ARD damit sämtliche Konkurrenzsendungen, die ebenfalls um 20.15 Uhr starteten.
Und der "Lidl-Check" gestern Abend war nur der Auftakt. Nächste Woche folgen zur gleichen Sendezeit der "McDonald's-Check" und in zwei Wochen der "H&M-Check".
Sie knebeln natürlich die Hersteller!! Schauen Sie in die dt. Landwirtschaft, und sie werden sehen, was ich meine... (Ja, Landwirte produzieren Nahrungsmittel, nicht Aldi oder Lidl...)
@Scherzkeks
Ihr Beitrag gefällt mir, da er das "Problem" weitaus differenzierter betrachtet und eher im Kern trifft als 99% des Populismus, der hier oft verbreitet wird.
Was das Verhalten des Einzelnen angeht haben sie Recht:
Das bewirkt wenig bis garnichts.
Wenn man allerdings vorraussetzt, dass eine genügend große Menge gewisse Werte vertritt (faire Löhne, keine Ausbeutung, keine Kinderarbeit, keine Massentierhaltung, kein Atomstrom, usw.), dann würde - ein konsequentes Handeln jedes einzelnen Mitglieds dieser Personenmenge - durchaus eine gewisse Änderung bewirken können.
Und selbst wenn das nicht so ist, dann gehört es zumindest zu meinem persönlichen Moralverständnis nicht Wasser zu predigen und Wein zu trinken.
@Veritas: Das Problem ist wieder so ein Paradoxon der Makroökonomie. Ihr Vorwurf ist auf den Einzelnen bezogen unangebracht. Sie unterstellen (das Gute im Menschen voraussetzend) dass ein geändertes Verhalten des Einzelnen etwas bewirkt.
@all
Ich lebe in einer Stadt in der die Lebensmittelindustrie Tradition hat. Da ich in unterschiedlichen Wirtschaftssystemen gelebt habe stelle ich fest:
1. Die blühenden Landschaften sind oberflächlich betrachtet toll. Endlich ist die Wiese grün, der Wald gesund, die Erde rund und frei bereisbar. TV und Presse BILDen BUNT und alles toll ^^
2. Um arbeiten zu dürfen reise ich jetzt (virtuell oder körperlich) ständig quer durch die Welt. Und alle machen es so. Kaum einer lebt und arbeitet mehr als 10 Jahre an einem Ort, außer den Leistungsempfängern. Wir müssen uns ja gegen China erwehren.
3. Wenn ich ein Stück Butter kaufe, bezahle ich für die 250g 0815-Standard-Butter je nach Einkaufsmacht der Handelskette zwischen 98ct und 1,69€. Preise sind reine Willkühr.
Der Einzige Witz daran ist: Die Butter aus meiner Heimatstadt kostet stets mindestens 10 bis 20ct mehr als z.B. bayrische ?!
3. Das System ist KRANK! Das Dumme daran ist nur: Auch mein Gehaltsscheck wird nur überwiesen wenn ich im globalen Wettbewerbszirkus mal wieder einen Treffer landen konnte.
FAZIT:
Nein, ich mecker nicht, denn es geht mir gut. Sehr gut sogar.
Nein, ich kaufe weiterhin NUR heimische Butter (Bayern ist reich genug).
Nein, ich wünsche mir weder Trabi noch Mauer noch FDJ-Hemd zurück.
Aber:
Das hier ist ein Egoisten-System.
Wir sind Gefangene eines Systems (Zentralstaaten, Marktwirtschaft mit Wettbewerb der Kulturen, der Wechselkurse und der Lobby-Kreise, Glaubenskriege, Neid als Antrieb für Terrorismus usw.).
Für mich fängt eine neue Revolution damit an, dass die Masse beginnt die Veralberung aus Werbung, FastFood, Pauschaltourismus, Silikonbrüsten usw. zu erkennen.
Derzeit nicht in Sicht, die Menschheit geht kaputt!!
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