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dm-Chef Erich Harsch: „Wir schauen bei dm wenig auf die anderen“

exklusivErich Harsch erreicht mit seiner Drogeriekette seit Monaten zweistellige Zuwachsraten – nicht zuletzt auch wegen der Schleckerpleite. Die Verteilungskämpfe sind noch nicht vorbei. Der dm-Chef im Interview.

Erich Harsch erzielte mit seinem Unternehmen in Deutschland im zurückliegenden Geschäftsjahr einen Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro. Quelle: dpa
Erich Harsch erzielte mit seinem Unternehmen in Deutschland im zurückliegenden Geschäftsjahr einen Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro. Quelle: dpa

Handelsblatt: Herr Harsch, Sie sehen in Deutschland Potenzial für weitere 800 bis 900 dm-Filialen. Trotzdem haben Sie Stand heute nur neun Läden von Schlecker und „Ihr Platz“ übernommen, angekündigt waren bis zu 80. Wie kommt das?

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Erich Harsch: „Das liegt daran, dass der Insolvenzverwalter lieber größere Pakete schnüren wollte. Für uns aber bildete die Anzahl der Perlen kein Gegenwert für die im Angebot enthaltenen schlechten Standorte. Wir achten sehr darauf, dass wir ein gesundes Ladennetz haben. Es gab einfach nicht genug gute Objekte.“

Wurmt es Sie denn gar nicht, dass sich Ihr Verfolger Rossmann 100 „Ihr Platz“-Filialen gesichert hat – vor allem die hochfrequentierten Bahnhofsläden?

„Sicher gibt es ein paar Standorte, die wir gerne gehabt hätten. Aber die Bahnhofsfilialen haben auch viel höhere Aufwendungen als andere Läden, etwa wegen der längeren Öffnungszeiten. Das spielt mit eine Rolle.“

Das dm-Geschäftsjahr in Zahlen

  • Umsatz

    Das Unternehmen im zurückliegenden Geschäftsjahr die 5-Milliarden-Euro-Umsatzmarke klar übersprungen. Die Monate Mai bis September sorgten für überdurchschnittliche Werte beim Umsatz und für ein Wachstum, das deutlich im zweistelligen Bereich liegt.

    Auf das gesamte Geschäftsjahr gesehen, wuchs dm in Deutschland um 14 Prozent und konnte seinen Umsatz auf 5,112 Milliarden Euro steigern; auf bestehender Fläche erreichte dm ein Plus von 8,8 Prozent.

  • Wachstum

    Konzernweit verzeichnet dm mit 11,3 Prozent ebenfalls ein zweistelliges Wachstum. Das Unternehmen erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2011/2012 in zwölf europäischen Ländern insgesamt 6,872 Milliarden Euro. In Österreich und Südosteuropa konnte dm den Umsatz mit einem Wachstum von 4,3 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro steigern.

  • Investitionen

    Insgesamt wurden im zurückliegenden Geschäftsjahr in Deutschland rund 120 Millionen Euro investiert, der Schwerpunkt lag hier auf den Filialen. „Für das Geschäftsjahr 2012/2013 sind in Deutschland Investitionen von über 160 Millionen Euro geplant“, sagt Martin Dallmeier, als dm-Geschäftsführer Nachfolger von Marco Mescoli und verantwortlich für das Ressort Finanzen + Controlling.

    Die Gesamtinvestition in Europa im Geschäftsjahr 2012/2013 liegt bei mehr als 238 Millionen Euro.

  • Filialen

    Die Entwicklung des Unternehmens ermöglichte es dm-drogerie markt, in Deutschland 118 neue Märkte zu eröffnen und seine Expansion damit deutlich über Plan abzuschließen. Insgesamt investierte dm im abgelaufenen Geschäftsjahr mehr als 100 Millionen Euro in die Regeneration und den Ausbau seines Filialnetzes, der Nettozuwachs betrug 89 dm-Märkte. Im laufenden Geschäftsjahr wird dm mehr als 130 Millionen Euro in neue und bestehende Märkte investieren.

  • Mitarbeiter

    Die Anzahl der Mitarbeiter in Deutschland erhöhte sich um 3.659 und liegt mittlerweile bei 29.109. Die erste nationale Mitarbeiterbefragung von dm, an der sich weit mehr als die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen beteiligt hat, belegt, dass die Menschen sich mit dem Unternehmen verbinden: 97 Prozent der Mitarbeiter gaben an, „gerne bei dm“ zu arbeiten, und 93 Prozent empfinden ihre Arbeit als sinnvoll.

  • Lehrstellen

    Zum Ausbildungsstart 2013 schafft dm rund 1.500 neue Ausbildungsplätze – so viele wie nie zuvor in der Unternehmensgeschichte. „Seit Beginn unserer Ausbildungsinitiative im Jahr 1998 haben wir 11.000 jungen Menschen den Start ins Berufsleben ermöglicht. Besonders freut uns, dass der Großteil von ihnen dem Unternehmen und den dm-Kunden treu geblieben ist“, sagt Christian Harms. „Viele unserer ehemaligen Lehrlinge leiten heute eine Filiale.“ Unter deutschen Jugendlichen gilt dm laut einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts trendence unter Schülern als Top-Ausbilder: Demnach erreicht dm im Schüler-Ranking Platz 37 und gehört zu den Unternehmen mit dem höchsten Zuwachs an Beliebtheit. Unter den Lebensmitteleinzelhändlern hat dm die beste Platzierung.

  • E-Bon

    Seit dem 13. September bietet dm seinen Payback-Kunden eine Alternative zum gedruckten Kassenbon. Sie können sich den sogenannten E-Bon per E-Mail nach Hause schicken lassen, sodass kein Papierausdruck mehr nötig ist. „Wir wollen unseren Kunden mit dem E-Bon eine nachhaltige und praktische Alternative zum Kassenbon bieten. Denn das eingesparte Papier schont nicht nur die Umwelt, sondern beschleunigt auch den Kassiervorgang. Verlorene Kassenbons gehören der Vergangenheit an“, erklärt Roman Melcher, der als Geschäftsführer für das Ressort Informationstechnologie verantwortlich ist.

    Den elektronischen Kassenbon können alle Payback-Kunden in Anspruch nehmen, die sich zur Teilnahme am dm-E-Bon registriert haben. Sie erhalten automatisch einen elektronischen Kassenbon als pdf-Datei an ihre registrierte E-Mail-Adresse.

Trotzdem kämpfen Sie noch immer mit Rossmann um einzelne Filialen, etwa im hessischen Limburg an der Lahn ...

„Es gibt ein paar Vermieter ehemaliger Schlecker-Filialen, die lieber dm als Mieter hätten. Da werden wir uns natürlich bei den Objekten, die wir ohnehin haben wollten, nicht verschließen. Da freuen wir uns auch drüber, wenn wir dann doch noch am Ende des Tages den Zuschlag erhalten.“

Rossmann hat rund 2000 ehemalige Schlecker-Mitarbeiter eigenstellt. Und dm?

„Es sind geschätzt 800 Mitarbeiter – und dass, obwohl wir nur eine Handvoll Filialen übernommen haben.“

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Viele Experten sagen, die Schlecker-Kunden zieht es eher zu Rossmann, da sie stark auf den Preis achten und von den Rabattaktionen angelockt werden ...

„Das halte ich für ein Märchen. Wenn die Schlecker-Kunden so sehr auf den Preis fixiert wären, dann hätten sie nicht über so viele Jahre 15 bis 20 Prozent Preisunterschied zu uns akzeptiert. Man darf die Menschen nicht für bescheiden erkenntnisreich halten, das wäre ein Fehler.“

Aber warum sind sie dann zu Schlecker gegangen?

„Ich denke, die meisten hatten nur einen Grund bei Schlecker zu kaufen: die Bequemlichkeit, weil die Läden meist um die Ecke lagen. Deswegen arbeiten wir intensiv daran, dass in den nächsten Jahren jeder Bundesbürger einen dm-Markt in erreichbarer Nähe findet.“

Was Kunden an dm schätzen

  • Freundlichkeit

    Neben dem Sortiment und der Warenpräsentation schätzen Kunden an dm die freundliche Einkaufsatmosphäre.

  • Mitarbeiter

    Positiv wahrgenommen wird aber auch das mitarbeiterfreundliche Credo.

  • Verantwortung

    Das Bekenntnis zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung (und sichtbare Beweise dafür) werden ebenso geschätzt, ...

  • Stimmigkeit

    ...wie die Stimmigkeit von "innen" und "außen".

  • Charisma

    Eine große Rolle spielt außerdem die Identifikationsmöglichkeit durch einen charismatischen Unternehmenslenker.

  • Abgrenzung

    Genauso schätzen die Kunden die eindeutige Abgrenzung von Wettbewerbern mit einer Kultur nüchterner Kostenoptimierung.

    (Quelle: Hermann H. Wala, Meine Marke - Was Unternehmen authentisch, unverwechselbar und langfristig erfolgreich macht)

Wo fehlt Ihnen denn noch diese Nähe?

„Natürlich sind wir in den nördlichen Bundesländern, weil wir dort später angefangen haben, noch weniger dicht verbreitet. Wir betrachten aber Standort für Standort, deswegen kann ich das nicht pauschal beantworten. Viele machen den Fehler, zu mechanistisch zu arbeiten. Das wollen wir vermeiden.“

Wie stark schauen Sie auf die Konkurrenz, gerade auf die Discounter und Supermärkte? Die buhlen ja auch massiv um die Schlecker-Kundschaft!

„Wir schauen bei dm wenig auf die anderen. Wir gucken auf uns und unsere Stärken. Der Kunde entscheidet den Rest.“

Die Wahrheit über dm Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein – aber warum?

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Sie waren auch interessiert an dem Online-Shop von Schlecker. Warum haben Sie da nicht zugegriffen?

„Im Online-Shop von Schlecker wurden viele Nicht-Drogerieartikel verkauft und die Drogerieartikel, die verkauft wurden, hatten eine sehr geringe Marge. Bei unserer Prüfung hat sich gezeigt, dass es sich wirtschaftlich schlichtweg nicht rechnet, diese Produkte in die entlegensten Gegenden zu transportieren.“

Sie verkaufen Ihre Eigenmarken-Produkte seit etwas gut einem Jahr über einen eigenen Webshop bei Amazon. Wie läuft das Geschäft?

„Da müssen wir längerfristig denken. Amazon hat mit dem breiten Sortiment sicher bessere Möglichkeiten als wir, eine vernünftige Mischkalkulation zu gestalten.“

Seit 2011 sitzt Christoph Werner, der Sohn von dm-Gründer und –Aufsichtsrat Götz Werner, in der Geschäftsführung. Wird er Sie irgendwann beerben?

„Das ist mir nicht bekannt [lacht].“

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