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Dumpinglöhne in der Bio-Branche: Glückliche Kühe statt glückliche Mitarbeiter

Sie stehen für umweltschonende Landwirtschaft und fairen Handel, aber auch bei Öko-Märkten gibt es niedrige Löhne. Glückliche Kühe auf Kosten der Mitarbeiter. Nach Alnatura sorgt nun die Bio-Kette Denn's für Unruhe.

„Die Tarifverträge werden für den Mainstream gemacht“, begründet Denn's-Chef Thomas Greim gegenüber der „taz“ die Arbeitsbedingungen in seiner Bio-Kette. Quelle: dpa
„Die Tarifverträge werden für den Mainstream gemacht“, begründet Denn's-Chef Thomas Greim gegenüber der „taz“ die Arbeitsbedingungen in seiner Bio-Kette.Quelle: dpa

DüsseldorfEs sind Vorwürfe, denen sich sonst die Billiganbieter im Handel ausgesetzt sehen. Vorwürfe, die so gar nicht zum guten und anthroposophischen Image in der Bio-Szene passen wollen und die leider auch kein Geheimnis mehr sind.

Viele Öko-Händler, die auf eine angemessene Bezahlung und Behandlung von Kleinbauern in Entwicklungsländern pochen, bezahlen ihre eigenen Mitarbeiter teils schlechter als die konventionellen Läden. Sogar die Discounter Lidl und Aldi zahlen Tarif, aber der Biofachhandel nicht. Öko-Händler, die zwar hohe Maßstäbe an einen fairen Umgang miteinander legen, die Kühe auf der Wiese dann aber besser behandeln als ihr Personal – bedenklich.

Aktueller Fall: Deutschlands größte Bio-Supermarktkette Denn's, bei der 1.300 Menschen arbeiten. Am Wochenende berichtete die Tageszeitung „taz“ von Dumpinglöhnen und Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz. Bei dem Öko-Unternehmen, so heißt es in der Recherche, müssen Beschäftigte oft länger und in kürzeren Abständen schuften als erlaubt und die Löhne liegen teils unter dem Niveau, das Gewerkschafter und Unternehmer als Untergrenze für den Einzelhandel vereinbart haben.

Die unterschiedlichen Mindestlöhne in Deutschland

  • Pflegebranche

    Knapp 800.000 Pflegekräfte erhalten seit dem 1. August 2011 einen gesetzlichen Mindestlohn. Pflegehilfskräfte in der Alten- und ambulanten Krankenpflege im Osten 7,75 Euro und im Westen auf 8,75 Euro.

  • Wach- und Sicherheitsgewerbe

    Für die 170.000 Beschäftigten der Branche soll der Mindestlohn in allen Regionen Deutschlands ab Anfang 2013 mindestens 7,50 Euro betragen. Für einzelne Regionen im Osten bedeutet dies eine Lohnerhöhung um bis zu 60 Prozent. Die Verordnung, die seit dem 01. Juni 2011 gilt, ist bis 31. Dezember 2013 befristet.

  • Abfallwirtschaft

    Ob Straßenreiniger, Sortierkraft, oder Müllwerker: Für 160.000 Beschäftigte der Abfallwirtschaft hatten Union und FDP kurz vor Weihnachten 2009 nach internem Zwist den Weg für einen Mindestlohn frei gemacht. Dieser beträgt seit dem 1. November bundeseinheitlich 8,33 Euro.

  • Bergbau- und Spezialdienste

    Für die etwa 2500 Beschäftigten gilt seit Oktober 2009 ein Mindeststundenlohn. Ab dem 1. November 2011 werden 11,53 Euro für einfache Tätigkeiten gezahlt, Facharbeiter erhalten 12,81 Euro.

  • Maler- und Lackierer

    Für ungelernte Arbeitnehmer der Branche mit etwa 100.000 Beschäftigten gilt eine Lohnuntergrenze von 9,75 Euro, Gesellen verdienen 12,00 Euro pro Stunde.

  • Industrielle Großwäschereien

    Die etwa 35.000 Beschäftigten erhalten seit April 2012 mindestens 8,00 Euro im Westen und 7,00 Euro im Osten.

  • Gebäudereiniger

    Der Mindestlohn für die rund 700.000 Beschäftigten wurde vor kurzem angehoben. In der Innenreinigung werden seit 2012 nun mindestens 8,82 Euro im Westen (7,00 Euro im Osten) gezahlt, während Fassadenreiniger 11,33 Euro (8,88 Euro) erhalten.

  • Dachdecker

    Die etwa 84.000 Arbeitnehmer bekommen seit Jahresanfang bundeseinheitlich einen Mindestlohn von 11,00 Euro. Ab Januar 2013 sind es 11,20 Euro.

  • Bauhauptgewerbe

    Für die etwa 414.500 Beschäftigten im Westen gilt seit dem 01. Juli ein Mindestlohn von 11,05 Euro für Werker und 13,40 Euro für Fachwerker. Die 127.600 Beschäftigten im Osten verdienen einheitlich mindestens 10,00 Euro.

  • Elektrohandwerk

    Betroffen sind etwa 280.000 Arbeitnehmer, die ein Mindestentgelt von 9,80 Euro (8,65 Euro Ost) erhalten.

  • Gerüstbau

    Für die rund 30.000 Gerüstbauer in Deutschland gibt es seit dem 01. August einen bundesweiten Mindestlohn. Erstmals wurde eine untere Lohngrenze von 9,50 Euro in Ost und West vereinbart.

  • Berufliche Weiterbildung

    Auch rund 23.000 Angestellte, die als Lehrer, Sozialpädagogen oder Handwerksmeister Jugendliche aus- und Arbeitslose weiterbilden, bekommen einen Mindestlohn. Er liegt je nach Tätigkeit bei mindestens 12,60 Euro im Westen und bei 11,25 im Osten.

  • Briefdienstleistungen

    In weiteren Branchen ist ein Mindestlohn rechtlich möglich, aber nicht in Kraft. Betroffen ist zum Beispiel die Branche Briefdienstleistungen: Für Briefzusteller war 2009 ein Mindestlohn von 9,80 Euro festgelegt worden. Das Bundesverwaltungsgericht hat den Mindestlohn aber im Januar 2010 gekippt, da er rechtswidrig zustandegekommen sei.

  • Forstliche Dienstleister

    Für diese Branche liegen Mindestlohntarifverträge vor, die noch nicht für allgemeinverbindlich erklärt wurden. Vereinbart sind 10,52 pro Stunde.

  • Steinmetze und Steinmaurer

    Auch im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk gibt es Mindestlohntarifverträge, die noch nicht für allgemeinverbindlich erklärt wurden. Vereinbart wurde ein Mindestlohn von 9,75 bis 11,00 Euro pro Stunde.

  • Abbruch- und Abwrackgewerbe

    Hier galt bis Ende 2008 ein Mindestlohn von 9,10 Euro bis 11,96 Euro. Ausführliche Informationen zur Allgemeinverbindlichkeit und geltenden Mindestlöhnen bietet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Verkäuferinnen schildern, dass ihre Pausenzeiten regelmäßig zu kurz seien und ein ehemaliger Filialleiter, der im Schnitt elf statt acht Stunden arbeitete, schildert, wie er die Personaleinsatzpläne frisiert habe, „damit es ordentlich aussieht.“ Auch andere frühere Ladenchefs berichten davon, dass sie länger als erlaubt im Markt geständen hätten. Einer sagt: „Denn‘s ist ein Ausbeuterladen.“

Die Begründung von Denn's-Chef Thomas Greim, warum er seinen Angestellten einen Tariflohn verweigert, ist bemerkenswert: „Wir haben ja auch Kunden, die Fragebedürfnisse haben oder menschliche Nähe suchen. Das kostet Zeit.“ Damit sei keine Wertschöpfung verbunden. Dass Ruhepausen zu kurz waren, bestreitet er nicht. Feststehe aber, so Greim: „Die Stunden werden erfasst“, seit Mai in allen Läden auch mit einer Software, die Verstöße kontrolliere und verhindere.

Schnell taucht in der Debatte um das Lohnniveau in der Bio-Branche deshalb immer auch der Hinweis auf sogenannte weiche Faktoren auf: Der Verkauf von Bio-Lebensmitteln sei schließlich eine sinnvolle und befriedigende Tätigkeit. Das Arbeitsklima sei gut, die Hierarchien flach, die Arbeitszeiten flexibel gestaltbar und die Möglichkeit, Abläufe selbständig zu gestalten, sei höher als in konventionellen Betrieben.

Auch aus dem Hause Denn's wird gekontert: „Darüber hinaus gewährleisten wir eine pünktliche Lohnzahlung, einen deutlichen Einkaufsrabatt für Mitarbeiter, Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Jahressonderzahlungen“, heißt es aus der Pressestelle.

Das niedrige Löhne und Selbstausbeutung in der Biobranche keine Seltenheit sind, zeigt auch der Fall von Denn's Öko-Konkurrenten Alnatura, der vor drei Jahren ebenfalls wegen Dumpinglöhnen in die Schlagzeilen geraten ist.

  • 28.05.2013, 16:55 UhrHeidi

    Naja - Ich habe schon FAIRständnis daß man auch in der Bio-Branche FAIRdienen will - und das geht nun mal am besten in dem man Mitarbeiter FAIRarscht und Kunden FAIRblödet.

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