
DüsseldorfAlle sechs Wochen trafen sich die „zwölf Apostel“ - die Geschäftsführer von Aldi Nord, der Verwaltungsrat und der Chef des zentralen Einkaufs. Das Programm: pflichtschuldig konzentriertes Zuhören und Abnicken vorgefasster Beschlüsse. Beim letzten Abendessen trällerten sich dann alle den Frust der 72-Stunden-Tortur aus den Rippen, bevorzugt „Prost, Prost, meine Herren“. Alle - außer Theo Albrecht. Der, wenn er nicht schon zur Ruhe gegangen war, nur ein bisschen summte.
Das ist nur eine von mehr als 40 „Aldi-Geschichten“, die Eberhard Fedtke, 75, in seiner Zeit bei Aldi erlebt hat. Sein gerade erschienenes Buch ist ein an Nähe nie da gewesenes Porträt von Deutschlands legendärem Discounter und seinen verschwiegenen Gründern Karl und Theo Albrecht. Reich an bislang unbekannten Interna, informativ, mit Dokumenten belegt - humorvoll eingebettet. Fedtke - zwischen 1967 und 1977 erst anwaltlicher Mitarbeiter der Aldi-Brüder, dann bei Aldi Nord Geschäftsführer der Regionalniederlassung Essen mit rund 40 Filialen und einem jährlichen Umsatz von damals gut 320 Millionen Mark - schildert die „kaufmännische Meisterleistung“, aber auch die systemimmanente „Total-Kontrolle“. Zutage kommen Szenen des Aldi-Alltags in den 60/70ern - einzigartig, aber nicht frei von Kritik.
Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.
Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.
Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.
Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.
Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.
Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.
Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen.
Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.
Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.
Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.
Egal wie günstig ein Produkt ist – die Qualität muss stimmen: Aldi testet wie auch die anderen Discounter ständig seine aktuellen und auch mögliche neuen Produkte. Zudem nützt das tollste Sonderangebot nichts, wenn es um 11 Uhr ausverkauft ist.
Kein Produkt hat bei Aldi eine Existenzgarantie. Jeder Lieferant ist austauschbar. Und das lässt Aldi seine Partner ganz genau wissen. Es herrscht rigorose Preiskontrolle vom Einkauf bis zum Verkauf. Der Kunde entscheidet. Nimmt er ein Produkt nicht (mehr) an, fliegt es aus dem Sortiment. Das gilt besonders für Sonderverkäufe. Schlagen sie nicht ein, bekommen sie keine zweite Chance.
Im Fachjargon heißen sie Zugartikel, die Produkte, an denen Aldi praktisch nichts verdient. Die Marge liegt nahe null, aber sie sind dennoch sehr wichtig. Denn sie locken Kunden in den Laden. Und die Kunden kaufen dann eben auch andere Produkte, wo die Margen entsprechend höher liegen. Die sogenannte Quermarge stimmt also auch bei Zugprodukten.
Regale sind das eine, Vorstelltische das andere. Bei Aldi haben sie eine sehr hohe Bedeutung. Reste gehen hier rasant weg.
Der Filialleiter hat die wesentliche Aufgabe, sein Personal geschickt einzuspannen. Aldi näht hier auf Kante, sprich: Die Personaldecke ist extrem eng. Im Krankheitsfall bricht rasch der Notstand aus, wenn nicht umgehend Ersatz zur Hand ist: verdreckte Böden, unsortierte Regale, Schlangen an den Kassen. Entsprechend sind Filialleiter entscheidende „Produktchefs“ und es gelten hohe Standards.
Heute, in Zeiten der Piep-Piep-Kassen, ist es nicht mehr so wichtig: Aber groß geworden ist Aldi auch wegen einer vermeintlich selbstverständlichen Eigenschaft der Kassiererinnen und Kassierer: Sie kannten die Preise der Produkte auswendig und konnten sie blitzschnell in die Kasse eingeben.
Die Logistik dahinter ist alles andere als einfach: Wie bekommt man all die hohen Bargeldsummen, die sich in den Kassen auftürmen, sicher zur Bank? Das ist die eine Frage, die Discounter wie Aldi lösen müssen. Die andere ist, wie man die Liquidität möglichst schnell reinvestiert. Be einer Umschlaggeschwindigkeit der Waren von 8,5 Tagen und einem Zahlungsziel von 14 Tagen gegenüber dem Lieferanten ist die Ware nahezu zweimal verkauft, ehe sie einmal zu bezahlen ist. Und das mit zwei Prozent Skonto.
Wohin also mit dem Geld? Die erste Antwort lautet: Nicht mehr mieten, sondern kaufen – also die Immobilien, in denen sich die Filialen befinden. Zudem fließt bei Aldi viel Geld in die Familienstiftung. Dort wird es gefahrensicher angelegt. Zudem war Aldi frühzeitig darauf aus, in der Plastikindustrie zuzukaufen.
Aldi ging schon früh einen Weg, der damals alles andere als üblich war und setzte auf eigene Produkte. Die alte Kaufmannsweisheit, dass der Vertreiber nicht selbst produzieren soll, damit er nicht mit Reklamationen überschüttet wird, gilt heute längst nicht mehr. Aber damals war es etwas ziemlich neues. Es begann mit eigenem Kaffee, der in Herten produziert wurde.
Bei Aldi wird alles und ausnahmslos umgetauscht, wenn der Kunde dies wünscht. Jede eingequetschte Tomate und jede Laufmasche. Filialleiter dürfen unter keinen Umständen Einwände erheben.
Die beiden Aldi-Unternehmen brüsten sich damit, nicht zu werben. Das ist natürlich nicht wörtlich gemeint, schließlich sind die Anzeigen aus den regionalen und überregionalen Zeitungen nicht wegzudenken. Was Aldi meint ist, dass man die Kunden besonders anspricht, also über den Preis argumentiert und auf Mund-zu-Mund-Propaganda setzt.
Einmal im Jahr gibt es den bisweilen gefürchteten Vergleich zwischen Aldi Nord und Aldi Süd. Folgende Zahlen spielen darin die Hauptrolle: Hauptkostenarten bei Personal, Mieten, Energie usw. sowie Anzahl der Filialen, Umsätze und Gesamtkosten.
Bei Aldi gibt es praktisch keine innerbetrieblichen Veranstaltungen. Sozialkontakte erstrecken sich auf den gemeinsamen Einsatz für sprudelnde Umsätze. Als ein Geschäftsführer mal anlässlich der Heirat seiner Tochter Theo Albrecht nebst Gattin Chily einlud und es dort Zusammentreffen mit wichtigen Lieferanten gab, verzog Theo keine Miene. Das Arbeitsverhältnis wurde gelöst.
So brachte das 1969 eingeführte Publizitätsgesetz Aldi, damals bereits geteilt in Aldi Süd (Karl) und Aldi Nord (Theo), in Bedrängnis. Um die Bilanzsumme, die Jahresumsätze und die Mitarbeiterzahlen unter dem gesetzlichen Limit zu halten und die Bücher nicht offenlegen zu müssen, wurde Aldi in GmbHs aufgesplittet - laut Fedtke ein „Tanz auf dem juristischen Drahtseil“. Die Leiter der zwölf regionalen Niederlassungen, so auch er selbst, wurden 1974 Geschäftsführer einer eigenen GmbH. De facto hatten sie bei Aldi Nord aber nichts zu sagen.
Die „Allzuständigkeit“, schreibt Fedtke, hatte der Verwaltungsrat mit Theo Albrecht und zwei Vertrauten. Die Geschäftsführer nannten sich selbst „Marionetten“, dem knapp 1000 Stichworte umfassenden Inhaltskatalog des Geschäftsführerhandbuchs verpflichtet. Der Tagesplan musste im 15-Minuten-Takt ausgefüllt werden. Dazu kamen die „inquisitorisch umfänglich ausgedehnten Kontrollen“. Selbst an seinem 40sten Geburtstag wurde Fedtke ausgiebig überprüft. Die Bewertung im voluminösen Besuchsbericht: „Die Art der Durchführung lässt vermuten, dass Herr Dr. Fedtke die Tagesplanung nicht richtig handhabt.“
ich liebe aldi, alain hat vollkommen recht.
bei lidl,penny,netto sehen die leute total schlampig und fett aus und sind total lahmarschig...
Den Kommentaren von Auenland (i.S. Qualität des HB) und Alain (i.S. ALDI Management) kann ich nur zustimmen. Danke dafür!
Zum Thema HB hier noch eine Ergänzung (die ins Bild passt):
Im Artikel gibt es zwei grobe Schnitzer: Nicht Theo war der quirlige sondern Karl. Im gleichen Absatz wird behauptet, dass ALDI-Nord nach Österreich gegangen ist. Es war aber ALDI-Süd.
Gut, dass ich kein Abonnent des HB bin. Ich würde es sonst spätestens aufgrund dieses unreflektierten und tendenziösen Artikels kündigen.
Ich bin nur ein ganz normaler Kunde bei Aldi - kaufe allerdings auch bei anderen Discountern und Nicht-Discountern. Und mir fällt eines auf: bei Aldi arbeiten die Mitarbeiter ganz anders als bei allen anderen Einzelhändlern - konzentriert, kundenorientiert, freundlich, schwätzen keinen Privatkram vor den Augen/Ohren der Kunden, machen aus eigenem Antrieb zusätzliche Kassen auf....und das schnell und unspektakulär. Und ausserdem sehen die Mitarbeiter bei Aldi insgesamt besser und fitter aus - bei Lidl oder Penny arbeiten oft schlampige bzw. ungepflegt aussehende Leute, sorry für diese Bemerkung, aber ich meine das ernst. Dafür gibt es bei Penny ein völlig unnützen "Kunden-Beirat", aber im Laden wird nur nach mehrfacher Aufforderung eine zusätzliche Kasse aufgemacht - lächerlich!
Wenn das das Ergebnis der Aldi-Management-Methoden ist, dann müssen die anderen noch viel lernen.
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