
BurgwedelDie Drogeriekette Rossmann hat nach der Pleite des Konkurrenten Schlecker ein kräftiges Umsatzwachstum eingefahren. Mit 5,96 Milliarden Euro setzte das Familienunternehmen aus Hannover im abgelaufenen Jahr 16,1 Prozent mehr um als 2011. Der Konzern übertraf damit die eigene Prognose von 5,6 Milliarden Euro Umsatz deutlich.
Für 2013 erwartet der Handelskonzern nach Angaben vom Montag einen Umsatzanstieg um mindestens 13 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro. Dazu sollen 170 Millionen Euro investiert und 120 neue Filialen eröffnet werden.
Die Handelsblatt-Online-Redaktion wagt ein Experiment. Wir wollen eine Bestandsaufnahme möglichst aller Schlecker-Filialen ein Jahr nach dem Insolvenzantrag auf die Beine stellen und brauchen dazu Ihre aktuellen Fotos der Geschäfte. Wir sammeln bis zum 13. Januar 2013.
Werden Sie zum Fotojäger, ausgerüstet mit Handy oder Kamera. Helfen Sie uns, die heilenden und zerstörerischen Seiten einer Firmenpleite aufzuzeigen. Suchen Sie einen ehemaligen Schlecker-Standort auf und machen Sie ein Foto.
In unseren Schlecker-Listen (s. unter „Wo war eine Schlecker-Filiale?“) und der Karte finden Sie zu jeder Filiale eine laufende Nummer, die Sie am besten in der E-Mail mit Ihrem Bild an uns vermerken (schlecker@handelsblatt.com). Haben Sie die Filialnummer nicht zur Hand, schicken Sie bitte die genaue Anschrift der Aufnahme mit bzw. versehen Sie das Bild mit GPS-Informationen.
Sie können das Bild auch über einen Dienst wie Twitter, Instagram oder Flickr veröffentlichen. Versehen Sie dann Bild mit dem Schlagwort #SchleckerHB, der laufenden Nummer und/oder genauen Adresse und/oder GPS-Informationen.
Falls Sie sich nicht mehr wissen, wo in Ihrer Nähe eine Schlecker-Filiale war, können Sie auf unserer Karte oder in unserer Liste einfach nachschlagen. Die Liste ist nach Postleitzahlen geordnet. Haben wir bereits ein Foto vorliegen, vermerken wir das möglichst rasch auf der Karte.
Schauen Sie einfach auf unserer Karte nach.
Sie haben eine Geschichte zu einer Filiale zu erzählen? Wird der Laden weiterbetrieben in Eigenregie ehemaliger Mitarbeiter? Wie läuft das neue Geschäft, das sich eventuell angesiedelt hat? Wie weit ist der Weg zum Drogerie-Markt seit es Schlecker nicht mehr gibt? Schreiben Sie uns ein paar Zeilen auf, wir freuen uns!
Rossmann betreibt in sechs Ländern 2.776 Drogeriemärkte und beschäftigt rund 38.000 Mitarbeiter, davon 26.000 in Deutschland. Allein in Deutschland entstanden im vergangenen Jahr nach Firmenangaben 3.500 neue Stellen. 2.000 neue Mitarbeiter kamen von Schlecker. Rossmann hatte mehr als 100 Filialen der Schlecker-Tochter Ihr Platz übernehmen wollen. Doch bei 10 Läden hätten sich die Vermieter gesperrt, bei vier liefen noch Verhandlungen. Der Umbau soll Mitte 2013 beendet sein.
In der Zwischenzeit haben die nicht komplett umgerüsteten Ihr-Platz-Läden zwar weiterhin den alten Firmen-Schriftzug, doch sind Sortiment, Vertriebsnetz und Kassensysteme bereits umgestellt. Die meisten übernommenen Filialen liegen in Nordrhein-Westfalen, sowie in Niedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz.
Roland Alter hat das erste Buch über die Schlecker-Pleite geschrieben. Die frühere Siemens-Führungskraft ist heute Professor für Betriebswirtschaft und erfolgreicher Autor. In seinem Buch „Schlecker oder: Geiz ist dumm“ (Rotbuch Verlag) fasst er die Gründe für den Niedergang zusammen. Es folgen die wesentlichen Punkte...
Die Grundthese des Autors ist: Anton Schlecker ist an seiner übertriebenen Sparsamkeit gescheitert. „Was diesen einstmals erfolgreichen Unternehmer in seiner nach innen gewandten Allmacht zu Fall gebracht hat: Geiz.“
Und dieser Geiz bezog sich genauso auf die Mitarbeiter. Das Menschenbild von Anton Schlecker beschreibt der Autor so: Menschen besitzen eine natürliche Abneigung gegen Arbeit. Diese Abneigung macht eine strenge, kontrollorientierte Führung notwendig. Der Autor fasst es mit drei Verben zusammen: „Knüppeln, knausern, kontrollieren.“
Keine andere Kette im Einzelhandel hat seine Filialen mit einer simplen, nicht verkleideten Neonröhre ausgestattet. Sie war ein wesentlicher Bestandteil der „Nicht-Atmosphäre“ der Filialen, wie Roland Alter es nennt.
Die Röhren stehen auch für die Weigerung, am eigenen Konzept zu arbeiten. Schon vor Jahren hätte Schlecker die Röhren abschrauben müssen – die Filialen verschönern müssen. Denn am Ende des Tages passte diese Umgebung nicht zu hochwertigen Drogerieartikeln. Zu Waschmitteln mochte die Neonröhre noch einigermaßen passen, aber nicht zu Gesichtscremes.
Hätten die Konkurrenten dm, Müller und Rossmann vielleicht nicht so viel Oberwasser bekommen mit ihren schönen, großen, angenehmen Läden, in denen sich die Kunden so viel wohler fühlten.
Als die Krise 2004 auch in der Bilanz abzulesen ist, sind die massiven strukturellen Defizite längst da. Vermutlich wusste Anton Schlecker lange Zeit nicht einmal, wie ernst die Lage genau ist. Es trauten sich offenbar zu wenige Entscheidungsträger, Anton Schlecker über die Missstände aufzuklären. Die Überbringer von schlechten Nachrichten hatte ja auch nichts Gutes zu erwarten, schreibt der Autor.
2007 kauft Schlecker „Ihr Platz“. 150 Millionen Euro zahlt man für die fünftgrößte Drogeriekette Deutschlands. Doch dadurch stieg nur Schleckers Umsatz – in der Sache half der Kauf kein Stück weiter. Das Geld hätte viel besser für Modernisierungsmaßnahmen in den bisherigen Schlecker-Filialen gesteckt werden müssen.
2008 wird für Schlecker zum Schicksalsjahr. Der Tanker dreht aber viel zu langsam: Größere Filialen sollen die Rettung bringen. Und tatsächlich halten Experten das Konzept des Konzeptes „Schlecker XL“ für gut. Läden mit bis zu 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche und 13.000 Artikeln können mit denen der Konkurrenz mithalten. Aber bei Schlecker gibt es zu wenige der großen Filialen.
In dieser Phase rächte sich am meisten, dass Anton Schlecker die Mitarbeiter nicht als Erfolgs-, sondern als Kostenfaktoren ansah. Sie waren für ihn nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. So kann kein Comeback
gelingen.
Und so kam es zur Unzeit – 2009 und 2010 – auch noch zur öffentlichen Debatte über die Arbeitsbedingungen bei Schlecker. Der Patriarch verhindere die Gründungen von Betriebsräten und das Maß an Kontrolle sei untragbar. Für viele Kunden war der Skandal ein weiterer Grund, die blau-weißen Filialen zu meiden.
In diesen Jahren baut Schlecker kräftig um: kleine Filialen werden geschlossen, große XL-Läden eröffnet. Das Thema Liquiditätssicherung spielt noch keine Rolle. In einem Interview betont Schlecker 2010 die solide Finanzbasis. Dabei ist es längst ein Schneeballsystem, die Schlecker noch über Wasser hält.
Schleckers Strategie ist widersprüchlich: Zum einen schließt die Kette viele kleine Filialen, auf der anderen Seite steht im Firmenslogan „For you – vor Ort.“ Doch vor Ort ist Schlecker eben immer seltener. Dabei plädiert Fachmann Alter dafür, dass Schlecker viel konsequenter das Nachbarschaftsprinzip hätte aufgeben müssen.
Zudem hielt Anton Schlecker viel zu lange am Prinzip der Selbstständigkeit fest – vermutlich aus falschem Stolz. Dabei hätte das Unternehmen externe Hilfe viel eher gebraucht, seien es Berater oder Finanzinvestoren gewesen.
Damit hängt auch zusammen, dass Anton Schlecker und seine Frau Christa viel zu lange an der Firmenführung festgehalten haben. Sie hätten es mit einem rechtzeitigen Rückzug nicht nur den Kindern leichter gemacht, sondern auch ermöglicht, dass Finanziers das benötigte Vertrauen bekommen hätten. So war kein wirksames Change Management möglich.
Im August hatte Rossmann für seine Bahnhofs-Märkte eine eigene neue Vertriebslinie bekanntgegeben. Nach Übernahme von 20 Ihr-Platz- Bahnhofsfilialen ist Rossmann in nun 33 deutschen Haupt-, Fern- und Regionalbahnhöfen vertreten. Rossmann hat dort auch Fein- und Tiefkühlkost, Wurstwaren, Molkereiprodukte und Brot im Sortiment und die Süßwaren- und Getränkesortimente erweitert.