
Stuttgart/PragDie tschechischen Märkte der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker sind verkauft. Wie Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz am Donnerstag mitteilte, wurde die geplante Übernahme der rund 140 Filialen an das Handelsunternehmen P.K. Solvent (PKS) erfolgreich abgeschlossen.
„Alle Beschäftigungsverhältnisse wurden übernommen“, erklärte Geiwitz. Das Filialnetz in Tschechien ist Teil der Tochterfirma Schlecker International GmbH, die nicht von der Insolvenz betroffen ist. Der Erlös aus dem Verkauf fließt aber in die Insolvenzmasse in Deutschland mit ein, weil die Auslandsgesellschaften ebenfalls Anton Schlecker gehören und er mit seinem Vermögen haftet.
Durch den Kauf kann PKS den Marktanteil in Tschechien den Angaben zufolge auf mehr als 20 Prozent ausbauen. Das Unternehmen setzte im vergangenen Jahr rund 130 Millionen Euro um.
Bereits am Dienstag war bekannt geworden, dass weitere 45 Filialen von Ihr Platz, der Tochtergesellschaft der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker, übernommen werden. Wie Insolvenzverwalter Werner Schneider dem Handelsblatt sagte, wurde der Vertrag mit der H.H. Holding aus dem westfälischen Bönen – dazu gehören der Textil-Discounter Kik, die Ein-Euro-Läden Tedi und die Kaufhäuser Woolworth – am Freitag unterschrieben.
Schlecker verkündet seine Zahlungsunfähigkeit. Für 30.000 Mitarbeiter beginnt das Bangen um den Arbeitsplatz.
Der Insolvenzantrag geht beim Ulmer Amtsgericht ein. Als vorläufigen Insolvenzverwalter bestimmt das Gericht den Wirtschaftsprüfer Arndt Geiwitz.
Die Unternehmenstochter Ihr Platz stellt Insolvenzantrag.
Geiwitz kündigt an, dass Schlecker Ende März mehr als 2000 Filialen in Deutschland schließen wird und über 11.000 Mitarbeiter gehen müssen.
Das Land Baden-Württemberg stellt erstmals eine Kreditbürgschaft in Aussicht. Andere Länder und der Bund sollen mitmachen. Mit Hilfe der Bürgschaft soll Schlecker einen Kredit aufnehmen, um damit eine Auffanggesellschaft für entlassene Mitarbeiter zu finanzieren.
Das Bundeswirtschaftsministerium lehnt eine Beteiligung an der rund 70 Millionen Euro schweren Kreditbürgschaft ab.
Eine von den Bundesländern getragene Bürgschaft scheitert am Widerstand der FDP. Gut 10.000 Beschäftigte werden damit ab April arbeitslos.
Die Aufteilung von Schlecker beginnt: Das tschechische Handelsunternehmen PKS kauft die dortige Schlecker-Tochter. Auch für andere Auslandsableger und für Ihr Platz soll es Investoren geben.
Die Interessenten für das Gesamtunternehmen werden weniger: Nach Penta springt Medienberichten zufolge auch das Emirat Katar als möglicher Investor ab. Rund 4000 Kündigungsschutzklagen entlassener Mitarbeiter erschweren die Investorensuche, weil sie Zusatzkosten verursachen könnten. Außerdem gibt es noch keinen Sanierungstarifvertrag für die verbliebenen gut 13.000 Beschäftigten.
Es wird bekannt, dass der Karstadt-Käufer Nicolas Berggruen sich angeblich für Schlecker interessiert.
Die Gläubigerversammlung ist zusammentreten - und hat beschlossen, dass Schlecker abgewickelt werden soll.
Bei Schlecker beginnt der Ausverkauf. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen zum Monatsende die Kündigung erhalten.
Der Ausverkauf endet: Bis auf die XL- und die Ihr Platz-Märkte schließen sämtliche Schlecker-Filialen. Es wird bekannt, dass Anton Schlecker sein Privathaus im Wert von zwei Millionen Euro vor der Insolvenz an seine Frau übertragen hat. Ein weiteres Grundstück soll an seinen Sohn gegangen sein.
Frühere Berater werfen Anton Schlecker schwere Fehler vor. Der Unternehmer habe bei einem Restrukturierungsprogramm nicht über Finanzierungsfragen sprechen wollen. Außerdem habe er die Schließung unrentabler Filialen verhindert.
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott gegen Anton Schlecker und 13 weitere Beschuldigte ein.
„Der Gläubigerausschuss ist informiert und hat dem Inhalt des Vertrags heute mündlich zugestimmt“, erklärte Schneider. 213 Ihr-Platz-Märkte hat der Insolvenzverwalter bereits an die Drogeriemarkt-Kette Rossmann und die österreichische MTH Retailgroup veräußert.
Kik, Tedi und Woolworth übernehmen nicht nur 45 der bundesweit rund 490 Ihr-Platz-Filialen, sondern auch 57 Geschäfte von Schlecker XL. Das Interesse an dieser Schlecker-Tochter, zu der rund 358 größere Schlecker-Läden hierzulande gehören – hielt sich bislang stark in Grenzen. Wie sich die insgesamt 102 Filialen auf Kik, Tedi und Woolworth verteilen werden, ist noch offen.

1950, Anfänge: Anton Schleckers Vater, der ebenfalls Anton heißt, eröffnet nach dem Krieg das erste Geschäft der Familie Schlecker. Eine Metzgerfiliale in der Bahnhofsstraße in Ehingen. Noch heute ist das Haus in Familienbesitz, wird von den Ehingern „Ur-Schlecker“ genannt. Die Ladenräume stehen heute leer, zuletzt versuchte sich ein 1-Euro-Laden.

1961-1974, Lehrjahre: Anton Schlecker lernt den Beruf des Metzgers bei „Schade&Füllgrabe“, einem Frankfurter Lebensmittelhändler. Nach der Lehre leitet er eine Filiale in Kronberg im Taunus. Danach macht er an der Metzgerschule in Augsburg seinen Meistertitel - mit 21 als jüngster in Baden-Württemberg. Er leistet seinen Grundwehrdienst und studiert Lebensmittelhandel an der Hochschule Hohenheim.

1970-1973, Familie: Anton Schlecker lernt seine Frau Christa 1970 beim Tanztee in Göppingen kennen. Sie heiraten noch im gleichen Jahr. 1971 kommt Sohn Lars (links) zur Welt, zwei Jahre später Tochter Meike (rechts). Schlecker kauft der Familie in den 80er-Jahren ein Grundstück in Ehingen, baut dort die Villa der Familie.

1975, Schleckers Imperium: In Kirchheim-Teck eröffnet der Unternehmer Anton Schlecker seine erste Drogeriefiliale. Seine Einkaufschefs überreden ihn dazu. Schon zwei Jahre später hat Schlecker 100 Filialen, 1984 sind es bereits tausend.

1987, Entführung: Am 23. Dezember werden Schleckers Kinder entführt. Drei bewaffnete Männer warten in der Villa. Die damals 14-jährige Meike und ihr Bruder Lars (16) werden in eine Holzhütte verschleppt, Christa Schlecker wird bewusstlos geschlagen. Die Lösegeldforderung: 18 Millionen Mark. Schlecker verhandelt. Über Nacht drückt er den Preis für das Leben seiner Kinder auf 9,6 Millionen Mark. Angeblich, weil er über diese Summe versichert ist. Seither schottet sich die Familie ab.

1994-1999, Gerichtsverfahren: 1998 werden Schlecker und seine Frau Christa zu je zehn Monaten Bewährungsstrafe verurteilt und zu einer Millionenstrafe wegen Betrugs. Sie haben Mitarbeitern über Jahre vorgegaukelt, sie nach Tarif zu bezahlen, obwohl der Lohn weit darunter lag. 1999 ein zweiter Prozess. Durch Zufall hat man die Entführer seiner Kinder zwölf Jahre nach der Tat bei einem Raubüberfall erwischt. Sie gestehen. Schlecker sagt vor Gericht aus. Es ist der erste öffentliche Auftritt seit der Entführung. Die drei Täter bekommen langjährige Haftstrafen.

2007, Abstieg: Die Ausdehnung von Schleckers Imperium ist auf dem Höhepunkt: 14.166 Filialen in 17 Ländern. Aber das Geschäft ist schon im freien Fall: 33 Millionen Euro Minus stehen Ende des Jahres unter dem Strich.

Wachstum über alles: Jahrelang ist Schleckers Erfolg das Ergebnis einer Täuschung. Die engen, zugestellten Filialen gaukeln den Kunden vor: Was billig aussieht, muss auch billig sein. Als die Kunden merken, dass das nicht der Fall ist, laufen sie davon. Um nicht weiter Preise zu erhöhen, expandiert Schlecker. Je größer er wird, desto besser sind die Konditionen bei den Lieferanten. Doch mehr Umsatz bedeutet bald schon nur noch eines: mehr Verlust.

Oktober 2010: Viel zu spät versucht der Firmenpatriarch, sein Image zu verbessern und einen neuen Kurs einzuschlagen. Erst im Oktober 2010 gibt er ein bisschen Macht an seine Kinder Meike und Lars ab, bestellt sie in die Geschäftsführung der Firma. Mit neuen Werbesprüchen und neuen, großzügig gestalteten Filialen wollen sie das Unternehmen retten. Doch Anton Schlecker blockiert jeden Richtungswechsel - bis es zu spät ist.

2012, Ladenschluss: Am 23. Januar stellt Anton Schlecker einen Insolvenzantrag. Eine Woche später schickt er seine Tochter Meike vor, um vor der Presse zu erklären, dass Schlecker nichts mehr hat. Das Unternehmen nicht, die Familie auch nicht. 11.500 Mitarbeiter verlieren ihren Job, weitere 13.500 müssen bangen. Und Schlecker schweigt. Er darf nichts mehr entscheiden - Chef ist jetzt Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz.
1950, Anfänge: Anton Schleckers Vater, der ebenfalls Anton heißt, eröffnet nach dem Krieg das erste Geschäft der Familie Schlecker. Eine Metzgerfiliale in der Bahnhofsstraße in Ehingen. Noch heute ist das Haus in Familienbesitz, wird von den Ehingern „Ur-Schlecker“ genannt. Die Ladenräume stehen heute leer, zuletzt versuchte sich ein 1-Euro-Laden.