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23.02.2007 
Familienfreundliche Unternehmen

Firmen umsorgen Mamas und Papas

von Barbara Wege

Politiker aller großen Parteien streiten über die bessere Betreuung von Kindern, damit Mütter und Väter wieder in den Beruf einsteigen können. In vielen Firmen löst die Diskussion Kopfschütteln aus. Denn die Unternehmen sind schon einen Schritt weiter: Sie haben erkannt, dass Kinderbetreuung mehr als soziale Großzügigkeit ist. Sie rechnet sich.

Vor Dienstbeginn die Sprösslinge in der Kita abgeben: Für viele Mütter die einzige Chancen, im Job zu bleiben. Foto: dpa Lupe

Vor Dienstbeginn die Sprösslinge in der Kita abgeben: Für viele Mütter die einzige Chancen, im Job zu bleiben. Foto: dpa

HB DÜSSELDORF „Wenn es die gute Kinderbetreuung nicht gäbe, wäre ich nicht mehr bei McKinsey. Und das, obwohl diese Firma mein Traum-Arbeitgeber ist“, sagt Carine Beer. Als Unternehmensberaterin ist die Mutter von zwei Kindern eine jener weiblichen hochqualifizierten Fachkräfte, die Bundesfamilienministerin von der Leyen mit ihrer Kita-Offensive auf dem Arbeitsmarkt halten will. Inhalt des Vorstoßes der Unionspolitikerin: Die siebenfache Mutter will bundesweit 500 000 neue Betreuungsplätze schaffen.

Carine Beer hat es auch ohne die Hilfe der Politik geschafft, Familie und Beruf zu vereinbaren. Während die 35-Jährige Teilzeit arbeitet, besucht ihre 19 Monate alte Tochter Caroline die Betriebskita von McKinsey in München. Diese Situation ist nach wie vor selten in Deutschland: Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft hatten im Jahr 2006 bundesweit nur rund 3,5 Prozent der Betriebe einen eigenen Kindergarten. Den leisten sich vor allem große Unternehmen: BASF, Airbus oder die Commerzbank, um nur einige zu nennen.

So betreibt etwa BASF an seinem Hauptsitz in Ludwigshafen zwei Kindergärten mit insgesamt 60 Plätzen. Angesichts einer Zahl von 48 000 BASF-Beschäftigten in Deutschland ist das aber ein Tropfen auf den heißen Stein. „Die Mitarbeiter reißen sich um die Plätze“, sagt Rainer Grüning, bei dem Chemiekonzern zuständig für die Vereinbarkeit von Job und Familie .

Betreuungsplätze für Kleinkinder sind bundesweit knapp – sowohl in staatlichen, als auch in privaten Einrichtungen. Das wissen Mütter und Väter nicht erst seit von der Leyens Kita-Vorstoß. Die geringe Zahl der Einrichtungen ist dabei nicht das einzige Problem. Nicht nur DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun stört sich an den unflexiblen Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen: Zwar hätten 70 Prozent der Kindertagesstätten vor 7.30 Uhr geöffnet, jedoch nur 5 Prozent nach 18 Uhr. Mütter und Väter, die auch Samstag arbeiteten, hätten so gut wie keine Chancen, ihre Sprösslinge betreuen zu lassen, sagt Braun.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Firmen können durch Kitas sparen.

Wie mühselig die Suche nach einer geeigneten Kita sein kann, das weiß auch die McKinsey-Frau Carine Beer. Für ihren heute vierjährigen Sohn Tommy fand die Unternehmensberaterin vor drei Jahren nur „mit Glück“ einen Betreuungsplatz. Damals gab es den McKinsey-Kindergarten noch nicht. Weil das Angebot nach der Eröffnung im Jahr 2005 bei den Mitarbeitern gut ankam, wird die Zahl der Plätze im April von 12 auf 22 aufgestockt.

Auch andernorts machen sich Firmenchefs verstärkt Gedanken über die Vereinbarkeit von Job und Familie: Im Jahr 2006 bot knapp jedes vierte Unternehmen „sieben bis neun“ familienfreundliche Maßnahmen an. Das ist das Ergebnis einer Studie des Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Drei Jahre zuvor waren es noch keine zehn Prozent. Für die Untersuchung hatten die Wirtschaftsforscher einen Katalog von 22 familienfreundlichen Maßnahmen wie etwa Telearbeit, Teilzeitjobs oder betriebliche Kinderbetreuung erstellt. Auf diese Angebote hin testete das Institut 1 128 Unternehmen.

Das Engagement lohnt sich: Schon im Jahr 2003 berechneten die Prognos-Marktforscher, dass mittelständische Firmen durch familienfreundliche Maßnahmen mehrere zehntausend Euro sparen können. Zwar müssten die Unternehmen erstmal Geld in den Aufbau etwa von Kindertagesstätten stecken, doch dafür sparten sie an Ersatzarbeitskräften für Mütter und Väter. Denn die Eltern kämen nach der Geburt früher in den Betrieb zurück und würden der Kinder wegen auch weniger oft fehlen. Für eine Modellfirma mit 1 500 Mitarbeitern errechneten die Prognos-Forscher ein jährliches Einsparpotenzial von 75 000 Euro.

Top-Leute halten

Dass sich Familienfreundlichkeit auszahlt, bestätigen auch McKinsey und BASF. „Dadurch halten wir viele unserer Top-Leute im Unternehmen“, sagt Nina Wessels, zuständig für die Personalrekrutierung bei McKinsey. Schließlich würden die meisten Frauen heute Job und Familie miteinander vereinbaren wollen. „Auf diese Spitzenkräfte wollen wir nicht verzichten.“ In Bewerbungsgesprächen würden Job-Anwärter immer öfter nach familienfreundlichen Angeboten im Unternehmen fragen. Ähnlich argumentiert man bei BASF: Im Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte sei Familienfreundlichkeit ein entscheidender Vorteil, sagt Hans-Carsten Hansen, Personalchef der BASF.

Die Familienfreundlichkeit endet aber nicht bei der Kita. Auch Gleitzeit und Home-Office sind im Kommen. So bietet etwa der Flugzeughersteller Airbus seit vergangenem Jahr neben zwei Unternehmens-Kindergärten auch Telearbeit an. Ob dieses Angebot gut ankommt, kann das Unternehmen noch nicht sagen. „Das ist neu und etabliert sich gerade erst“, sagt Sabine Beyer, bei Airbus zuständig für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zertifikat für Familienfreundlichkeit.

Dass Familienfreundlichkeit ein gutes Argument ist, um neue Mitarbeiter anzuwerben und auch neue Kunden zu gewinnen, erkennen immer mehr Unternehmen. Das zeigt die Initiative „Beruf und Familie“ der Hertie-Stiftung. Seit 1999 vergibt sie Familienfreundlichkeits-Zertifikate an Unternehmen. Um das zu bekommen, müssen Firmen innerhalb von drei Jahren ihr Unternehmen attraktiver für Mütter und Väter machen. Mehr als die Hälfte der 400 Unternehmen, die sich seit Gründung um das Zertifikat bemühten, wandten sich erst im vergangenen Jahr an „Beruf und Familie“.

Unter den Maßnahmen finden sich nach Angaben von Geschäftsführer Stefan Becker auch unkonventionelle Projekte: So verspreche etwa die AOK in Hessen, ihren Beschäftigten die Pflege älterer Familienmitglieder zu erleichtern. Die Krankenkasse vermittle Kurzzeit-Pflegeplätze und stelle Mitarbeiter zur Betreuung von Verwandten frei. Der Sportartikel-Hersteller Adidas organisiere Kinder-Ferienbetreuungen.

Familienfreundlichkeit soll in Unternehmen noch populärer werden. Dazu finanziert das Bundesfamilienministerium seit vergangenem Jahr die Initiative „Erfolgsfaktor Familie“. Die Verantwortlichen dieses Programms beraten Firmen bei der Umstellung ihrer Strukturen zugunsten der Belange von Müttern und Vätern – unter anderem mit dem Hinweis auf das Hertie-Zertifikat. 500 Unternehmen sind bereits dabei, darunter 50 Prozent mittelständische Firmen, aber auch bekannte Namen wie der NDR, Tui und Axel Springer.

Auf der Liste der Tipps von „Erfolgsfaktor Familie“ steht auch eine innovative, jedoch sicher nicht unumstrittene Art der Betreuung: So bietet die Firma „Familienservice“ so genannte „Notmütter“ an, die im Falle des Falles kurzfristig einspringen können. Diese Leistung wird die McKinsey-Frau Carine Beer nicht in Anspruch nehmen müssen. „Durch den Betriebskindergarten kann ich mich während meiner Arbeitszeit ruhigen Gewissens auf den Job konzentrieren“, sagt sie.

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