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Gesetzespaket: EU geht Wirtschaftsprüfern an den Kragen

Die Bilanzprüfungen in europäischen Konzernen lassen nach Einschätzung der EU-Kommission zu wünschen übrig. Sie will neue Regeln für Wirtschaftsprüfer schaffen und die Dominanz der "Großen Vier" brechen.

Der für den Binnenmarkt zuständige Kommissar der Europäischen Union, Michel Barnier. Quelle: dapd
Der für den Binnenmarkt zuständige Kommissar der Europäischen Union, Michel Barnier. Quelle: dapd

BrüsselDie EU will die Macht der führenden Wirtschaftsprüfer radikal beschneiden. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier legte am Mittwoch in Brüssel ein Gesetzespaket vor, mit dem vor allem die Dominanz der „Großen Vier“ - KPMG, Ernst & Young, Deloitte und PwC - gebrochen werden soll.

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Nach Auffassung der Kommission zeigte die Finanzkrise, dass die Qualität der Bilanzprüfungen zu wünschen übrig lässt. Es komme zu Interessenkonflikten bei langjähriger Zusammenarbeit großer Unternehmen mit ein und demselben Prüfkonzern. „Wir müssen das Vertrauen in die Abschlüsse von Unternehmen wiederherstellen“, erklärte Barnier.

Nach dem Entwurf wären die Marktführer gezwungen, das Prüfungsgeschäft vom Beratungsgeschäft zu trennen. Beide Dienstleistungen dürften nicht unter dem selben Namen angeboten werden und zum selben Netzwerk gehören. Unternehmen dürfen nicht mehr festlegen, dass eine der vier großen Gesellschaften die Prüfung vornehmen muss. Nach mindestens sechs Jahren muss ein Unternehmen einen anderen Prüfer beauftragen. Die Frist kann auf neun Jahre verlängert werden, wenn zwei Gesellschaften die Bilanz prüfen.

Die EU will damit einen Anreiz schaffen, zwei Firmen Mandate zu erteilen. Damit sollen kleinere Konkurrenten eine Chance bekommen, mehr Aufträge zu ergattern. Von der ursprünglich geplanten Pflicht zur Beschäftigung von zwei Prüfern sah die Kommission ab.

KPMG, Ernst & Young, Deloitte und PwC prüfen praktisch alle großen Konzerne weltweit. In manchen EU-Ländern beherrscht sogar nur einer der Großen den Markt. In die Kritik sind sie vor allem während der Finanzkrise geraten: Sie hatten die Bilanzen vieler Banken testiert, die wenig später vom Steuerzahler gerettet werden mussten - Ernst & Young etwa war bei der Pleite-Bank Lehman Brothers an Bord.

Wirtschaftsprüfer unter Druck

  • „The Big Four“

    „The Big Four“ werden sie genannt, die vier großen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsunternehmen, wie man sie exakt bezeichnet. Nun will die EU ihre Macht beschränken. Die vier großen Wirtschaftsprüfer beschäftigen allein in Deutschland über 30.000 Mitarbeiter.

  • PwC

    Pricewaterhouse Coopers ist in Deutschland Marktführer. 1,34 Milliarden Euro macht der US-Konzern 2010 hierzulande an Umsatz – und das mit 8.637 Mitarbeitern.

  • PwC

    PwC wurde 1848 in London gegründet, hat heute aber seinen Hauptsitz in New York. 2010 machte der Konzern weltweit einen Umsatz von 26,6 Milliarden Dollar und beschäftigte rund 160.000 Mitarbeiter.

  • KPMG

    Auf Rang zwei liegt in Deutschland KPMG mit einem Umsatz von 1,19 Milliarden Euro. 8.270 Mitarbeiter beschäftigt KPMG hierzulande.

  • KPMG

    KMPGs Sitz ist in der Schweiz, die Hauptverwaltung liegt allerdings im kanadischen Toronto. Weltweit gesehen liegt der Konzern mit 140.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 20,6 Milliarden Dollar auf Rang drei.

  • Ernst & Young

    Denn Ernst & Young ist mit einem Umsatz von 21,3 Milliarden Dollar etwas größer. Die Mitarbeiterzahl liegt mit 141.000 praktisch gleichauf mit dem Konkurrenten KPMG. Ernst & Young hat seinen Hauptsitz in New York.

  • Ernst & Young

    In Deutschland macht Ernst & Young einen Umsatz von 1,06 Milliarden Euro und liegt damit auf dem dritten Platz. 6.776 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen hierzulande.

  • Deloitte

    Die Nummer vier folgt mit einigem Abstand: Deloitte kommt in Deutschland „nur“ auf einen Umsatz von 577 Millionen Euro und beschäftigt 4.602 Mitarbeiter. Im vergangenen Jahr wollte Deloitte Roland Berger kaufen, um das Beratungsgeschäft auszubauen. Aber der Deal scheitere am Widerstand der Berger-Partner.

  • Deloitte

    Im weltweiten Vergleich ist Deloitte aber die Nummer zwei mit einem Umsatz von 26,6 Milliarden Dollar. 170.000 Mitarbeiter beschäftigt das US-Unternehmen.

  • BDO

    Auf Platz fünf liegt in Deutschland BDO. Doch der Abstand ist enorm: BDO macht hierzulande einen Umsatz von 180 Millionen Euro.

  • Rödl & Partner

    Auf Rang sechs folgt Rödl & Partner mit einem Umsatz von 135,5 Millionen Euro. Immerbin sind das acht Prozent mehr als 2009.

  • Ecovis

    Ecovis konnte zulegen, und zwar um rund vier Prozent und kommt nun auf einen Umsatz von 107 Millionen Euro.

  • Ebner Stolz Mönning Bachem

    Langer Name, großer Zuwachs: Ebner Stolz Mönning Bachem hat seinen Umsatz im Jahr 2010 um über zwölf Prozent auf 106 Millionen Euro gesteigert.

  • Rölfs

    Auf Platz neun liegt Rölfs mit einem Deutschland-Umsatz von 84 Millionen Euro. Das bedeutet ein Minus von sieben Prozent im Vergleich zu 2009.

  • PKF Fasselt Schlage

    In die Top Ten hat es auch PKF Fasselt Schlage. Das Unternehmen kommt in Deutschland auf einen Umsatz von 56 Millionen Euro.

Die großen Wirtschaftsprüfer waren gegen den Entwurf schon im Vorfeld Sturm gelaufen. Am Finanzplatz London wird bereits vor einer Übernahme der Marktführer etwa durch die aufstrebende Konkurrenz aus China gewarnt. Das deutsche Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) bezeichnete Barniers Pläne als „Irrweg ohne Beispiel“.

Die Pläne müssen noch vom Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten abgesegnet werden. Widerstand wird vor allem aus Großbritannien erwartet, wo die „großen Vier“ ihren Europasitz haben. Die EU-Kommission erwartet, dass nach Gesetzgebung und Umsetzung in nationales Recht die neuen Regeln in drei bis fünf Jahren greifen werden.

  • 01.12.2011, 16:08 UhrAnonymer Benutzer: anno

    Vielleicht doch im Klartext:
    1. denke ich, dass diese EU-Regelung nicht das bewirken wird, was sie sich auf die Fahnen geschreiben hat: Qualität und Unabhängigkeit.
    2. denke ich, dass kleine nicht besser (oder schlechter) sein müssen als Große: nur schwächer, und damit evtl. noch erpressbarer?
    3. auf die Menschenverachtung bei den big4 oder sonstwo wird die Verordnung überhaupt keine Auswirkungen haben. Daher ist es m.E. sinnlos, die beiden Aspekte hier verbinden zu wollen - die big4 werden nicht besser (oder schlechter) durch eine Zerschlagung - auch wenn es jemandem, der darunter leiden musste, eine gewisse Genugtuung bedeuten kann. Die aber ist eher privater Natur und ein Nebeneffekt.

  • 01.12.2011, 15:53 UhrAnonymer Benutzer: anno

    Warum so böse? Ich hatte bei meiner ersten Äußerung bereits vorangestellt, dass ich nix mit den big4 zu tun habe.
    Ich weise lediglich darauf hin, dass anderswo auch nur mit Wasser gekocht wird. Und dass Moral eben nicht verordenbar ist durch die EU.
    Lassen Sies gut sein mit Ihrer Empörung: auch wenn Sie mir hier PR-Qualitäten unterstellen (danke sehr!), was ich schreibe, ist nur meine Privatmeinung.
    Den wettbewerbsrechtlichen Aspekt, der hier immer wieder anklingt, finde ich interessant:soweit ich mich damit beschäftigt habe (nicht sehr;-)) ist die Intention der EU hier eigentlich keine in erster Linie wettbewerbsrechtliche, sonder die Argumentation zielt auf Qualität und Unabhängigkeit vom Mandanten. Allerdings ist das WWR vermutlich dann der einzige wirkliche Effekt der Maßnahme: die Zerschlagung der Großen, damit die anderen auch was von der Beute haben. Bitte um Verzeihung vorab an Moralwächter - der Grat zwischen Nüchternheit und Zynismus ist manchmal recht schmal;-)

  • 01.12.2011, 11:38 UhrMoralwaechter

    Sehr geehrter Boxerhandschuh, hoffe Sie machen Ihrem Namen alle Ehre und werden aktiv bei der Zerschlagung der BIG4 mithelfen. Danke für Ihre Unterstützung.

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