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Grünen-Chef Al-Wazir: „Für die Region bringt das gar nichts“

Hessens Grünen-Chef Tarek Al-Wazir gehört zu den größten Kritikern des Flughafens Kassel-Calden. Im Interview mit Handelsblatt Online erklärt er, warum er den Regionalflughafen für überflüssig hält.

Tarek Al-Wazir: „Im Ergebnis bleibt fast immer ein Betriebsdefizit.“ Quelle: dpa - picture-alliance
Tarek Al-Wazir: „Im Ergebnis bleibt fast immer ein Betriebsdefizit.“ Quelle: dpa - picture-alliance

Heute wurde in Kassel-Calden der neue Flughafen für Nordhessen eröffnet. Welche Gründe sprechen für Sie gegen den Flughafen?

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Es gibt in Deutschland schon jetzt zu viele Regionalflughäfen, für die es keinen Bedarf gibt. Kassel-Calden kommt jetzt noch dazu, auch dort gibt es schlicht keine wirtschaftlich tragfähige Basis. Eine Autostunde entfernt liegt der Flughafen Paderborn, man hat in einer ICE-Stunde Entfernung den Flughafen Hannover und  in 1,5-ICE-Stunden Entfernung Frankfurt. Es macht einfach keinen Sinn, in Kassel einen Flughafen zu bauen, an dem weder die Fluggesellschaften noch die Passagiere genügend Interesse haben. Es ist traurig, dass man jetzt 271 Millionen Euro Steuergeld verschwendet hat. Man hätte mit einem Bruchteil dieses Geldes sehr viel mehr für Nordhessen erreichen können. Wir befürchten, dass zusätzlich zum verschwendeten Steuergeld der Vergangenheit in Zukunft auch noch die jährlichen Defizite aus Steuergeld gedeckt werden müssen. Für die Region bringt das gar nichts – im Gegenteil. Das Geld fehlt an anderen Stellen.

Kassel-Calden: Schluss mit Geisterflughäfen

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Aus Regierungskreisen wird immer wieder auf die positiven volkswirtschaftlichen Folgen eines Flughafens hingewiesen...

Mich wundert, dass Parteien, die immer von Wirtschaftskompetenz reden, auf einmal sagen, Betriebswirtschaft spielt keine Rolle mehr, man müsse das alles volkswirtschaftlich betrachten. Die Prognosen für den Flughafen Kassel-Calden waren von Anfang an falsch. Ich weiß noch, wie 2001 die Debatte begann. Da hat der damalige Wirtschaftsminister Posch von der FDP erklärt, das Land müsse einen Beitrag von 70 Millionen D-Mark leisten. Jetzt sind wir bei Gesamtkosten von 271 Millionen Euro. Dann wurde gesagt, man werde über 600.000 Passagiere im Jahr erreichen. Wir haben damals schon die Frage gestellt, wie das eigentlich gehen soll.

Also geben Sie Regionalflughäfen wie Kassel-Calden generell keine Chance?

Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten, wie diese Regionalflughäfen funktionieren: Entweder man lässt Billigflieger zu, die aber – wie der Name schon sagt – in aller Regel keine kostendeckenden Start- und Landegebühren zahlen. Oder man lässt sie nicht zu, dann wird es schwer, andere Airlines zu finden, die von diesen Flughäfen starten wollen. Im Ergebnis bleibt fast immer ein Betriebsdefizit. Und dass in Kassel-Calden jetzt schon der erste reguläre Flug mangels Nachfrage ausfällt und die sage und schreibe sechs Fluggäste mit Taxis nach Paderborn gefahren werden, das ist so grotesk, dass man eigentlich darüber lachen müsste, wenn es nicht so traurig wäre.

Kassel-Calden So sieht der neue Flughafen aus

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Welche Vorschläge hätten die Grünen denn, um Kassel-Calden rentabel zu machen?

Wegen der genannten Gründe sehe ich eigentlich keine Möglichkeit, diesen Flughafen jemals rentabel zu machen. CDU-Finanzminister Schäfer, der ja auch Aufsichtsratsvorsitzender der Betreibergesellschaft ist, hat erklärt, dass dieser Flughafen in fünf Jahren eine schwarze Null schreiben wird und wir werden natürlich die jetzige Landesregierung fragen, wie sie zu dieser Prognose kommt. Wir haben im Jahr 2002 gemeinsam mit Prof. Hartmut Bossel aus Kassel sein Gutachten vorgestellt, der damals schon gesagt hat, dass er nicht mit 70 Millionen D-Mark, sondern eher mit 250 Millionen Euro Baukosten rechnet. Er rechnete nicht mit 600.000 Passagieren, sondern allerhöchstens mit 200.000 und er sagte ein jährliches Defizit von 20 Millionen Euro voraus. Die ersten beiden Voraussagen sind eingetroffen, und ich fürchte, bei der dritten könnten wir auch in die Nähe kommen. Und darum wollen wir natürlich auch von den Flughafenbefürwortern in der Region hören, wie sie dafür sorgen wollen, dass dort nicht immer weiter Steuergeld verbrannt wird.

Rangliste Diese deutschen Flughäfen schrumpfen oder wachsen

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Müsste der Flughafen dann nicht konsequenterweise geschlossen werden, bevor er eröffnet wird?

Der Flughafen ist da, das Geld ist weg. Ihn jetzt einfach zu schließen, bringt uns das Geld nicht zurück. Aber wir werden genau beobachten, wie die Entwicklung der nächsten Monate ist. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es der Flughafengesellschaft gelingen wird im Sommer ein paar Flüge hinzubekommen, wo auch jemand drinsitzt. Aber das ist ja noch lange keine schwarze Null. Dann müssen wir einfach sehen, wie hoch sind die Verluste und wer ist bereit, sie zu tragen? Ich muss aber auch sagen, dass ich entsetzt bin über das Ausmaß an Unprofessionalität. Die Flughafenchefin hat ja in seltener Offenheit gesagt, irgendwer habe leider bei der Festlegung des Eröffnungstermins übersehen, dass dieser am Ende der Osterferien liegt. Das sei schlecht gewesen, weil nun das Ostergeschäft fehlen würde. Als würden die Daten der Schulferien nicht schon viele Jahre im Voraus feststehen. Man kann sich da an manchen Punkten wirklich nur noch an den Kopf greifen.

  • 04.04.2013, 15:41 UhrFredi

    Die Grünen sind halt in der Mehrzahl gebildete Menschen, die in Zusammenhängen denken können. Wer kann das heute noch?

    Und nur zwei Flughäfen in Deutschland sind nicht in den roten Zahlen, arbeiten ohne Zuschüsse!

  • 04.04.2013, 15:14 Uhrjake

    Sehr gutes Interview, dass die Sache auf den Punkt bringt. Schon interessant, dass heutzutage die Grünen die einzigen sind, bei denen wirtschaftliche Rationalität noch etwas bedeutet.

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