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11.01.2008 
Der verrückteste Autohändler Amerikas

Hackebeile, Perücken und Schaumstoffbrüste

von Axel Postinett

In Amerika sind Autos aus US-Produktion Ladenhüter. Doch beim Händler Towbin Dodge in Las Vegas brummt das Geschäft – denn der hat die verrücktesten Verkäufer. Ein Ortsbesuch.

Josh Towbin: Alle nennen den Chef von Towbin Dodge nur „Chop“ – „Hackebeil“. Foto: PRLupe

Josh Towbin: Alle nennen den Chef von Towbin Dodge nur „Chop“ – „Hackebeil“. Foto: PR

LAS VEGAS. Als Frank Agresti vor sieben Jahren als Verkäufer bei Towbin Dodge anfing, war er völlig blau. Genauer gesagt blau angemalt wie eine Figur aus der Show der „Blue Man Group“. Das war sein erstes Kostüm bei der wöchentlichen Werbeshow, mit der sein Chef im Kabelfernsehen Autos zum Verkauf vorführt.

Nun sitzt der 37-Jährige als General Manager in seinem kleinen Glasbüro neben dem Verkaufsraum. Er leitet den mit Abstand größten Dodge-Händler in Nevada und einen der größten der USA dazu. Sein Topverkäufer tritt als Flaschengeist auf, und auch „Big Sally aus dem Green Valley“, die mit Monster-Schaumstoffbrüsten um Autokäufer buhlt, macht gute Geschäfte. Willkommen im verrücktesten Autohaus der Welt.

Wer am Las Vegas Boulevard hinter dem riesigen goldenen Löwen des MGM Grand links abbiegt und der East Tropicana Avenue folgt, stößt auf den Las Vegas Expressway. Und von da sind es noch knapp 15 Minuten Fahrt bis zum Auto Mall Drive 275 in Henderson. Hier hocken 15 Autohändler auf engstem Raum nebeneinander, Konkurrenz pur. Einer von ihnen ist Towbin Dodge. Wer hier Autos – und dann auch noch US-Modelle – verkaufen will, muss schon mehr bieten als fette Rabatte und lederne Schlüsseletuis.

Es mag sogar sein, dass Verkaufsspektakel à la Towbin Dodge die Zukunft von Amerikas Autohandel symbolisieren. Denn der steckt tief in der Krise. Die Marktanteile von Dodge, Ford, Chrysler & Co. sinken kontinuierlich. Mitte 2007 fiel der kumulierte Marktanteil der US-Hersteller auf dem Heimatmarkt erstmals unter 50 Prozent. Und Toyota überholte den US-Riesen Ford in der Absatzstatistik – nur noch Primus General Motors verkauft mehr Autos. Doch GM reduzierte sein US-Händlernetz vergangenes Jahr um 229 auf 6 807, bei Ford mussten 139 „Dealer“ schließen. Dodge-Mutter Chrysler hat 142 von 3 607 Niederlassungen dichtgemacht. Das Siechtum der US-Marken wird eines der großen Themen auf der „Detroit Motor Show“ sein, die am Wochenende beginnt.

Ein kalter Samstagmorgen im Januar. Der Hof von Towbin Dodge steht voll mit Geländewagen und Pickups mit riesigen 26-Zoll-Alufelgen und Limousinen, die so tief gelegt sind, dass keine Postkarte mehr zwischen Fahrzeugboden und Straße passt. „Chopper Edition“ steht auf dem Perlmutt-Glanzlack. „Unsere Kunden kaufen nicht EIN Auto“, sagt Frank Agresti, „sie kaufen IHR Auto. Und wir machen es zum Erlebnis.“

Einmal pro Woche dreht Towbin Dodge durch. Dann ist Showtime. Dann zelebriert Boss Josh Towbin persönlich die Aufnahmen für den neuesten Werbespot. Dunkle Sonnenbrille, dicke Silberkette mit einem fetten, kristallbesetzten „Chop“-Anhänger um den Hals. Schwarzer Maßanzug, Schlips. Die „Men in Black“ lassen grüßen. Alle nennen ihn hier nur „Chop“ – „Hackebeil“. Denn Towbin „hackt die Preise klein“.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wer der Star von Towbin Dodge ist

Zur Parade der Gebrauchtwagen streift Verkäufer Daniel Ortega eine blonde Perücke über, schnallt üppige Schaumstoffbrüste um, schlüpft in pinkfarbene High Heels und schnappt sich einen Dodge Caliber, einen Ford Mustang, einen Jeep oder was sonst eben gerade da ist. Steht der Wagen auf der Bühne, werden nicht einfach die Fahrzeugdaten heruntergeleiert. Der Chopper „rappt“ sie vor, die kostümierten Verkäufer springen aus den Wagen, und jeder lässt seine Sprüche ab. „Chop“ nennt einen Preis, der der Meute natürlich nicht passt. „Chop it!“ grölt es aus vollem Hals, und – na klar doch – der Chopper kappt den Preis. Einmal, zweimal, dreimal.

Star von Towbin Dodge ist Prem Singh. Der Einwanderer aus Malaysia habe anfangs kein Wort des Auto-Kauderwelschs verstanden, sagt Josh Towbin. Egal. Entweder du verkaufst hier Autos – oder du fliegst raus.

Prem Singh nutzt seine Chance. Mit blau angemaltem Gesicht und orientalischem Kostüm gibt er den „Flaschengeist“. Nun hat er seine eigene Webseite plus Fangemeinde.

Die Käufer in Las Vegas lieben es, sich von der Wüstenausgabe von Käpt’n Blaubär oder von einem singenden Mexikaner mit Gitarre und Sombrero ein Auto verkaufen zu lassen. Spätestens jetzt wäre jeder Abteilungsleiter eines anständigen deutschen Autohauses wohl ausgerastet.

Aber bei Towbin zählt nur der Abschluss. Und da muss der Chef oft persönlich ran. Der Deal ist eigentlich schon perfekt, aber der Interessent druckst noch herum. „Wo ist Chop?“ ruft der Verkäufer. Und da ist er schon. Kurzer Augenschein – und noch mal werden vom Chef persönlich ein paar Dollar „abgehackt“ – der Kunde strahlt. Show ist Show, und Geiz ist geil – auch in Las Vegas.

„Wir gehen über die Masse und den Preis“, beschreibt Frank Agresti die Strategie. Andere Händler verkauften halb so viele Autos und machten den gleichen Gewinn, glaubt der Familienvater italienischer Abstammung. Aber am Ende habe Towbin doppelt so viele Kunden – die für Ölwechsel, Inspektion oder Tuning zurückkommen. Das läppert sich.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Rund um Towbin Dodge ist eine Unterhaltungsindustrie entstanden

Und dann die Nebengeschäfte. Rund um Towbin Dodge ist eine Unterhaltungsindustrie entstanden: eigenes Hip-Hop-Musiklabel, Online-Shop mit Devotionalien vom Blue-Genie-Wackeldackel bis zum Towbin-T-Shirt. Der Chef, passionierter Autosammler natürlich, tritt mit seinem Igelhaarschnitt in Musiksendungen auf, hat eine Realityshow im TV namens » „King of Cars“ und ist gern gesehener Gast in Talkshows.

Publicity wird immer wichtiger. Die Immobilienkrise macht auch vor Las Vegas nicht halt. Die Stadt hat die drittmeisten Zwangsversteigerungen im Land. Fällt der Wert des Hauses, gibt es keine weiteren Kredite, mit denen sich neue Plasmafernseher oder Autos bezahlen lassen.

Da muss ein Autohändler manchmal auch zu härteren Methoden greifen als Schminke und Rapper-Outfit. Josh Towbin gehört zu den Händlern, die auch bei schwierigen Kreditfällen nicht gleich Nein sagen – das bedeutet dann oft Ärger. Auf Webseiten wie » Choppercarsfraud.com oder » ripoffreport.com machen sich verärgerte Kunden Luft. Schlechter Service, verschwiegene Unfallschäden – alles das, was man auch bei anderen Autohändlern finden kann.

Auf » dealerrater.com hat Towbin einen nur mäßigen Wert von 1,7. General Manager Frank Agresti zuckt mit den Schultern. Acht negative Bewertungen von unzufriedenen Kunden in drei Jahren bei 500 verkauften Autos pro Monat – was soll er dazu sagen? So was passiert halt.

„Gong!“ klingt’s von nebenan. Ist ein Deal perfekt, schlägt jeder Käufer bei Towbin einmal auf einen kupfernen Gong im Verkaufsraum. Per Lautsprecher werden die Daten des Fahrzeugs, der Name des Kunden und der Preis verlesen. Nach tosendem Geklapper, das johlende Verkäufer mit Fäusten und Kugelschreibern auf ihren Tischen erzeugen, dröhnt dem neuen Autobesitzer ein vielkehliges „Thank you“ entgegen. „Wir machen den Kunden stolz – und erinnern unsere Mitarbeiter gleichzeitig immer wieder daran, wer letztlich ihr Gehalt bezahlt“, sagt Agresti. – Und wie wird 2008? „Eines der besten Jahre unserer zehnjährigen Geschichte.“

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