
Handelsblatt: Herr Herzog, würden Sie den Auftrag für die umstrittene Elbphilharmonie in Hamburg noch einmal übernehmen?
Jacques Herzog: Das Gebäude auf einem Kaispeicher im Hamburger Hafen gehört zu den außergewöhnlichsten internationalen Bauprojekten. Wir sind davon überzeugt, dass das Gebäude die Menschen begeistern wird, wenn es fertig ist. Bei allen Problemen sind wir stolz darauf, dass wir die Elbphilharmonie gestalten dürfen. Keine Frage - wir würden den Auftrag nochmal übernehmen; wenn wir einen Wunsch frei hätten, dann bitte in einer klareren Vertragskonstellation.
Aber er beschert Ihnen doch immer wieder neue Negativschlagzeilen, weil die Kosten explodieren und der Bau immer später fertig wird. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?
Nein, nicht in dieser Dimension. Es gab zum Beispiel auch in München bei der Allianz-Arena mit ihrer komplexen wabenförmigen Außenhaut viele Herausforderungen. Das ist normal. Nicht weniger komplex war das Olympiastadion in Peking. Wir sind es gewohnt, unter präzisen Zeit- und Kostenvorgaben Projekte erfolgreich abzuschließen.
Sie werfen dem Bauunternehmen Hochtief vor, dass ihm in Hamburg zu viele Fehler unterlaufen.
Wir werfen nichts vor, sondern wir sind qua Vertrag für die Bauüberwachung zuständig. Und dabei stellen wir eine ungewöhnlich hohe Zahl an Baumängeln fest.
Welcher Art?
Einige sind nur Schönheitsfehler, andere jedoch schwerwiegend, wie die Löcher in der Haut vom großen Konzertsaal. Werden sie nicht vollständig behoben, führen sie dazu, dass störende Geräusche von Innen nach Außen gelangen und umgekehrt. Damit ist die Funktionalität des Gebäudes grundsätzlich in Frage gestellt. Das darf nicht sein.
Will Hochtief denn die Mängel nicht beseitigen?
Doch, der Vorstandsvorsitzende von Hochtief, Herr Lütkestratkötter, hat das persönlich und öffentlich zugesagt. Unser Problem ist: Wir haben zu vielen Punkten bis heute weder einen verlässlichen Zeitplan noch Dokumente, die zeigen, dass die Fehler vollständig behoben sind. Das ist sonst üblich. Stattdessen gibt es einen regelrechten Papierkrieg zwischen allen Beteiligten, der unglaubliche Kapazitäten bindet.
Es ist einfach, alles dem Bauunternehmen Hochtief in die Schuhe zu schieben.
Das tun wir nicht. Wir machen auch Fehler. Ich beklage bei diesem Projekt allerdings die mangelhafte Kooperation und die scheinbar fehlende gemeinsame Zielvorstellung.
Sprengt die Komplexität solcher Projekte nicht die Grenzen des seriös Machbaren?
Nein, das hat damit nichts zu tun. Es ist alles eine Frage der gründlichen Planung und Organisation. Überall auf der Welt entstehen anspruchsvolle Gebäude. Wir bauen gerade den höchsten Büroturm der Schweiz für den Pharma-Konzern Roche in Basel und eine Erweiterung für das Museum Tate Modern in London.
Sind viele Bauherren überfordert? So scheint es doch in Hamburg zu sein und beim U-Bahn-Bau in Köln ebenso.
Das ist manchmal ein Problem. Natürlich sind wir als Architekten darauf angewiesen, einen starken Partner zu haben. Wir brauchen einen kompetenten Bauherrn, der wenn nötig, an den richtigen Stellen Druck ausübt und Entscheidungen trifft.
Was dann gebaut wird, ist jedoch oft wenig preisverdächtig.
Ja, leider entstehen viele Gebäude nach Schema F. Da hat Städteplanung so etwas vom Shoppen in den riesigen Einkaufszentren: Der Stadtplaner und die Investoren kaufen einen bestimmten Büro- oder Geschäftshaustypus und setzen ihn irgendwohin, ohne Bezug zur umgebenden Architektur, Kultur oder zum gesellschaftlichen Umfeld einer Stadt. Schauen Sie sich Dubai an.