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21.07.2008 
Britischem Eigentümer des Warenhauskonzerns droht das Aus

Hertie hängt in der Luft

von Dirk Heilmann und Christoph Schlautmann

Die Essener Hertie GmbH droht in den Strudel des ums Überleben kämpfenden britischen Eigentümers Dawnay Day gezogen zu werden. Die 4 100 Mitarbeiter der Warenhauskette sind am vergangenen Donnerstag offenbar offiziell über die Schieflage des Londoner Finanzinvestors informiert worden. Da Hertie mit seinen 74 Filialen oft noch als zentraler Einkaufspunkt gilt, geht in vielen deutschen Städten die Sorge um.

Das waren noch bessere Zeiten: Ende Januar 2007 präsentierten die Geschäftsführer von Karstadt kompakt, (v.l.) Kay Hafner, Vorsitzender der Geschaftsführung, Mark Rahman, Stephen Booth und Ralf Dettmer den neuen Namen Herti. Archivfoto: apLupe

Das waren noch bessere Zeiten: Ende Januar 2007 präsentierten die Geschäftsführer von Karstadt kompakt, (v.l.) Kay Hafner, Vorsitzender der Geschaftsführung, Mark Rahman, Stephen Booth und Ralf Dettmer den neuen Namen Herti. Archivfoto: ap

LONDON/DÜSSELDORF. "Wenn es zu einem Kollaps von Dawnay Day kommt, wird es für Hertie eng", sagt ein früherer Hertie-Spitzenmanager dem Handelsblatt. Die Briten seien dann ja nicht mehr in der Lage, die verlustreiche deutsche Beteiligung weiter zu stützen.

So wiesen die Essener 2006 einen Fehlbetrag von 33 Mill. Euro aus - bei einem Eigenkapital von nicht einmal mehr als zehn Mill. Euro. Im darauffolgenden Geschäftsjahr habe Hertie erneut ein Minus von 30 Mill. Euro abgeliefert, heißt es in Branchenkreisen, und das bei sinkenden Umsätzen, die nach Informationen von Creditreform um 5,2 Prozent auf 540 Mill. Euro zurückgegangen sind. Hertie wollte sich zu diesen Zahlen nicht äußern und erklärte, doch auf die Veröffentlichung des Jahresabschlusses zu warten.

Vor dem Hintergrund der Schwierigkeiten bei Dawnay Day bezeichneten inzwischen selbst Lieferanten Herties Zukunft als "ungewiss". Der Bielefelder Modegroßhändler Katag liefert nur noch gegen Bankgarantie Ware an Hertie aus. Und der Lebensmittelgroßhändler Lekkerland berichtet, der Kreditversicherer Euler-Hermes gewähre ab dem 1. August keine Ausfallgarantien mehr für Hertie-Lieferungen. Ein westdeutscher Unternehmer erklärt sogar, ihm sei Hertie zum Kauf offeriert worden. Auch von einem internationalen Makler ist zu hören, Hertie gehöre zu den deutschen Kaufhausketten, die gerade im Markt angeboten würden. Weder bei Dawnay Day noch bei Hertie, noch im Aufsichtsrat war eine Stellungnahme zu erhalten. Hertie-Aufseherin Andrea Beyer sagte nur: "Kein Kommentar."

Die Krise um Hertie trifft nicht nur den Konzern selbst. Auch in deutschen Städten wie Mettmann, Cuxhaven oder Aschaffenburg geht die Sorge um. Gerade in Kommunen mittlerer Größe gilt Hertie mit seinen 74 Filialen oft noch als zentraler Einkaufspunkt. Gingen da die Lichter aus, drohte auch benachbarten Geschäften womöglich eine Existenznot.

Gegründet schon vor dem Krieg, wächst Hertie während des deutschen Wirtschaftswunders zügig. 1952 übernimmt die Firma die Rivalen Wertheim und Hansa. Nachdem der Kaufhauskonzern noch bis in die 70er-Jahre rasch expandiert und Filialen auch in kleineren Städten eröffnet hat, gehen die Umsätze in den 80er-Jahren massiv zurück. Zahlreiche oft erst kurz zuvor errichtete Häuser werden wieder geschlossen.

Der Niedergang der Gruppe lässt sich gleichwohl nicht aufhalten. 1993 schluckt Karstadt den Konkurrenten und verpasst den Häusern den eigenen Namen.

2005 reicht Karstadt-Quelle 74 kleinere Kaufhäuser für 500 Mill. Euro an ein Konsortium um Dawnay Day weiter, das diese Filialen seither unter dem reaktivierten Markennamen Hertie betreibt. Die Briten spalten den Neuerwerb in eine Warenhandels- und eine Immobiliengesellschaft auf. In der Folge bleiben zugesagte Investitionen für die Modernisierung von Hertie weitgehend aus, erklärt ein mit den Vorgängen vertrauter Manager. Statt zu investieren, hätten die Briten als Eigentümer der Immobilien erhebliche Mittel aus dem Unternehmen gesogen, und zwar mittels deutlich über den Marktpreisen liegender Mietzahlungen, wie mehrere Insider berichten. Während in vergleichbaren Kaufhäusern fünf Prozent des Umsatzes an den Vermieter gehen, seien es bei Hertie rund zehn gewesen - was rechnerisch einer Zusatzbelastung von etwa 27 Mill. Euro pro Jahr entspricht.

Hinzu kommen Zahlungen an die Gesellschafter für sogenannte Beratungsleistungen. "Gegebenenfalls wäre Hertie ohne diese Mehrbelastungen sogar profitabel", sagt ein Ex-Manager. Ein geplantes gemeinsames Sanierungskonzept für Hertie von PWC und Deutscher Bank wurde vergangene Woche gestoppt.

Schuld am Niedergang des Finanzinvestors Dawnay Day, der zuletzt ein weitverzweigtes Immobilien- und Beteiligungsportfolio in Deutschland und Großbritannien aufbaute, tragen der Verfall der Immobilienpreise und verschärfte Kreditbedingungen. Die Probleme der verschwiegenen Londoner Gruppe waren sichtbar geworden, als Anfang Juli Gläubiger die Finanzfirma zwangen, eine 20-prozentige Beteiligung an der Fondsmanagementgesellschaft F & C mit einem Verlust von rund 90 Mill. Euro abzustoßen. Anschließend meldeten die beiden größten Dawnay-Day-Eigentümer Guy Naggar und Peter Klimt für zwei ihrer Holdinggesellschaften Insolvenz an, während die Gesamtgruppe einem Administrator - der Vorstufe eines Insolvenzverwalters nach britischem Recht - unterstellt wurde.

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