
DÜSSELDORF. Offensichtlich haben die Verantwortlichen von Stuttgart 21 die Bedenken der Protestler nicht richtig ernst genommen. "Bahn und Stadt sind im Laufe der Jahre in einer kalten Berührungsangst vor ihren Bürgern erstarrt", urteilt etwa die örtliche "Stuttgarter Zeitung".
Grundsätzlich jedoch können PR-Strategen keine gravierenden Kommunikationsfehler von Stadt oder Bahn im Vorfeld von Stuttgart 21 erkennen. Das Problem: Angebote zum Dialog über Projekte nehmen Bürger meist nur begrenzt wahr. "Sie wachen erst auf, kurz bevor die Bagger anrücken", beobachtet Günter Bentele, Professor für Public Relations an der Universität Leipzig.
Kommunikationsexperten ziehen Vergleiche zur Bohrinsel Brent Spar, die der Ölkonzern Shell 1995 versenken wollte. Ähnlich hätten Bahn und Stadt Stuttgart den Zeitpunkt verpasst, als die öffentliche Stimmung überraschend kippte.
Jetzt durch Abrissbirnen Fakten zu schaffen und die Proteste auszusitzen - davor kann Frank Roselieb vom Kieler Institut für Krisenforschung jedoch nur warnen. Die Situation sei emotional extrem festgefahren. Jetzt könne nur noch ein Moratorium helfen. An einem runden Tisch sollten alle Interessengruppen Argumente offen austauschen. Ratsam sei es, dafür einen von allen Seiten geachteten Mediator einzuschalten. Roselieb ist überzeugt: "Um die Zweifler zurückzugewinnen, müssen die Projektträger gewisse Zugeständnisse machen."
Trotz aller hochkochenden Emotionen: Der Imageschaden für die Deutsche Bahn ist relativ gering, sagen PR-Experten unisono. Als Arbeitgeber werde die Bahn dadurch aber nicht unbedingt attraktiver. "Ein ICE-Unfall oder Verspätungen aber sind viel wichtigere Imagebausteine für die Bahn", betont Bentele.
Ein Trost bleibt für die Bahn: Auch beim Neubau des Leipziger Hauptbahnhofs gab es heftige Proteste, erinnert sich der Professor. Heute seien die Leipziger durchweg stolz, wenn Besucher loben: "Was habt Ihr für einen tollen Bahnhof!"