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Kritik an Arbeitsbedingungen: „Aldi, Lidl und Kik hängen sich Sozialmäntelchen um“

Billig, billiger, menschenunwürdig: Vor fünf Jahren prangerte eine Nichtregierungsorganisation die Discounter Lidl, Aldi und Kik für die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer an. Jetzt wurden erneut Mitarbeiter befragt.

DüsseldorfMassive Vorwürfe hatte die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) im Auftrag der Christlichen Initiative Romero vor fünf Jahren nach einer ersten Befragung von Mitarbeitern in den Textil-Zulieferbetrieben von Lidl, Aldi und Kik erhoben. Eine aktuelle Befragung in Bangladesch, China, Indien und anderen Billiglohnländern zeigt: Die Situation ist nach wie vor verheerend.

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Aldi, Lidl und Kik haben an den Arbeitsbedingungen der Zulieferbetriebe in Billiglohnländern nach wie vor nichts verändert. Quelle: dpa
Aldi, Lidl und Kik haben an den Arbeitsbedingungen der Zulieferbetriebe in Billiglohnländern nach wie vor nichts verändert. Quelle: dpa

Die Umfrage belegt: Die Mehrheit der Mitarbeiter schuftet weiterhin ohne einen Arbeitsvertrag, Überstunden zwischen 30 und 100 Stunden monatlich sind eher die Regel als die Ausnahme und werden nicht ausreichend bezahlt. „Das Arbeitspensum ist de facto so immens, dass es nicht ohne Überstunden zu schaffen ist“, sagt Sandra Dusch Silva von der Christlichen Initiative Romero.

Eine Sechs-Tage-Woche und Arbeitsschluss um Mitternacht sei daher nichts Ungewöhnliches. Gewerkschaftliche Organisierung wird nach wie vor unterbunden und Diskriminierung von Frauen, von verbalen Drohungen bis hin zur sexuellen Misshandlung, gehört auch weiterhin zum Alltag in den Fabriken. Dort arbeiten vorwiegend Frauen als Näherinnen.

 

Warum Aldi billig ist

  • Es ging ums Sattwerden

    Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.

  • Zahl der Artikel

    Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.

  • Das oberste Gebot

    Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.

  • Die Revolution

    Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.

  • Markenartikel? Nein, Danke!

    Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.

  • Aldis Problem

    Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.

  • Harte Gespräche mit Lieferanten

    Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen. 

  • Die große Verlockung

    Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.

  • Das Preisdiktat

    Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.

  • Wie preissensibel ist der Kunde

    Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.

  • Der Preis ist nicht alles

    Egal wie günstig ein Produkt ist – die Qualität muss stimmen: Aldi testet wie auch die anderen Discounter ständig seine aktuellen und auch mögliche neuen Produkte. Zudem nützt das tollste Sonderangebot nichts, wenn es um 11 Uhr ausverkauft ist.

  • Keine Existenzgarantie

    Kein Produkt hat bei Aldi eine Existenzgarantie. Jeder Lieferant ist austauschbar. Und das lässt Aldi seine Partner ganz genau wissen. Es herrscht rigorose Preiskontrolle vom Einkauf bis zum Verkauf. Der Kunde entscheidet. Nimmt er ein Produkt nicht (mehr) an, fliegt es aus dem Sortiment. Das gilt besonders für Sonderverkäufe. Schlagen sie nicht ein, bekommen sie keine zweite Chance.

  • Produkte, mit denen man nichts verdient

    Im Fachjargon heißen sie Zugartikel, die Produkte, an denen Aldi praktisch nichts verdient. Die Marge liegt nahe null, aber sie sind dennoch sehr wichtig. Denn sie locken Kunden in den Laden. Und die Kunden kaufen dann eben auch andere Produkte, wo die Margen entsprechend höher liegen. Die sogenannte Quermarge stimmt also auch bei Zugprodukten.

  • Die Vorstelltische

    Regale sind das eine, Vorstelltische das andere. Bei Aldi haben sie eine sehr hohe Bedeutung. Reste gehen hier rasant weg.

  • Zu wenig Personal?

    Der Filialleiter hat die wesentliche Aufgabe, sein Personal geschickt einzuspannen. Aldi näht hier auf Kante, sprich: Die Personaldecke ist extrem eng. Im Krankheitsfall bricht rasch der Notstand aus, wenn nicht umgehend Ersatz zur Hand ist: verdreckte Böden, unsortierte Regale, Schlangen an den Kassen. Entsprechend sind Filialleiter entscheidende „Produktchefs“ und es gelten hohe Standards.

  • Alle Preise im Kopf

    Heute, in Zeiten der Piep-Piep-Kassen, ist es nicht mehr so wichtig: Aber groß geworden ist Aldi auch wegen einer vermeintlich selbstverständlichen Eigenschaft der Kassiererinnen und Kassierer: Sie kannten die Preise der Produkte auswendig und konnten sie blitzschnell in die Kasse eingeben.

  • Wohin mit dem Geld?

    Die Logistik dahinter ist alles andere als einfach: Wie bekommt man all die hohen Bargeldsummen, die sich in den Kassen auftürmen, sicher zur Bank? Das ist die eine Frage, die Discounter wie Aldi lösen müssen. Die andere ist, wie man die Liquidität möglichst schnell reinvestiert. Be einer Umschlaggeschwindigkeit der Waren von 8,5 Tagen und einem Zahlungsziel von 14 Tagen gegenüber dem Lieferanten ist die Ware nahezu zweimal verkauft, ehe sie einmal zu bezahlen ist. Und das mit zwei Prozent Skonto.

  • Lieber besitzen als mieten

    Wohin also mit dem Geld? Die erste Antwort lautet: Nicht mehr mieten, sondern kaufen – also die Immobilien, in denen sich die Filialen befinden. Zudem fließt bei Aldi viel Geld in die Familienstiftung. Dort wird es gefahrensicher angelegt. Zudem war Aldi frühzeitig darauf aus, in der Plastikindustrie zuzukaufen.

  • Aldis eigene Produkte

    Aldi ging schon früh einen Weg, der damals alles andere als üblich war und setzte auf eigene Produkte. Die alte Kaufmannsweisheit, dass der Vertreiber nicht selbst produzieren soll, damit er nicht mit Reklamationen überschüttet wird, gilt heute längst nicht mehr. Aber damals war es etwas ziemlich neues. Es begann mit eigenem Kaffee, der in Herten produziert wurde.

  • Alles wird umgetauscht

    Bei Aldi wird alles und ausnahmslos umgetauscht, wenn der Kunde dies wünscht. Jede eingequetschte Tomate und jede Laufmasche. Filialleiter dürfen unter keinen Umständen Einwände erheben.

  • Aldi wirbt nicht

    Die beiden Aldi-Unternehmen brüsten sich damit, nicht zu werben. Das ist natürlich nicht wörtlich gemeint, schließlich sind die Anzeigen aus den regionalen und überregionalen Zeitungen nicht wegzudenken. Was Aldi meint ist, dass man die Kunden besonders anspricht, also über den Preis argumentiert und auf Mund-zu-Mund-Propaganda setzt.

  • Nord-Süd-Vergleich

    Einmal im Jahr gibt es den bisweilen gefürchteten Vergleich zwischen Aldi Nord und Aldi Süd. Folgende Zahlen spielen darin die Hauptrolle: Hauptkostenarten bei Personal, Mieten, Energie usw. sowie Anzahl der Filialen, Umsätze und Gesamtkosten.

  • Nichts zu feiern

    Bei Aldi gibt es praktisch keine innerbetrieblichen Veranstaltungen. Sozialkontakte erstrecken sich auf den gemeinsamen Einsatz für sprudelnde Umsätze. Als ein Geschäftsführer mal anlässlich der Heirat seiner Tochter Theo Albrecht nebst Gattin Chily einlud und es dort Zusammentreffen mit wichtigen Lieferanten gab, verzog Theo keine Miene. Das Arbeitsverhältnis wurde gelöst.

     

„Das Sündenregister der Discounter ist skandalös“, sagt Dusch Silva. Damals hatten die deutschen Billig-Supermärkte Besserung gelobt. Während Aldi keinerlei Anstrengungen unternahm, führten Lidl und Kik Trainings bei Produzenten in Bangladesch und China durch. Doch die hätten nichts mit der arbeitsrechtlichen Situation der Arbeitnehmer zu tun gehabt, sondern beispielsweise mit Brandschutz- und Sicherheitsmaßnahmen, sagt Dusch Silva.

Hinzu komme, dass an diesen Trainings vorwiegend das mittlere Management nach der Arbeitszeit teilgenommen habe. Von den einfachen Arbeitern seien nur vereinzelt welche ausgewählt worden. „Aldi, Lidl und Kik hängen sich ein Sozialmäntelchen um“, kritisiert sie.

Discounter Lidls Preisvorteil ist laut ARD-Dokufilmern überschätzt

Die ARD hat gestern zur besten Sendezeit eine Unternehmensdokumentation gezeigt. Der Sender nahm Lidl unter die Lupe. Es war der Auftakt einer Serie von Wirtschaftsreportagen. Der Discounter kam dabei schlecht weg.

Discounter: Lidls Preisvorteil ist laut ARD-Dokufilmern überschätzt

Befragt wurden 162 Arbeiter in zehn Zulieferbetrieben in Billiglohnländern wie Bangladesch, China und Indien. Ursprünglich waren es sogar elf Betriebe. „Aber in einer Fabrik, die für Aldi produziert, mussten wir die Befragung abbrechen“, sagt Dusch Silva. Dort sei den Frauen mit Jobverlust, Gewalt und sogar einer Gefängnisstrafe gedroht worden, wenn sie an der Befragung teilnehmen.

  • 25.03.2012, 16:19 UhrAnonymer Benutzer: Heinzcologne

    Bei Lidl werden alle mit 80h, 100h, 120h eingestellt. Die Überstunden werden bezahlt und man kommt auf die Woche 40h. Das war in den letzten 5 Jahre und habe gut verdient. Gespart haben die wenn ich Krank wurde oder wenn ich Urlaub hatte. Denn es wurde laut Vertrag nur 80h bezahlt. Ich habe einen 80h Stundenvertrag als Erwachsene Familienvater bekomme und trotz jahrelange Bettler gespielt keine Verlängerung bekommen.
    Neuerdings wurden immer mehr Leute eingestellt. Alle mit 120h! Und werden in Filialen eingesetzt wo dann die deren Stunden mit unseren Stunden verrechnet wird. Überstunden werden nach Umsatz bezahlt. Je mehr Personal um so weniger Stunden gibt es zu verteilen. Jetzt ist es so das eben keine Überstunden entstehen. Wir ältere Mitarbeiter wurden zu Halbtagsmitarbeiter verdammt. Meine Kollegen haben teils 100h und ganz wenige 120h. Nur der Chef takkert mit Freude mit 163h (alte Vertrag).

  • 17.01.2012, 08:12 UhrAnonymer Benutzer: OnkelSam

    Dieser Sachverhalt ist doch schon seit Jahren bekannt. Warum wird er erst oder gerade jetzt thematisiert? Die genannten Discounter sind das Ergebnis einer Lohnpolitik nach unten. Zudem werden die Menschen in Deutschland nicht dazu angehalten, sich bewusster zu ernähren oder mit ihrem Kaufverhalten zu signalisieren, dass sie diese Dumpinglöhner mit ihrer unzureichenden Personalbetreuung in ihren Betriebsstätten in Südostasien meiden. Nein, die Menschen hier wurden mit dem Slogan: Geiz ist geil auf eine Wirtschaftspolitik eingestimmt, deren oberstes Ziel die Kosteneinsparung ist. Man muss heute nicht mehr nach Vietnam oder sonstwo hingehen, um das Ergebnis dieser verheerenden Wirtschaftsphilosophie zu beobachten. Längst ist in Deutschland ähnliches zu beanstanden. Es ist den Medien zu konstatieren, dass sie endlich solche Missstände anprangern, muss aber auch erinnern, dass dieselben Medien jahrelang weggeschaut haben. Die Thematisierung hat offenbar noch einen anderen Grund. Man will mit selektierter Aktualität von den eigentlichen Problemen ablenken. Denn, was Deutschland als Regierung in der Eurokrise tut, ist nicht viel besser. Wir schneiden seit Jahren den Menschen in Deutschland ihre Teilhabe am Wohlstand ab und untergraben die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Nationen mit unserer Kostendrückerrei bei Löhnen, Renten und Sozialleistungen. Deutschland hat sich einen Neo-Merkantilismus auf die Fahne geschrieben, der Europa sogar zum Scheitern bringen könnte. Da ist es willkommen, wenn das Interesse davon abgelenkt wird. Die Politiker werden dankbar dafür sein und die Gelegenheit nutzen, im Hintergrund schlimmeres auszukungeln.

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