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Logistikzentrum: Nächster Streik an deutschem Amazon-Standort

Wieder legen Beschäftigte des größten deutschen Amazon-Standortes in Bad Hersfeld die Arbeit nieder. Die Streikenden wollen dadurch mit Politikern ins Gespräch kommen, die von Amazon eingeladen wurden.

Streikbilder vom 14. Mai: Am Standort in Bad Hersfeld soll wieder gestreikt werden. Quelle: Reuters
Streikbilder vom 14. Mai: Am Standort in Bad Hersfeld soll wieder gestreikt werden. Quelle: Reuters

Bad HersfeldDie Streiks beim Internet-Versandhändler Amazon gehen weiter. Die Gewerkschaft Verdi hat die Beschäftigten des größeren von zwei Logistikzentren im osthessischen Bad Hersfeld aufgerufen, am Mittwoch zwischen 14.30 und 16.30 Uhr die Arbeit niederzulegen. Anlass ist ein Besuch von Politikern, mit denen die Belegschaft ins Gespräch kommen wolle, wie die Gewerkschaft am Dienstag mitteilte.

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Die Gewerkschaft fordert für die Beschäftigten einen Tarifvertrag nach den Konditionen des Einzel- und Versandhandels. Das US-Unternehmen lehnt dies ab und orientiert sich nach eigenen Angaben an der Bezahlung in der Logistikbranche. In Bad Hersfeld hatte es wie auch in Leipzig nach entsprechenden Urabstimmungen bereits am 14. Mai einen ganztägigen Streik gegeben. In Leipzig hatten die Beschäftigten zuletzt am Montag die Arbeit niedergelegt.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

  • Wie fing Amazon an?

    Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

  • Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

    Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. So konnte Amazon im vergangenen Jahr seinen Umsatz um 27 Prozent auf 61,1 Milliarden Dollar steigern (45,7 Mrd Euro). Amazon stampft regelmäßig neue Versandzentren aus dem Boden, um dem Ansturm Herr zu werden. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. Im vergangenen Jahr machte Amazon sogar ein Verlust von 39 Millionen Dollar.

  • Wie relevant ist der deutsche Markt?

    Es ist der größte Auslandsmarkt. Im vergangenen Jahr setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

  • Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

    Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

  • Wie ist der Konzern aufgestellt?

    In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 7700 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten zum Jahreswechsel 88 400 Festangestellte im Unternehmen.

  • Schadet der Shitstorm?

    Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.

  • Folgen des Leiharbeiter-Skandals

    Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung, die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,30 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.

  • Wo Amazon noch Ärger hat

    Ja, in Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schufften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

Verdi rechnet damit, dass sich etwa 300 Angestellte an der Protestaktion in Bad Hersfeld beteiligen. An dem Tag seien Bundes-, Landes und Kommunalpolitiker von Amazon eingeladen, sich das größere der beiden Versandlager in dem Ort anzuschauen. Die Streikenden sollen dabei mit Politikern ins Gespräch kommen und auf ihre Probleme hinweisen, wie eine Verdi-Sprecherin sagte. „Wir wollen zeigen, dass bei Amazon keine heile Welt herrscht, sondern Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung.“ Amazon hat bundesweit acht Versandlager und rund 9000 Mitarbeiter.

Bei Amazon in Bad Hersfeld und Leipzig hatten am 14. Mai laut Gewerkschaft zusammen 1700 Beschäftigte an Streiks teilgenommen. Amazon sagte, es seien nicht einmal 750 gewesen. Am Montag hatte es wegen angekündigter Politiker-Besuche bereits in Leipzig eine Protestaktion gegeben. Für Bad Hersfeld ist es am Mittwoch bereits die dritte Streikaktion. Bereits vor der Urabstimmung Ende April hatte es in Bad Hersfeld am 9. April einen Warnstreik gegeben. Seit dem Streik am 14. Mai habe es noch keine Annäherung zwischen der Gewerkschaft und Amazon gegeben, so Verdi.

Das in der Öffentlichkeit eher zurückhaltende US-Unternehmen stand zuletzt mehrfach in den Schlagzeilen: Zu Jahresbeginn war Amazon in Deutschland wegen der Behandlung von Leiharbeitern in die Kritik geraten. Auslöser war eine TV-Dokumentation.

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