
Frankfurt/BrüsselDie EU will die Rating-Agenturen mit ihren folgenreichen Noten für die Bonität von Staaten angesichts der Euro-Schuldenkrise an die Kette legen. Mit schärferen Vorschriften soll vor allem der Einfluss der drei großen Rating-Agenturen Moody's, Standard & Poor's und Fitch Ratings begrenzt werden. Genau wegen dieser von der EU geplanten schärferen Vorschriften sieht sich nun ein neuer Konkurrent im Aufwind.
Die Unternehmensberatung Roland Berger, die bei Politikern und Investoren für eine neue europäische Ratingagentur wirbt, rechnet mit einem raschen Abschluss der Investorensuche. „Bis zum Jahresende wird das Konsortium noch nicht ganz stehen. Aber innerhalb des ersten Quartals 2012 schaffen wir es“, sagte der verantwortliche Roland-Berger-Partner Markus Krall der Tagszeitung „Die Welt“. Krall versucht, Börsenbetreiber, Banken und andere Partner für das Projekt gewinnen.
Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.
Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.
Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.
Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.
Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.
EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hatte zuvor in Straßburg kritisiert, dass die Agenturen schwere Fehler gemacht und Herabstufungen auf Staatsanleihen zur Unzeit veröffentlicht hätten. Er will die Dominanz der drei Marktführer aus den USA brechen. Kleinere Konkurrenten sollen stärker ins Geschäft kommen, indem die Emittenten eine Agentur höchstens drei Jahre lang beauftragen dürfen. Das Europäische Parlament beschloss in Straßburg außerdem ein prinzipielles Verbot von schädlichen Spekulationen auf fallende Kurse von Staatsanleihen.
Eine europäische Ratingagentur soll nach den Vorstellungen von Roland Berger ihre Produkte nicht an Emittenten von Wertpapieren, sondern an Wertpapier-Anleger verkaufen. Damit unterscheidet sich das Geschäftsmodell von dem der etablierten Ratingagenturen, die im Auftrag und auf Kosten von Unternehmen oder Ländern deren Bonität bewerten.
Berger-Partner Krall hofft daher auf Rückendeckung von der EU-Kommission - denn bislang gibt es kaum Grund für Investoren, für Ratings zu bezahlen. „Das geht nur über Regulierung, weil für die Marktteilnehmer sonst der Anreiz fehlt“, sagte Krall der „Welt“.
Naja. Die Kommentare hier sind teilweise schon sehr polemisch-populistisch. Fakt ist doch, dass die derzeitige Funktionsweise der Ratingagenturen nicht gerade top ist: jahrelang wahllos Triple-As an strukturierte Ramschprodukte verteilt und dafür kräftig abgesahnt, krasseste Rechenfehler beim US-Downgrade begangen, mal eben "aus Versehen" die zweitgrößte Wirtschaft Europas heruntergestuft in Zeiten höchster Unsicherheit an den Märkten... Die Performance des aktuellen Systems über die letzten 4-5 Jahre spricht für sich. An dieser Stelle mal darüber nachzudenken, wie man diese so zentrale Schnittstelle unseres Finanz- und Wirtschaftssystems besser organisiert halte ich daher für richtig und wichtig!
Ob das dann Roland Berger machen sollte ist allerdings eine andere Frage: so uninteressiert an einem Großauftrag zum Aufbau dieser Agentur sind die ja sicher auch nicht :)
Ist doch interessant, Berger bestens in der Politik vernetzt, will sich nun an Ratings versuchen. Die Politik wird ihm schon die Steigbuegel halten, enden wird es im Jammertal, denn national ist Berger schon eine Lachnummer, international ist er, wie heissen die kleinen Flecken, den die Fliegen hinterlassen nochmal?
Bruessel will ja nun die Ratingagenturen an die Leine nehmen, wird aber wohl erst was Ende 2012, weil es so wichtig und eilig ist. Haben etwa an diesem Zeitplan die Lobbyisten schon wieder gefingert. So langsam kommt mir die Erkenntnis, der Anarchie der Finanzmaerkte kann man nur mit Anarchie begegnen.
Lachhaft, wenn ein Regierungsschleimer wie Berger Gefälligkeitsratings für europäische Regierungen erstellen will.
17 Kommentare
Alle Kommentare lesen