Die Bahnmanager versuchen mit allen Mitteln, die Folgen für Kunden im Personen- und Güterverkehr zu mildern. Dennoch gibt es heute wieder massive Blockaden auf Deutschlands Schienen. Politik und Unternehmen sorgen sich um die Konjunktur.
DÜSSELDORF. Für Karl-Friedrich Rausch, im Vorstand der Deutschen Bahn verantwortlich für den Personenverkehr, ist es das bescheidene Glück im Unglück: „Die Tatsache, dass die Lokführer-Gewerkschaft den Streik mehr als 24 Stunden vorher angekündigt hat, macht es uns leichter, die Streikfolgen systematisch mit Ersatzfahrplänen zu mildern.“ Hinzu komme, dass die Bahn inzwischen ja schon Erfahrung mit solchen Plänen habe. „Leider machen wir das ja nicht zum ersten Mal. Wir konnten für Donnerstag und Freitag präzise festlegen, welche Züge fahren, welche ausfallen und welche nur auf bestimmten Streckenabschnitten eingesetzt werden können.“
Stichwort Ersatzfahrplan: Mit einem logistischen Großaufwand versucht die Bahn, das Chaos im Personenverkehr abzuwenden. Das Ziel ist anspruchsvoll: Im Fernverkehr sollen zwei Drittel aller Züge rollen, vor allem die Flaggschiffe ICE, im Nahverkehr immerhin jeder zweite Zug.
Das klingt viel – und ist für viele Reisende doch wenig: Intercity-Züge etwa werden heute und morgen so gut wie gar nicht unterwegs sein. Der IC-Verkehr werde weitestgehend auf die linke Rheinstrecke zwischen Köln und dem Großraum Rhein-Main begrenzt sein, sagt ein Bahnsprecher. Im Nahverkehr wird es Züge geben, die fahren, und andere, die gar nicht aus den Abstellbahnhöfen herauskommen. „Wir haben versucht, die verbleibenden Lokführer so einzusetzen, dass wir im Nahverkehr einen einmal im fahrplanmäßigen Umlauf befindlichen Zug dann auch ganztägig einsetzen können“, so der Bahnsprecher. Das heißt im Klartext: Jeder Zug, für den nicht über alle Schichten hinweg Fahrpersonal zur Verfügung steht, bleibt von Anfang an stehen.
„Unsere Transportleitungen und Disponenten für Personal und Fahrzeuge haben alle Hände voll zu tun, damit wenigstens das Minimalangebot funktioniert“, betont Rausch. Er selbst will heute und Freitag früh am Berliner Hauptbahnhof prüfen, was funktioniert – und was womöglich nicht klappt.
Die Neu-Disponierung der Lokführer funktioniert nur teilweise per Computer: Das Geschäft sei so komplex, dass es nur „in Handarbeit zu bewältigen ist“, sagt der Konzernsprecher. Mit Ausnahmezuständen haben die Bahn-Disponenten allerdings Erfahrung. Zu Jahresbeginn erst hatte der Orkan Kyrill die Fahrpläne mehr durcheinandergewirbelt, als es die Lokführer schaffen werden.
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Das praktische Geschäft des Ersatzfahrplans besteht darin, das knapp gewordene Gut Lokführer auf neue Schichten so zu verteilen, dass der Betrieb noch halbwegs läuft. Unterstützt werden die Lokführer zum Teil durch Eisenbahner, die eigentlich am Schreibtisch sitzen, aber früher den Lokführer-Beruf gelernt haben. Voraussetzung für ihren Einsatz ist, dass sie ihre Fahrpraxis aufgefrischt haben und Streckenkenntnis besitzen: Denn bei der Bahn fährt aus Sicherheitsgründen kein Lokführer auf ihm fremden Gleisen. Das Potenzial, Lokführer zu reaktivieren, ist aber begrenzt: Denn die Leute am Schreibtisch sind heute oft Vorgesetzte, die die Dienstpläne ändern müssen.
Beim fahrenden Personal werden die Dienstplanänderungen nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen, beobachten Bahn-Führungskräfte und Gewerkschaftsfunktionäre. Hinzu kommt, dass der kompromisslose Kurs der GDL zu einem „Riss quer durch die Belegschaft“ geführt hat. Im Krieg der Funktionäre, sagt ein führender Gewerkschafter, der nicht namentlich genannt werden will, würden die Lokführer gnadenlos missbraucht. „Die GDL hat es tatsächlich geschafft, dass Kollegen, die jahrzehntelang miteinander bestens ausgekommen sind, heute nicht mehr miteinander reden.“
In den öffentlichen Drohgebärden der GDL taucht zwar immer häufiger der „unbefristete Streik“ auf. Doch auch die Gewerkschaftsfunktionäre können sich nicht der Einsicht verschließen, dass sie dann wieder von den Gerichten zurückgepfiffen werden könnten: wegen der Unverhältnismäßigkeit ihres Streiks. Deshalb verzichtet die Gewerkschaft auch auf eine totale Bahn-Blockade – bestreikte Züge will die GDL nur in Bahnhöfen oder dort abstellen lassen, wo sie überholt werden können. Das ist tröstlich für die Kundschaft und für Vorstand Rausch.

