Das praktische Geschäft des Ersatzfahrplans besteht darin, das knapp gewordene Gut Lokführer auf neue Schichten so zu verteilen, dass der Betrieb noch halbwegs läuft. Unterstützt werden die Lokführer zum Teil durch Eisenbahner, die eigentlich am Schreibtisch sitzen, aber früher den Lokführer-Beruf gelernt haben. Voraussetzung für ihren Einsatz ist, dass sie ihre Fahrpraxis aufgefrischt haben und Streckenkenntnis besitzen: Denn bei der Bahn fährt aus Sicherheitsgründen kein Lokführer auf ihm fremden Gleisen. Das Potenzial, Lokführer zu reaktivieren, ist aber begrenzt: Denn die Leute am Schreibtisch sind heute oft Vorgesetzte, die die Dienstpläne ändern müssen.
Beim fahrenden Personal werden die Dienstplanänderungen nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen, beobachten Bahn-Führungskräfte und Gewerkschaftsfunktionäre. Hinzu kommt, dass der kompromisslose Kurs der GDL zu einem „Riss quer durch die Belegschaft“ geführt hat. Im Krieg der Funktionäre, sagt ein führender Gewerkschafter, der nicht namentlich genannt werden will, würden die Lokführer gnadenlos missbraucht. „Die GDL hat es tatsächlich geschafft, dass Kollegen, die jahrzehntelang miteinander bestens ausgekommen sind, heute nicht mehr miteinander reden.“
In den öffentlichen Drohgebärden der GDL taucht zwar immer häufiger der „unbefristete Streik“ auf. Doch auch die Gewerkschaftsfunktionäre können sich nicht der Einsicht verschließen, dass sie dann wieder von den Gerichten zurückgepfiffen werden könnten: wegen der Unverhältnismäßigkeit ihres Streiks. Deshalb verzichtet die Gewerkschaft auch auf eine totale Bahn-Blockade – bestreikte Züge will die GDL nur in Bahnhöfen oder dort abstellen lassen, wo sie überholt werden können. Das ist tröstlich für die Kundschaft und für Vorstand Rausch.

