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Preisklauseln: Amazon gerät ins Visier des Bundeskartellamts

Amazon droht nach der Leiharbeiter-Debatte nun neuer Ärger: Das Bundeskartellamt prüft die Klauseln des Online-Händlers für Drittanbieter. Die dürfen ihre Produkte nirgendwo billiger anbieten als auf der Plattform.

Amazon steht nun im Verdacht, den Wettbewerb zu verzerren. Quelle: dpa
Amazon steht nun im Verdacht, den Wettbewerb zu verzerren. Quelle: dpa

BonnDas Internet-Kaufhaus Amazon ist ins Visier der deutschen Wettbewerbshüter geraten. Wie das Bundeskartellamt am Mittwoch in Bonn mitteilte, startete die Behörde eine Überprüfung der Klauseln von Amazon für Drittanbieter, die über die Online-Plattform ihre Produkte verkaufen. Diese Klausel untersage den Händlern, Produkte, die sie auf Amazon anbieten, auf anderen Plattformen im Internet günstiger zu verkaufen als bei Amazon. Dies gelte etwa, wenn die Produkte neben Amazon auch über das Online-Auktionshaus Ebay oder die eigenen Internetseiten der Verkäufer angeboten würden.

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Mit dieser sogenannten „Preisparitätsklausel" könne Amazon „gegen das allgemeine Kartellverbot verstoßen", erklärte Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Deswegen starte die Wettbewerbsbehörde nun eine Internetbefragung von 2400 Händlern, die über Amazon ihre Produkte anböten.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

  • Wie fing Amazon an?

    Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

  • Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

    Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

  • Wie relevant ist der deutsche Markt?

    Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

  • Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

    Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

  • Wie ist der Konzern aufgestellt?

    In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

  • Schadet der Shitstorm?

    Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.

  • Folgen des Leiharbeiterskandals

    Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung. Die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,55 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.

  • Wo Amazon noch Ärger hat

    In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schuften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

Ein Verstoß durch Amazon gegen das Kartellverbot könne vor allem dann vorliegen, wenn durch die Klausel von Amazon die freie Preissetzung der Händler behindert und dadurch der Wettbewerb zwischen den verschienen Online-Marktplätzen beschränkt werde. „Hierfür spricht einiges", erklärte Mundt.

Umstrittene Leiharbeiter Wie Amazon an Glanz verliert

Kunden kündigen ihre Nutzerkonten, im Netz hagelt es Beschwerden.

„Unter normalen Umständen" hätten Händler ein Interesse, ihre Waren an mehreren Plätzen im Internet anzubieten, erklärte Mundt. Bei neuen Konkurrenten im Wettbewerb der Online-Marktplätze bestehe die Möglichkeit, dass diese von Verkäufern günstigere Provisionen verlangten als Platzhirsch Amazon.

Mit der Preisparitätsklausel von Amazon jedoch bestehe die Gefahr, dass Verkäufer auf neuen Online-Marktplätzen „günstigere Konditionen nicht auch in einen günstigeren Preis für den Endkunden einfließen lassen können", erklärte das Bundeskartellamt. Dies könne es für die neuen Marktplätze schwierig machen, „neben Amazon eine hohe Reichweite zu erlangen".

Amazon

Die Folge könne sein, dass „hohe Händlergebühren von Amazon durchgesetzt werden", erklärte das Bundeskartellamt. Dieses System könne „so insgesamt zu einem höheren Preisniveau zulasten des Verbrauchers" führen, ohne dass dieser „ausreichende Vorteile hiervon" habe. Bestätigten sich durch die Ermittlungen der Verdacht, könne Amazon verpflichtet werden, seine Preisparitätsklausel aus seinen Geschäftsbedingungen zu streichen.

  • 20.02.2013, 12:49 UhrChief_Justice_Deluxe

    Mal ernsthaft, überall gibt es Leiharbeit. Unsere Politiker haben doch dafür gesorgt.
    Ein Arbeitsloser bekommt regelmäßig Vorstellungen bei Leiharbeitsfirmen, sowas nennt man dann den Weg aus der Arbeitslosigkeit. Das derjenige aber nach einigen Monaten wieder zum Amt rennt, wird vergessen. Auch unsere Arbeitsämter sind nicht viel besser im Umgang mit den Menschen.
    Ziel sollte es sein Menschen Arbeit zu vermitteln und das sie dort bleiben, und nicht von einer Stelle zur nächsten weitergereicht zu werden. Hier ist nicht Amazon der Schuldige sondern unsere Politik/Arbeitsämter.

    Gleiches mit dem Bundeskartellamt, dieses Amt soll sich lieber um den Benzinpreis und um die Nebenkosten/Strompreise kümmern. Hier findet die Abzocke statt.
    Wenn sich die Unternehmen die nichts miteinander zu tun haben, "Absprachen treffen".
    Obwohl es genügend Anbieter von Strom/Gas gibt und genauso beim Benzin - gibt es keinen direkten Konkurrenzkampf, da fast alle die gleichen Preise haben.

    Wieso wird Benzin nicht günstiger Angeboten? Weil sich die Konzerne absprechen und ihren Preis gegenseitig hoch halten. Da muss ein Riegel vorgeschoben werden.
    Nachträgliche Erhöhungen am gleichen Tag/Woche sollten verboten werden.
    Preissenkungen jederzeit erlaubt werden, und einen Tag/Woche vorher müssen die Benzinkonzerne ihre Preise offiziell angeben.
    Es sollte eine Liste geben auf der die Anbieter für die jeweilige Woche ihre Preisliste gestalten, so kommt endlich Transparenz rein.

    Amazon hingegen kann doch bestimmen unter welchen Kriterien Anbieter bei ihnen verkaufen können.

  • 20.02.2013, 13:08 Uhrotto

    (...)
    Wie gesagt, aktuell ist über amazon und den 'Nazi' Security Dienst in den Gazetten zu lesen (Keine Toleranz gegenüber Intoleranten!).

    amazon steht jetzt aufgrund seiner Arbeitsbedingungen im Fokus und da fühlen sich natürlich sofort wieder einige Politiker bemüßigt, den weißen Ritter zu spielen, sich zum "Retter des armen Arbeiters" aufzuschwingen - oder besser gesagt, dies alles nur der eigenen Profilierungssucht dienend.

    Dass amazon (und andere) letztlich nur das System (aus)nutzen, zu dem erst die Politik die Weichen gestellt hat, ist natürlich wieder vollkommen nebensächlich.
    (...)

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • 20.02.2013, 13:33 Uhrtokchii

    Echt seltsam, dass unsere Behörden immer nur dann handeln, wenn der Druck der Öffentlichkeit sie dazu zwingt.
    Warum fiel Frau Merkel nicht auf, dass Arbeitslager ala KZ in Deutschland existieren? Warum wusste Frau Aigner nicht, dass wir Pferdefleisch essen, bzw. warum hieß es, als dies in GB bekannt wurde, in D. Gibt's das nicht? Warum wusste die Arbeitsagentur, der Landkreis Hersfeld-Rotenburg ( da Optionskommune zuständig für Hartz IV) so lange nichts von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen, bis diese Frau von der Layen auf dem Silbertablett serviert wurden? Wozu haben wir eigentlich staatliche Ermittlungsbehörden?
    Kann es eine New Economy Supernova bei Amazon überhaupt geben?
    Oder geht am Ende doch der Handelsriese als strahlender Sieger mit glänzenden Umsätzen durch kostenlose Werbung aus dieser Krise hervor?
    Ist die Firma so Big, dass nicht einmal der Nazi"Security" Skandal sie zum failen bringen kann? Wegen der geschaffenen Arbeitsplätze etwa?
    Und warum äußert sich Frau Merkel nicht zu den international erhobenen Vorwürfen? Bei den Chinesen oder Russen redet die doch immer von Menschenrechten und humanen Arbeitsbedingungen, hier in Deutschland ist's ihr egal? Oder spricht diese Frau nur dann, wenn sie sich in ihrer Machtposition sonnen und von angeblichen Erfolgen berichten kann?
    Ich schäme mich jetzt mehr als vorher Deutsche zu sein, im Ausland bin ich durch meine Staatsangehörigkeit als Nazi verrufen, und mein gewählter Volksrepräsentant sagt gar nix dazu, toll, dem würde ich jetzt gerne empfindlich die Bezüge sanktionieren.
    Wir brauchen eine ernsthafte und erschöpfende Aufarbeitung der eugenisch-biologistischen und faschisitischen Ideologie, Stategien zur Vermeideung solcher Auswüchse, da Deutschland diesbezüglich sehr vulnerabel ist, wir brauchen auch ein neues Wahlsystem!

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