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27.02.2008 
Langfristig möglicher Marktführer

Rewe peilt eigene Apotheken an

von Christoph Schlautmann

Deutschlands Apothekern droht noch in diesem Jahr ein gewaltiger Konkurrenzdruck durch neue Ketten. Nach den Drogeriemarktbetreibern Schlecker, dm und Rossmann rüstet sich jetzt auch der Kölner Lebensmittelhändler Rewe, um in den Verkauf von Medikamenten einzusteigen.

 Rewe-Vorstandschef Alain Caparros will künftig auch Medikamente vertreiben. Foto: dpaLupe

Rewe-Vorstandschef Alain Caparros will künftig auch Medikamente vertreiben. Foto: dpa

KÖLN. „Wir stehen mitten in den Startlöchern“, sagte Konzernvorstand Josef Sanktjohanser dem Handelsblatt. Die Rewe Group verfügt mit 42 Mrd. Euro Umsatz und 260 000 Mitarbeitern weltweit und 3 000 Supermärkten allein in Deutschland über genügend Finanz- und Vertriebskraft, um das bisher von 21 000 selbstständigen Apotheken dominierte Geschäft vollkommen aufzurollen.

Durch die jüngste Übernahme der Extra-Märkte von der Metro vergrößert sich das Verkaufsstellennetz der Gruppe um zehn Prozent. Rewe könnte sich langfristig zum Marktführer im 23 Mrd. Euro schweren Einzelhandel mit Medikamenten aufschwingen, wenn die Gruppe tatsächlich mit voller Kraft in das Geschäft einsteigt.

Die Kölner Rewe-Zentrale prüft gegenwärtig mehrere Optionen für das Apothekengeschäft. Am wahrscheinlichsten sei die Schaffung einer neuen Marke, sagte Sanktjohanser. Nach Informationen aus der Branche gab es bereits Gespräche zwischen Rewe und dem Schweizer Pharmahändler Zur Rose AG über eine mögliche Kooperation. Die zweite Option für Rewe: Der Kölner Konzern könnte die bereits jetzt als Mieter in den Rewe- und Toom-Supermärkten untergebrachten Apotheken auf die Marke „Rewe“ umflaggen. Die bislang selbstständigen Apotheker würden damit zu Lizenznehmern.

Die Kölner könnten durch ihren Coup auch die Doc-Morris-Kette in den Hintergrund drängen, die derzeit bereits 100 Standorte in Deutschland mit Franchisenehmern betreibt.

Anders als die Drogeriemarktketten dm und Schlecker, die seit kurzem auf rechtlich wackeligem Boden als Annahmestellen für ausländische Versandapotheken operieren, wartet Rewe gegenwärtig allerdings noch auf eine eindeutige Rechtsgrundlage. Die erwarten viele Branchenbeobachter aber schon in diesem Jahr. Denn noch 2008 wird der Europäische Gerichtshof (EuGH) vermutlich das sogenannte Fremdbesitzverbot kippen. Es verhindert in Deutschland bislang, dass Kapitalgesellschaften Eigentümer von Apotheken werden können. Zudem hat die EU-Kommission vor wenigen Tagen ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet, weil sie deutschen Apothekern nicht mehr als vier Filialen gestattet. Auch dieses Mehrbesitzverbot schützt die Arzneimittelverkäufer traditionell vor allzu hartem Wettbewerb – und schirmt den Markt vor in- und ausländischen Ketten ab.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Erhebliche Hürden bleiben

Für Rewe und andere Konzerne bleiben aber auch nach dem erwarteten Fall der deutschen Sondergesetze erhebliche Hürden. Die weiterhin geltende Betriebsordnung schreibt allen Apotheken eine Mindestverkaufsfläche von 120 Quadratmetern, ein zusätzliches Labor und einen Ruheraum für den Notfalldienst vor. Der Verkauf von Arzneimitteln muss getrennt vom übrigen Supermarktgeschehen erfolgen. Attraktive Shop-in-Shop-Lösungen wie in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien bleiben damit unmöglich. Apotheken könnten auch bei Rewe nur im Vorkassenraum großer Verbrauchermärkte entstehen.

Dennoch machen immer mehr Einzelhändler in Sachen Arzneimittelverkauf mobil. „Seit wenigen Wochen gibt es buchstäblich einen Run“, berichtet Zur-Rose-Deutschlandchefin Ursula Lindl. Inzwischen sind die Schweizer nach eigenen Angaben gleich mit mehreren großen Handelsunternehmen im Gespräch.

Zu den Arzneimittelhändlern in Deutschland könnte schon bald beispielsweise auch die Kaufland-Gruppe zählen. In ihren osteuropäischen SB-Warenhäusern beherbergt die Schwesterfirma des Discounters Lidl bereits jetzt 186 Apotheken und führt sie unter dem einheitlichen Markennamen „Dr. Max“. Auch Edeka wird von Branchenkennern als möglicher Anbieter von Medikamenten gehandelt: „Die müssen allein schon dagegenhalten“, glaubt Arnt Tobias Brodtkorb von der Pharmaberatung Sempora, „weil der Medikamentenverkauf für Supermarktkunden eine hohe Zugkraft besitzt.“

Vor allem die relativ hohen Gewinnmargen im Apothekengeschäft locken die Handelskonzerne. Während Lebensmittelhändlern nur zwei bis drei Prozent vom Umsatz bleiben, schaffen Apotheken nach Beobachtung des McKinsey-Experten Steffen Hehner Margen deutlich über zehn Prozent. Einziger Wermutstropfen: Der Kauf bereits etablierter Apotheken für den Aufbau einer eigenen Kette erfordert erhebliches Kapital. „Kaum eine interessante Apotheke ist unter 750 000 Euro zu haben“, sagt Hehner.


Aus für den Artenschutz

Liberalisierung: Deutschlands Apotheken droht ein Ende der Idylle, wenn Brüssel schon 2008 das Fremdbesitz- und Mehrbesitzverbot kippt.

Angriff: Der Pharmagroßhändler Celesio kaufte schon 2007 den Versandhändler DocMorris und baut seither mit ihm eine Apothekenkette auf. DocMorris ist in Deutschland die einzige wirkliche Apothekenmarke.

Verteidigung: Immer mehr Apotheken verbünden sich unter bisher wenig bekannten Markennamen wie Linda oder Vivesco zu Kooperationen.

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