
DÜSSELDORF. Wenn Jochen Stanzl auf die Bildschirme mit den Baumwollpreisen blickt, fallen ihm kaum noch historische Parallelen ein: Der Rohstoff "hat jetzt ein Preisniveau erreicht, wie man es zuletzt in den Zeiten der amerikanischen Sezessionskriege kannte", klagt der Herausgeber des Branchendienstes "Rohstoff-Report". Und auch die Preise für Weizen, Kakao oder Kaffee klettern seit Monaten von Rekord zu Rekord.
Der Grund: Die Weltbevölkerung wächst, sie ist hungrig, und sie wird immer anspruchsvoller. Das Angebot aber ist zu klein. Es reicht kaum aus, die steigende Nachfrage in Schwellenländern wie China oder Russland zu befriedigen. Befeuert wird der Anstieg zudem durch Spekulanten, sie treiben die Preise zusätzlich in die Höhe.
Die Entwicklung trifft vor allem Konzerne im Konsumgüterbereich, in der Mode und im Handel. "Wir rechnen mit sehr volatilen Rohstoffmärkten", heißt es dazu etwa bei Edeka.
"Es gibt bereits Engpässe, die meisten spüren sie schon auf der Kostenseite", sagt Gerd Bovensiepen, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC). Er glaubt, dass nicht nur der Einzelhandel ein Problem bekommt: "Auch die Lieferanten können nicht mehr alle mitspielen, einige werden ausfallen."
Die Konzerne wissen das. Das Problem ist nur: Noch haben sie kein Gegenrezept. "Obwohl sich die Unternehmen der Problematik bewusst sind, gibt es erhebliche Schwächen beim Management der Versorgungsrisiken", kritisiert Bovensiepen. "Sie werden häufig nicht systematisch erfasst und analysiert, sondern auf der Basis der Erfahrung einzelner Manager bewertet." Einen Notfallplan für den Fall, dass tatsächlich Lieferanten ausfallen, habe nur etwa jedes fünfte Unternehmen. Das jedenfalls ergab eine Studie von PwC unter 89 deutschen Unternehmen aus Konsumgüterindustrie und Handel, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.
Doch das ist nicht der einzige Schwachpunkt: Drei von vier der Befragten gaben an, weder eine eigene Abteilung zur Erfassung von Versorgungsrisiken noch eine Unterabteilung im allgemeinen Risikomanagement zu haben. Nur 17 Prozent der Betriebe haben eine Strategie zum Umgang mit Versorgungsrisiken entwickelt. Dabei sind die Ausfälle, die entstehen können, schon heute bei vielen Unternehmen dramatisch.
Beispiel Textilbranche: Dort ermittelte das Fachblatt "Textilwirtschaft" kürzlich, dass zwei Drittel der Modeanbieter mit Problemen bei der Warenversorgung zu kämpfen haben. Jürgen Dax, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des deutschen Textileinzelhandels, schätzt, dass zuletzt zehn bis 15 Prozent der zugesagten Artikel fehlten. "Dadurch haben wir Kunden und Umsatz verloren", so ein Händler in Nordrhein-Westfalen.
Mehr noch als Missernten und Rohstoff-Spekulanten machen den deutschen Einzelhändlern zudem Scherereien auf den Transportwegen zu schaffen. Denn wer seine Ware aus Fernost bezieht, muss sich spätestens seit dem Frühjahr mit schwindenden Transportkapazitäten herumschlagen. Und folglich mit steigenden Preisen. Der Gütertransport auf See, ermittelte das Bundesamt für Statistik, kostete im September 2010 fast doppelt so viel wie im Durchschnitt des Vorjahres.
"Die zusätzlichen Kosten schlagen in unserer Branche bereits auf die Preise durch", berichtet Volker Müller, Geschäftsführer des Elektronikanbieters Expert. Das Dilemma der deutschen Fernseh- und Hi-Fi-Händler: Nahezu ihr gesamtes Sortiment kommt traditionell aus Fernost. Das aber heißt: Die Transportwege sind lang - und die Kosten deshalb besonders hoch.
Zwar versuchen die Reeder, die Preise zu senken, doch auch das ist nicht unproblematisch: Um den Dieselverbrauch zu drosseln, verordnen einige ihren Schiffen das sogenannte "slow steaming". Eine Fahrt von Schanghai oder Singapur verlängert sich durch die Bummelfahrten um zwei auf zehn Wochen - mit ungeahnten Nebenwirkungen. "Es fehlen aktuell schlicht Container", berichtet der Kölner Logistikberater Stefan Winckelmann. Auch das macht die Fracht teurer.
Steigende Preise als Folge der Rohstoffknappheit erwarten auch die Süßwarenhersteller. Es gibt akute Versorgungsengpässe bei Kakao, berichtet ein Sprecher des Bundesverbandes der deutschen Süßwarenindustrie. Der Konsumgütermulti Henkel rechnet im Klebstoffgeschäft, wie Konzernchef Kasper Rorsted warnt, mit "Lieferengpässen bei bestimmten Rohstoffen", vor allem Wachse und Öle. Beim Wettbewerber Beiersdorf sieht es ähnlich aus. "Rohstoffknappheit ist ein Thema, das uns bei Tesa stark beschäftigt", so ein Sprecher auf Anfrage.
Genaue Aussagen dazu, wie man in Zukunft mit Lieferengpässen umgehen will, gibt es bei den Unternehmen nicht. Noch hoffen die Lieferanten, die erhöhten Rohstoffkosten an die Verbraucher weitergeben zu können. Vermutlich zu Recht: "Die Entwicklung kann nicht gänzlich vor den Regalpreisen der Händler haltmachen", glaubt PwC-Berater Bovensiepen.
Spekulantenbashing ist billig, und führt nirgendwo hin - weil es den "Spekulanten" als solchen nicht gibt... Krethi und Plethi spekulieren mit Zertifikaten, und der Rentenfondsmanager spekuliert letztlich auch....nur enger reguliert..
Zum Anstieg der Preise vieler Rohstoffe kann man nur sagen: man wird sich noch die Augen reiben die nä 10 Jahre, was da so alles im Preis explodieren wird.... Wir bekommen halt Konkurrenz mit unserem gefrässigen Lebensstil, thats it!
Dichtung und Wahrheit werden hier kunterbunt durcheinander gewürfelt damit dann das gewünschte Ergebnis herauskommt.
Praktisch kann man mittlerweile so um die 80% von jedem beliebigen Rohstoffpreis abziehen, um den Spekulantenanteil herauszurechnen.
Verzögerungen und Ausfälle seitens Vorlieferanten basieren nicht auf Rohstoffmangel sondern ganz banal auf dem bestreben, ein wenig mitzuzocken.
Mittlerweile haben Hedgefonds, investementbanken aber auch Staatsfonds (wieder) gigantische Lager für Öl, Kupfer, etc. aber auch wieder Nahrungsmittel wie Reis etc. aufgebaut, nur um den Preis weiter zu steigern bzw. dann daran (noch mehr) zu verdienen.
Die gerade momentan wieder zu beobachtenden Volatiliäten sollten den "Rohstoffmangelschwaflern" eigentlich die Augen öffnen...
befeuert wird diese abartige, antimarktwirtschaftliche und marktschädliche Entwicklung natürlich vom Nullzinsexzess der großen Notenbanken und der QE(1,2,3,4,...) initiierten "Geldjauche", die sich über die (Finanz)welt ergießt dann aber dort steckenbleibt.
Würden Europa und die USA sparen statt Geld drucken, würde ein barrel Öl weit unter 20$ kosten und auch die anderen Rohstoffe wären auf Mehrjahrestiefs.
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