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16.01.2007 
Swissair

Schweizer Luftnummer

von Oliver Stock

Was den Deutschen ihr Mannesmann-Prozess, ist den Schweizern der Swissair-Bankrott. Ab dem heutigen Dienstag wird die wohl spektakulärste Pleite der eidgenössischen Wirtschaftsgeschichte verhandelt. Der Niedergang der renommierten Fluggesellschaft soll einher gegangen sein mit Untreue, Betrug und Urkundenfälschung.

Einst war die Swissair der ganze Stolz der Schweizer. Foto: dpaLupe

Einst war die Swissair der ganze Stolz der Schweizer. Foto: dpa

ZÜRICH. Die Menschen, die wie jeden Morgen über den auf Hochglanz gewienerten Marmorboden des Züricher Flughafens strömen, trauen ihren Ohren nicht: „Meine Damen und Herren“, tönt eine Frauenstimme aus den Lautsprechern, „aus finanziellen Gründen bleiben die Flugzeuge der Swissair heute am Boden.“ Ein Blick durch die mannshohen Fensterscheiben entlang den Wartezonen aufs Rollfeld genügt, um festzustellen, dass die Stimme die Wahrheit sagt. Wie Soldaten einer Kompanie beim Appell reihen sich draußen die weiß-roten Maschinen der Swissair, die mit dem Schweizer Kreuz den Stolz der Eidgenossen auf ihrer Heckflosse in alle Welt tragen.

Die Maschinen können nicht starten, weil die nationale Fluggesellschaft, wie in einer Bananenrepublik, nicht einmal mehr Geld für Treibstoff hat. Die „fliegende Bank“, wie die Swissair im In- und Ausland halb spöttisch, halb bewundernd genannt wird, ist am 2. Oktober 2001 bankrott.

Fünf Jahre, drei Monate, sieben Bücher, ein Theaterstück, ein Kinofilm und eine mehrteilige Fernsehdokumentation später: Bülach.

Das überschaubare Örtchen 20 Kilometer nordöstlich von Zürich wird ab heute zum Schauplatz des größten Wirtschaftsprozesses, den die Schweiz bisher erlebt hat. 19 Manager, Verwaltungsräte und Berater sind angeklagt. Unter ihnen reichlich Schweizer Manager-Prominenz wie Mario Corti, ehemaliger Nestlé-Finanzchef, der als Letzter versucht hatte, die Swissair zu retten. Oder Gerhard Fischer, noch heute Präsident beim Logistik-Konzern Panalpina und damals Mitglied des Verwaltungsrats der abgestürzten Fluggesellschaft.

Der Staatsanwalt wirft ihnen Gläubigerschädigung, Falschbeurkundung, Misswirtschaft, ungetreue Geschäftsbesorgung, falsche Angaben über kaufmännische Gewerbe, Gläubigerbevorzugung und Steuerbetrug vor.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Keine Betrüger, „sondern Menschen“ waren am Werk.

Persönlich bereichert hat sich niemand. Nicht Betrüger seien zu Werke gegangen, „sondern Menschen“, sagt der Oberstaatsanwalt, und es klingt, als wolle er sich für die Anklage entschuldigen, „die primär den Untergang der Swissair verhindern wollten. Dies teilweise leider aus unserer Sicht mit unlauteren Machenschaften.“ Das Schweizer Boulevardblatt „Blick“ indes tönte bei der Anklageerhebung: „Die Swissair-Versager. Endlich Anklage“.

Das Gerichtsgebäude in Bülach erinnert an diesem viel zu warmen Januartag mit seinen in Eierschalenweiß gestrichenen Seitentrakten an ein Landschlösschen irgendwo in der norddeutschen Tiefebene. Sechs Richter walten hier ihres Amtes. Über die Edelstahl-Aschenbecher im kleinen Foyer hat der Hausmeister, anstatt sie abzumontieren, ein Schild aufgehängt: „Danke, dass Sie im Bezirksgericht nicht rauchen.“ Der Verhandlungsraum dahinter ist so groß wie ein bescheidenes Wohnzimmer: Um Scheidungen und Verkehrsunfälle wird hier an den zwei Tischreihen aus dunklem Holz gerungen. Hier soll nun ein für alle Mal auch die Verantwortlichkeit für die Pleite der Swissair geklärt werden.

Für die Schweiz ist es der erste ganz große Wirtschaftskrimi, der vor Gericht verhandelt wird. Immerhin hinterließ die Luftnummer der Swissair einen Schuldenberg von zehn Milliarden Euro. 5 000 Menschen, die einmal stolz gewesen waren, für die, wie es der Aviatik-Journalist Sepp Moser in seiner Chronik schreibt, „vielleicht beste Fluggesellschaft der Welt“ zu arbeiten, verloren ihren Job, Aktionäre ihr Geld, Rentner ihre Ersparnisse. Der Staat musste 1,7 Milliarden Euro aus Steuergeldern bereitstellen, damit aus der am Boden gebliebenen Swissair wieder eine flugtaugliche Swiss wurde.

Drei weitere Jahre gingen ins Land, bis die Swiss erkannte, allein keine Überlebenschance zu haben, und unter die Flügel der Lufthansa schlüpfte. Deswegen ist das, was die Bezirksrichter von heute an in Bülach klären, auch so etwas wie der Anfang dieser schweizerisch-deutschen Liaison. Die Anklageschrift, die der leitende Züricher Staatsanwalt Christian Weber ausgearbeitet hat, legt die letztlich untauglichen Machenschaften offen, mit denen das Management einst versuchte, die Fluggesellschaft zu retten.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Im Schwitzkasten der Banken.

Weber rekonstruiert beispielsweise den 24. April 2001 minutiös. Corti und sein Finanzchef Georges Schorderet sitzen im Schwitzkasten der Banken. Sie verhandeln mit der Citibank, der Credit Suisse und der Deutschen Bank über einen neuen Milliardenkredit. Schorderet fragt bei dem Bankenkonsortium an, ob die Swissair-Führung bei der am nächsten Tag anstehenden Generalversammlung darüber reden darf, dass der Milliardenkredit vereinbart sei. Bislang hatten die Beteiligten Stillschweigen vereinbart.

Um 20.36 Uhr rattert über das Fax-Gerät in der Swissair-Zentrale in Kloten der Finanzierungsvorschlag des Bankenkonsortiums. Wegen der kritischen Finanzlage des Konzerns bestehen die Institute auf weitgehenden Sicherheiten. Also, folgert Staatsanwalt Weber, beinhalte das Fax lediglich eine „Absichtserklärung“.

Corti berichtet den Aktionären am nächsten Vormittag dennoch: „Wir haben, ich darf Ihnen das heute sagen, mit drei führenden internationalen Großbanken ein Agreement erzielt für die Errichtung einer neuen Kreditlinie (...), und damit ist auf alle Fälle sichergestellt, dass wir nun die Sanierung der Gruppe in Angriff nehmen können, ohne dass die Liquidität als solche gefährdet ist.“ „Tatsachenwidrig“ nennt Weber das und baut darauf seine Anklage auf: Diese Aussage sei geeignet gewesen, Anleger zu „schädigenden Vermögensdispositionen“ zu veranlassen.

Einer, der das Geschehen im Gerichtssaal aufmerksam verfolgen wird, ist Christoph Chandiramani. Der Mann mit dem breiten Schnauzbart und den langen Koteletten gehört zu den Verlierern der Pleite. Er ist so etwas gewesen wie der Bote, der schlechte Nachrichten überbringt und dafür bezahlen muss.

In der Antike wurde der Bote geköpft. Der Credit-Suisse-Analyst Chandiramani wurde entlassen. Er hatte am Morgen des 6. Juli 2000 sieben Zeilen über die Swissair im Internet veröffentlicht. Da stand, dass bei der Fluggesellschaft ein Verlust von einer halben Milliarde Franken zu erwarten sei.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Swissair wird Opfer ihrer eigenen „Hunter-Strategie“.

Was sich aus heutiger Sicht wie eine unglaubliche Beschönigung der Lage liest, bewegte damals die Finanzmärkte. Der amtierende Chef der Swissair, Philippe Brugisser, ein Zwei-Meter-Mann, der sich gerne mit Sätzen wie „Manager brauchen in gewissen Situationen Eis im Magen“ zitieren lässt, greift zum Telefon und ruft seinen Geschäftsfreund, Credit-Suisse-Boss Lukas Mühlemann, an.

Chandiramani muss dementieren, vier Tage später unterschreibt er seine Kündigung. Die Credit Suisse empfiehlt die Swissair-Aktien sogar noch zum Kauf. Was der Analyst, der heute als unabhängiger Vermögensverwalter arbeitet, damals nicht wusste, ist, dass auch Brugisser und Mühlemanns Tage bald gezählt waren.

Die Situation der Fluggesellschaft hatte Chandiramani, wenn auch nicht in ihrem ganzen Ausmaß, so aber doch in ihren Grundzügen richtig erkannt: Die Swissair war Opfer ihrer „Hunter-Strategie“ geworden, die sie sich selbst verordnet hatte.

1991 war der Luftverkehr in Europa liberalisiert worden, es entbrannte ein aggressiver Preiskampf. In der Volksabstimmung 1992 lehnte die Schweiz den Beitritt zur EU ab. Damit entstanden der Swissair Nachteile gegenüber Konkurrenten, da bei Zwischenlandungen im EU-Gebiet keine Passagiere aufgenommen werden durften.

Swissair musste handeln. Geplante Fusionen wie die zwischen Swissair, KLM, SAS und Austrian Airlines scheiterten nicht zuletzt am Stolz der Schweizer. Wenn schon ein Verbund, dann mit der Swissair als Anführer, hieß die „Hunter“-Devise, die zu einer beispiellosen Einkaufstour führte. Die belgische Sabena gehörte dazu. Beteiligungen an Air Portugal, Turkish Airlines, Air Littoral und an der deutschen LTU folgten. Bald hatte die Swissair-Führung die immer neuen Schulden nicht mehr wirklich im Griff.

Die Geschichte füllt 4 200 Aktenordner

All dies ist säuberlich in 4 200 Aktenordnern zu Papier gebracht. Seit April 2006, als der Staatsanwalt Anklage erhob, wühlt sich Andreas Fischer durch den Aktenberg. Der 51-Jährige mit dem schmalen Gesicht und der ovalen Brille ist jener Bezirksrichter in Bülach, der das Verfahren leitet.

Seine erste Entscheidung hat er bereits getroffen: Der Prozess wird in die Stadthalle von Bülach verlegt. Statt 15 Zuhörer wie in den wohnzimmergroßen Verhandlungssälen des Justizgebäudes können dort jetzt 1 500 Zuschauer das Verfahren verfolgen. Voraussichtlich aber wird auch dieser Saal dem öffentlichen Interesse nicht gerecht.

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