Persönlich bereichert hat sich niemand. Nicht Betrüger seien zu Werke gegangen, „sondern Menschen“, sagt der Oberstaatsanwalt, und es klingt, als wolle er sich für die Anklage entschuldigen, „die primär den Untergang der Swissair verhindern wollten. Dies teilweise leider aus unserer Sicht mit unlauteren Machenschaften.“ Das Schweizer Boulevardblatt „Blick“ indes tönte bei der Anklageerhebung: „Die Swissair-Versager. Endlich Anklage“.
Das Gerichtsgebäude in Bülach erinnert an diesem viel zu warmen Januartag mit seinen in Eierschalenweiß gestrichenen Seitentrakten an ein Landschlösschen irgendwo in der norddeutschen Tiefebene. Sechs Richter walten hier ihres Amtes. Über die Edelstahl-Aschenbecher im kleinen Foyer hat der Hausmeister, anstatt sie abzumontieren, ein Schild aufgehängt: „Danke, dass Sie im Bezirksgericht nicht rauchen.“ Der Verhandlungsraum dahinter ist so groß wie ein bescheidenes Wohnzimmer: Um Scheidungen und Verkehrsunfälle wird hier an den zwei Tischreihen aus dunklem Holz gerungen. Hier soll nun ein für alle Mal auch die Verantwortlichkeit für die Pleite der Swissair geklärt werden.
Für die Schweiz ist es der erste ganz große Wirtschaftskrimi, der vor Gericht verhandelt wird. Immerhin hinterließ die Luftnummer der Swissair einen Schuldenberg von zehn Milliarden Euro. 5 000 Menschen, die einmal stolz gewesen waren, für die, wie es der Aviatik-Journalist Sepp Moser in seiner Chronik schreibt, „vielleicht beste Fluggesellschaft der Welt“ zu arbeiten, verloren ihren Job, Aktionäre ihr Geld, Rentner ihre Ersparnisse. Der Staat musste 1,7 Milliarden Euro aus Steuergeldern bereitstellen, damit aus der am Boden gebliebenen Swissair wieder eine flugtaugliche Swiss wurde.
Drei weitere Jahre gingen ins Land, bis die Swiss erkannte, allein keine Überlebenschance zu haben, und unter die Flügel der Lufthansa schlüpfte. Deswegen ist das, was die Bezirksrichter von heute an in Bülach klären, auch so etwas wie der Anfang dieser schweizerisch-deutschen Liaison. Die Anklageschrift, die der leitende Züricher Staatsanwalt Christian Weber ausgearbeitet hat, legt die letztlich untauglichen Machenschaften offen, mit denen das Management einst versuchte, die Fluggesellschaft zu retten.
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