Was sich aus heutiger Sicht wie eine unglaubliche Beschönigung der Lage liest, bewegte damals die Finanzmärkte. Der amtierende Chef der Swissair, Philippe Brugisser, ein Zwei-Meter-Mann, der sich gerne mit Sätzen wie „Manager brauchen in gewissen Situationen Eis im Magen“ zitieren lässt, greift zum Telefon und ruft seinen Geschäftsfreund, Credit-Suisse-Boss Lukas Mühlemann, an.
Chandiramani muss dementieren, vier Tage später unterschreibt er seine Kündigung. Die Credit Suisse empfiehlt die Swissair-Aktien sogar noch zum Kauf. Was der Analyst, der heute als unabhängiger Vermögensverwalter arbeitet, damals nicht wusste, ist, dass auch Brugisser und Mühlemanns Tage bald gezählt waren.
Die Situation der Fluggesellschaft hatte Chandiramani, wenn auch nicht in ihrem ganzen Ausmaß, so aber doch in ihren Grundzügen richtig erkannt: Die Swissair war Opfer ihrer „Hunter-Strategie“ geworden, die sie sich selbst verordnet hatte.
1991 war der Luftverkehr in Europa liberalisiert worden, es entbrannte ein aggressiver Preiskampf. In der Volksabstimmung 1992 lehnte die Schweiz den Beitritt zur EU ab. Damit entstanden der Swissair Nachteile gegenüber Konkurrenten, da bei Zwischenlandungen im EU-Gebiet keine Passagiere aufgenommen werden durften.
Swissair musste handeln. Geplante Fusionen wie die zwischen Swissair, KLM, SAS und Austrian Airlines scheiterten nicht zuletzt am Stolz der Schweizer. Wenn schon ein Verbund, dann mit der Swissair als Anführer, hieß die „Hunter“-Devise, die zu einer beispiellosen Einkaufstour führte. Die belgische Sabena gehörte dazu. Beteiligungen an Air Portugal, Turkish Airlines, Air Littoral und an der deutschen LTU folgten. Bald hatte die Swissair-Führung die immer neuen Schulden nicht mehr wirklich im Griff.
Die Geschichte füllt 4 200 Aktenordner
All dies ist säuberlich in 4 200 Aktenordnern zu Papier gebracht. Seit April 2006, als der Staatsanwalt Anklage erhob, wühlt sich Andreas Fischer durch den Aktenberg. Der 51-Jährige mit dem schmalen Gesicht und der ovalen Brille ist jener Bezirksrichter in Bülach, der das Verfahren leitet.
Seine erste Entscheidung hat er bereits getroffen: Der Prozess wird in die Stadthalle von Bülach verlegt. Statt 15 Zuhörer wie in den wohnzimmergroßen Verhandlungssälen des Justizgebäudes können dort jetzt 1 500 Zuschauer das Verfahren verfolgen. Voraussichtlich aber wird auch dieser Saal dem öffentlichen Interesse nicht gerecht.

