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12.12.2007 
Verkauf von Medikamenten

Steiniger Weg zur billigen Pille

von Jürgen Salz, Silke Wettach und Yvonne Esterhazy, Wirtschaftswoche

Preiswertere Medikamente, mehr Service, mehr Beratung – so könnte es kommen, wenn Discounter, Drogerieketten und Supermärkte groß ins Pillengeschäft einsteigen, wenn Konzerne Apotheken übernehmen und neue Pillenläden entstehen. Oder gefährden dann gierige Geschäftemacher unsere Gesundheit? Ein Report über Chancen, Risiken und Nebenwirkungen einer Marktöffnung.

Apothekenpflichtige Medikamente: Die Vorbereitungen für die Öffnung des Marktes läuft auf Hochtouren. Foto: dpaLupe

Apothekenpflichtige Medikamente: Die Vorbereitungen für die Öffnung des Marktes läuft auf Hochtouren. Foto: dpa

Lange Schlangen bei Rewe. Aber nicht vorn an der Kasse, sondern hinten im Geschäft gleich neben der Kühltheke mit den Smoothies. Da können die Kunden ihre Rezepte am holzvertäfelten Apothekentresen einlösen. Hinter einem weißen Paravent checkt der Pharmazeut des Supermarkts heute zum Aktionstag „Gesund einkaufen“ kostenlos Blutzucker und Blutdruck. Eine sonore Männerstimme unterbricht das Gesäusel des Easy Listening aus den Lautsprechern: „Bluthochdruck, Diabetes oder Depression? Probieren Sie unsere Ayurveda-Therapie zum Einsteiger-Schnupperpreis von 9,99 Euro. Rewe – jeden Tag ein bisschen gesünder.“

Der Edeka schräg gegenüber (Slogan: „Wir lieben Medikamente“) lockt die Patienten mit großen Plakaten in eine seiner neuen, „Edekamente“ getauften Apothekenecken. Und die Rossmann-Filiale nebenan hat gerade einen Umbau hinter sich. Vorn im Laden geht es zu wie früher: Die Kunden kaufen Cremes, Rotwein und Luftbetten mit eingebauter Pumpe. Dann strömen die Ersten durch die neue elektronische Schiebetür in den Nebenraum: die „Rossmann-Apotheke“. Heute sind Voltaren und Aspirin im Angebot. Pillenschachteln türmen sich wie Ramsch-Pullis bei Kik.

Einige Schritte weiter bietet die Outdoor-Kette Globetrotter im Megastore eine Impfberatung und verkauft dazu Malaria-Medikamente oder Erste-Hilfe-Sets gegen Höhenkrankheit.

Das alles ist natürlich frei erfunden. Doch unrealistisch ist das (fast) alles keineswegs. Denn beim Verkauf von Medikamenten – bislang in der Hand selbstständiger Apotheker – bahnt sich in Deutschland eine Umwälzung an. Künftig sollen beliebige Großunternehmen die Lizenz zum Betrieb von Apothekenketten bekommen. Die Weichen dafür werden im kommenden Jahr gestellt. Ein Umbruch mit gewaltigen Chancen, Risiken und Nebenwirkungen.

Es zieht Wettbewerb in eine seit Jahrhunderten zuerst durch Zunftordnung und heute durch das Apothekengesetz vor Konkurrenz geschützte Branche ein: Da aller Voraussicht nach in Deutschland viele Wettbewerber hart miteinander konkurrieren werden, dürfen sich die Verbraucher auf niedrigere Preise für die rezeptfreien Pillen freuen. Einige Ketten werden mit besserem Service um Kunden kämpfen – schließlich können viele ihre Arzneien auch gleich im Supermarkt besorgen. Tausende selbstständiger Apotheken werden aufgeben müssen. Schon warnen die Standeslobbyisten der Pharmazeuten vor gierigen Geschäftemachern in den neuen Pillenläden. Schließlich, so argumentieren sie, sind Medikamente nicht x-beliebige Produkte.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Welche Unternehmen in den Startlöchern stehen

Eine Reihe von Unternehmen hockt in den Startlöchern: die Pharmagroßhändler Celesio oder Phoenix etwa, die bereits Apothekenketten im europäischen Ausland betreiben und hinter denen die schwerreichen Familien Haniel und Merckle stehen. Drogeriefilialisten wie Schlecker und dm sowie Lebensmittelriesen wie Rewe sondieren ebenfalls das Apothekengeschäft. Nach WirtschaftsWoche-Informationen wird Rewe voraussichtlich Anfang 2008 seine Überlegungen vorstellen. Lidl und Rossmann sind auch am Markt interessiert. Lidl-Gründer Dieter Schwarz hat an etlichen seiner Kaufland-Filialen bereits Apotheken im Angebot. Selbst Krankenversicherer prüfen, sich eigene Apotheken zuzulegen, berichten Insider.

Dass sich in den Fußgängerzonen als Vorläufer künftiger Ketten DocMorris- und Easy-Apotheken breitmachen und ein Apothekenverbund wie Linda TV-Spots schaltet – das sind die äußeren Symptome des beginnenden Umbruchs.

Der Grund für die Aufregung: 2008 wird der Europäische Gerichtshof (EuGH) voraussichtlich die Beschränkung kippen, dass Kapitalgesellschaften keine Apotheken eröffnen dürfen. Bis heute können in Deutschland nur Apotheker eine Apotheke eröffnen. Doch EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy ist zuversichtlich, künftig auch Ketten zuzulassen. Zwar muss dann hinter dem Tresen immer noch ein approbierter Pharmazeut stehen – nur arbeitet der dann nicht mehr selbstständig, sondern im Auftrag eines Konzerns. Schon in zwei Jahren, wenn die Bundesregierung die Vorgaben aus Brüssel in nationales Recht umgesetzt hat, könnte es in Deutschland die ersten Konzernketten geben.

Dieser Systemwechsel fällt in eine Zeit, da Patienten ein neues Verhältnis zu Medizin, Medikamenten und Gesundheit entwickeln. Eine neue Generation von Konsumenten wächst heran, die mehr Eigenverantwortung für ihre Gesundheit übernimmt. Aus Patienten werden Kunden, die sich Gedanken darüber machen, welche Form von Gesundheit sie sich leisten oder gönnen wollen. Treiber dieser Entwicklung ist zum einen der Wellnesstrend, aber auch die Suche nach dem Authentischen in der globalisierten Konsumwelt: Wer an Öko- und Fairtrade-Bewegung teilnimmt und die Welt durch den gezielten Einkauf ein wenig besser machen will, hat auch einen schärferen Blick auf sein eigenes Wohlbefinden. Kein Zufall, das alternative Heilmethoden derzeit einen Boom erleben.

Aus dem Zusammenspiel der neuen Anspruchshaltung der Patienten und der bevorstehenden Marktöffnung ergibt sich für die Unternehmen eine ganze Reihe von neuen Chancen, nicht nur über den Preis, sondern auch über Beratung zu punkten. Und daran prächtig zu verdienen. Denn der Betrieb von Apotheken ist für die künftigen Player lukrativer als ihr Stammgeschäft. Eine gute Pharmazie bringt eine Gewinnmarge zwischen fünf und zwölf Prozent vor Steuern, heißt es in der Branche. Im Lebensmitteleinzelhandel wie im Medikamentengroßhandel sind schon Renditen von zwei bis drei Prozent ein Erfolg.

Längst haben sich die Konzerne auf den Fall des sogenannten „Fremdbesitzverbotes“ vorbereitet, Apothekenkooperationen aufgebaut, die sich bei Bedarf zur Kette umwandeln lassen, sich die besten Standorte gesichert, Vorverträge geschlossen und Absprachen getroffen. Eine gute Apotheke in zentraler Lage ist für 500 000 bis 800 000 Euro zu haben. Die Berliner Steuerberatungsgesellschaft Eurotax fragt derzeit „im Auftrag eines europäischen Unternehmens“, wie es heißt, bei Apothekern schon mal diskret an, ob sie verkaufswillig seien. Nach Schätzungen der DZ Bank, die den Markt analysiert hat, ist jeder fünfte der etwa 20 000 selbstständigen Apotheker in Deutschland verkaufswillig.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Eine Billiggarantie gibt es nicht.

„Die Preise für Medikamente werden in Deutschland fallen, weil so viele neue Wettbewerber auf den Markt drängen“, sagt Arnt Tobias Brodtkorb, Partner der Unternehmensberatung Sempora, die den Apothekenmarkt beobachtet. DocMorris-Apotheken bieten rezeptfreie Mittel wie Wundsalben oder Erkältungspräparate bereits heute um fünf bis zehn Prozent billiger an. Und wenn erst Discounter wie Schlecker den Markt aufmischen, dürften die Preise noch einmal ins Rutschen kommen. „Wenn die Ketten kommen, kann es zu Preissenkungen, auch im Sinne von Lockangeboten, kommen“, sagt auch Stefan Etgeton, Fachbereichsleiter Gesundheit und Ernährung beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. „Allerdings muss man sehen, ob sich auf lange Sicht nicht, ähnlich wie im Energiebereich, große Ketten den Markt regional aufteilen oder – wie beim Benzin – eine abgestimmte Preisentwicklung stattfindet.“ Eine Billiggarantie gibt es also nicht.

Der Verbraucherschützer erwartet von den künftigen Kettenapothekern jedoch in jedem Fall höhere Sorgfalt und Kundenorientierung als von den gegenwärtigen selbstständigen Pharmazeuten: „Wenn ein einzelner Laden einer Kette beim Service oder bei der Qualität der Arzneimittel in Verruf gerät, fällt dies auf die gesamte Marke zurück. Daher haben die Ketten einen viel größeren Anreiz, darauf zu achten.“

Erfahrungen aus liberalisierten Ländern wie Norwegen oder England zeigen sogar, dass sich mit den Ketten Service und Beratung eher verbessern. Bei der britischen Kette Lloydspharmacy gehören in allen Filialen Diabetes- und Bluthochdruck-Untersuchungen zum Standardprogramm. Längst nicht jede deutsche Pharmazie bietet solchen Service an, und meist müssen die Patienten von sich aus danach fragen. In 1400 der 1600 Lloyds-Pillenläden gibt es eigene Diskretionszonen, wo Patienten mit dem Apotheker vertraulich über Potenzprobleme, Fußpilz oder Schwangerschaftsverhütung sprechen können. So etwas bieten auch viele deutsche Apotheken, doch kaum jemand weiß davon. Meist hält noch nicht mal ein Strich auf dem Fußboden andere Kunden auf Abstand, wenn es am Tresen um peinliche Probleme geht.

Die Deutschen brächten den Apothekern dennoch so viel Vertrauen entgegen wie sonst nur Feuerwehrmännern, Piloten oder Krankenschwestern, sagt Heinz-Günter Wolf, Inhaber der Rathaus-Apotheke in Hemmoor bei Cuxhaven und Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Kaum ein anderer Berufsstand sei so angesehen. Wenn die Ketten kommen, werden Tausende der inhabergeführten, selbstständigen Apotheken verschwinden. Deswegen kämpfen die Standeslobbyisten gegen die – ihrer Meinung nach – renditehungrigen Kettenkonzerne, die an der Beratung sparen und Medikamente verkaufen würden wie gekochten Schinken: „Darf’s ein bisschen mehr sein?“

Tatsächlich dürfte sich der Kampf um Kunden auf rezeptfreie Medikamente konzentrieren. Wenn es hart auf hart kommt, wird aus dem Kunden schnell wieder ein Patient, für den allein die Beratung zählt. Geht es ums Überleben, macht niemand mit der Gesundheit Kompromisse.

„Der unabhängige, freiberufliche Apotheker ist ein besserer Pharmazeut als ein von Befehlen abhängiger Kapitalmaximierer“, sagt Wolf. „Nahezu jede deutsche Apotheke liefert die Medikamente doch auch kostenlos nach Hause, wenn der Patient krank im Bett liegt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Ketten das kostenlos erledigen würden.“ Über Verbesserungen wie mehr Diskretion könne man natürlich reden, sagen die Standesvertreter. Doch alles in allem habe sich das System bewährt.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: „Apotheker können das Wort Wettbewerb gar nicht buchstabieren“

Für die Apotheker stimmt das ja auch. Die Zunftbrüder brauchten jahrhundertelang keine Konkurrenz zu fürchten. Seit der ersten gesetzlichen Trennung der Berufe Arzt und Apotheker im Jahr 1241 durch das Edikt von Salerno des Stauferkaisers Friedrich II. ist die Branche starr reglementiert, die Medikamentenpreise waren stets gesetzlich festgeschrieben. Heute ist im Apothekengesetz das Fremd- und Mehrbesitzverbot verankert, nach dem Apotheken nur von approbierten Apothekern betrieben werden dürfen und ein Apotheker nicht mehr als vier Apotheken betreiben darf. Daneben reguliert die Apothekenbetriebsordnung detailliert, wer in einer Apotheke arbeiten darf, wer was zu tun hat, wie groß eine Apotheke mindestens sein muss, welche Räume, welche Vorschriften bei der Vorratshaltung zu berücksichtigen sind. Es war eine abgeschottete Welt für sich, Veränderungen ließen sich bestens blockieren.

Beispiel rezeptfreie Medikamente: Seit 2004 dürfen die Weißkittel die Preise etwa für Wundsalben oder Schnupfensprays frei kalkulieren – unbehelligt von Reglementierungen durch die Krankenkassen. Doch die Hoffnung von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, so den Wettbewerb unter den Apothekern anzuheizen, erfüllte sich nicht. Die Pharmazeuten hielten die Preise starr und den Verbrauchern billigere Pillen vor. Das Bundeskartellamt ermittelt derzeit gegen Bayer: Das Unternehmen soll Apothekern Rabatte gewährt haben, wenn sie die Preise für Aspirin hoch halten. 11 000 Apotheker sollen sich daran beteiligt haben. „Die Apotheker können doch das Wort Wettbewerb gar nicht buchstabieren“, erregt sich einer aus dem Lager der Kettenapotheker über die Zunft. Erst in jüngster Zeit kommt Bewegung in die träge Branche.

Köln-Ehrenfeld, Venloer Straße: Eine so hohe Apothekendichte ist selbst im überversorgten Deutschland selten. Auf den 200 Metern zwischen der Ecke Geisselstraße und dem Ehrenfeldgürtel finden sich insgesamt vier Apotheken; bald soll noch eine fünfte hinzukommen.

Erst im Juni hat Tobias Luckner im Haus Nummer 285 seine DocMorris-Apotheke eröffnet. Ein heller, übersichtlicher Pillenladen, in freundlichem Grün gehalten. „Höhere Gesundheitskosten können Sie sich sparen“ steht auf einem DIN-A1-Schild im Schaufenster. Die Packung Echinacin-SalbeMadaus gibt es um 15 Prozent billiger – für 6,65 Euro gegenüber 7,85 Euro, der unverbindlichen Preisempfehlung des Herstellers. Die Packung Cetebe ist 40 Prozent preiswerter zu haben. Über 350 Kunden lassen sich täglich in den DocMorris-Pillenladen locken. Die Durchschnittsfrequenz einer deutschen Apotheke liegt bei etwa 250 Kunden. Nun bringt Luckner auch die Nachbarapotheken auf Trab.

„Wir haben die gleichen Preise wie bei DocMorris“, sagt Anita Thießen, Inhaberin der Punkt-Apotheke in Haus Nummer 308c auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Sonderangebote preist sie direkt neben ihrem Eingang an: zehn Stück Aspirin Plus C für 4,45 Euro statt 4,97 Euro; 30 Paracetamol für 1,75 Euro statt zwei Euro. „Wenn die Preise gleich sind, kaufen die Leute lieber in ihrer angestammten Apotheke als bei einem neuen Anbieter“, kalkuliert Thießen. Mehr als 50 Prozent ihrer Kunden seien Stammkunden, die oft auch aus anderen Stadtvierteln kommen. „Doch wenn immer mehr Ketten kommen, werden die Kleinen sukzessive verdrängt“, schwant ihr.

Die Bären-Apotheke, Hausnummer 371, setzt auf ihr spezielles Angebot: Aromatherapie, Homöopathie, Naturheilkunde. Drinnen duftet es nach Kräuterölen, die Pillenschachteln lagern in Holzregalen mit Messinggriffen. „Mir gefällt die ungezwungene Atmosphäre, zum Beispiel dass die Apotheker keine Kittel tragen“, sagt eine jüngere Kundin aus der Nachbarschaft „außerdem werde ich hier immer gut beraten.“

Lesen Sie weiter auf Seite 5: Wie DocMorris in Deutschland punkten will.

In die Engel-Apotheke, Hausnummer 325, kommen jetzt häufig Patienten, die darauf hinweisen, dass die Pillen anderswo billiger sind. Viele Verbraucher haben inzwischen gelernt, Preise zu vergleichen.

Seine Apothekennachbarn kennt DocMorris-Pharmazeut Luckner kaum. Das stört ihn auch nicht besonders, schließlich stammt der 32-Jährige mit der hohen Stirn auch nicht aus Köln-Ehrenfeld, sondern aus Halle an der Saale. Der junge Mann ist als Inhaber seiner Apotheke zunächst einmal rechtlich unabhängig – tatsächlich jedoch eng an seinen Franchise-Geber DocMorris gebunden. Über die grün-weiße Innenausstattung seiner Pharmazie ist in der DocMorris-Zentrale im niederländischen Heerlen längst entschieden worden. Über 50 DocMorris-Filialen gibt es mittlerweile in Deutschland, und sie sehen alle ungefähr gleich aus.

Nach ähnlichem Konzept arbeiten auch die Easy-Apotheken, die sich auf rezeptfreie Präparate spezialisiert haben und auf Discounter-Atmosphäre setzen – neun Filialen gibt es schon in Deutschland. Oder die etwa 50 Avie-Apotheken des Pharma-Unternehmers Edwin Kohl.

1 500 Euro Monatsgebühr zahlen DocMorris-Apotheker wie Luckner an die Zentrale: Sie dürfen dafür den prominenten Namen nutzen und profitieren von den günstigen Einkaufskonditionen des Großabnehmers DocMorris. Zudem erhalten sie Gebietsschutz – die Garantie, dass in der Umgebung keine weitere DocMorris-Apotheke eröffnet.

Einzig die sozialen Kontakte leiden etwas: Abends im Tennisklub, so erzählt einer von ihnen, werden die DocMorris-Apotheker von Standeskollegen oft geschnitten, weil sie mit dem Erzfeind paktieren. Es scheint sich aber zu lohnen: Nach Daten des Marktforschers IMS Health setzen die Apotheker oft mehr als das Doppelte an Packungen ab, nachdem sie ihr altes Apothekenschild abgeschraubt und durch ein DocMorris-Kreuz ersetzt haben.

500 Apotheken will DocMorris-Chef Ralf Däinghaus in den nächsten drei bis fünf Jahren eröffnen und da weniger mit Billigangeboten, sondern mit Service punkten. Sein Vorbild ist die Brillenkette Fielmann: „Da wissen Sie auch genau, was Sie bekommen.“ Sobald es die Gesetze zulassen, dürfte aus den Franchise-Filialen eine straff geführte Apothekenkette entstehen.

Däinghaus, der Gründer mit der markanten Brille, der einst mit einer Versandapotheke startete, geht immer noch als Branchenschreck durch. Ihm gehören aber weniger als zehn Prozent der Anteile. Die Mehrheit an DocMorris (Umsatz: 178 Millionen Euro) hält seit April dieses Jahres der Pharmagroßhändler Celesio. Zum Ärger etlicher Traditionsapotheker, die sich seither nicht mehr von Celesio beliefern lassen.

Lesen Sie weiter auf Seite 6: Ein anderer Pharmagroßhändler scheint auf den Aufbau einer deutschen Apothekenkette gut vorbereitet zu sein.

Der Stuttgarter Konzern (Gesamtumsatz 21,6 Milliarden Euro) betreibt bereits in Norwegen, Großbritannien, den Niederlanden, Irland, Tschechien und Belgien Apothekenketten. Für Deutschland hat Vorstandschef Fritz Oesterle vorgesorgt. „Celesio wird in der Lage sein, beim Preis und beim Service gegen Discounter zu punkten“, verspricht er schon mal. Da Celesio der Ruhr-Dynastie Haniel (geschätztes Familienvermögen: etwa 15 Milliarden Euro) gehört, darf spekuliert werden, dass konzerneigene Pharmazien bald auch bei Metro oder der Tochter Real eröffnen – an dem Handelskonzern ist Haniel beteiligt. Oesterle, der auch im Haniel-Vorstand sitzt, mag dies nicht kommentieren.

Der härteste Konkurrent von Celesio ist ein anderer Pharmagroßhändler: Phoenix gehört zum Imperium des schwäbischen Multimilliardärs Adolf Merckle (geschätztes Vermögen: 12,8 Milliarden Dollar), dem so unterschiedliche Unternehmen wie Ratiopharm (Medikamente), Kässbohrer (Pistenbullys) und HeidelbergCement (Bau) gehören. Wie Celesio hat auch Phoenix reichlich Erfahrungen mit Apothekenketten im Ausland, etwa in Norwegen, Estland und Russland. Für das vergangene Geschäftsjahr wies der Pharmahändler 20,7 Milliarden Euro Umsatz aus; allein in Deutschland sind es knapp sechs Milliarden. Damit ist Phoenix der größte deutsche Medikamentengroßhändler – während Celesio in Europa die Nase vorn hat.

Auf den Aufbau einer deutschen Apothekenkette scheint Phoenix gut vorbereitet zu sein: Hierzulande unterhält der Großhändler enge Lieferbeziehungen zum Marketing Verein Deutscher Apotheken (MVDA) – einer Kooperation von etwa 1 500 Apotheken, die unter der Dachmarke Linda firmieren. Die Linda-Apotheken geben eine Kundenzeitschrift heraus, bieten eine eigene Produktreihe (Prima) an und nutzen das Bonusprogramm Payback.

Linda investiert inzwischen auch in Fernsehwerbung, erst kürzlich startete ein neuer Spot. „Gerade das Linda-Konzept könnte im Ernstfall schnell scharf gestellt und in eine Kette umgewandelt werden“, sagt ein Wettbewerber. Linda-Sprecher Wolfgang Müller, selbst Apotheker, sieht das allerdings differenzierter: „Linda steht für die inhabergeführte Individualapotheke, hat aber eine Nähe zu Phoenix als Hauptlogistikpartner.“

„Wenn das Fremdbesitzverbot fällt, sind bis 2012 die heute 1 500 Linda-Apotheken von Phoenix übernommen worden“, glaubt Sempora-Berater Brodtkorb. Allerdings habe sich bis dahin der Name geändert: Statt Linda, womit die Patienten nie viel anfangen konnten, könnten die Phoenix-Apotheken dann, ähnlich wie in Norwegen und Estland, „Apotheke 1“ heißen.

Es sind aber nicht nur Pharmagroßhändler, die auf den Startschuss warten. Auch Schlecker, so berichten Insider, will künftig im Medikamentenmarkt mitmischen. Bislang verkauft der Drogerie-Discounter etwa Magnesium- und Vitamintabletten im Regal. Vor einigen Wochen hat das Regierungspräsidium Tübingen dem Apotheker Klaus Hübner, der dem Unternehmen Schlecker nahesteht, eine Lizenz für einen Pharmagroßhandel erteilt.

Lesen Sie weiter auf Seite 7: Die Drogeriekette DM geht ihren eigenen Weg.

In der Branche wird spekuliert, dass der Drogist künftig von den Niederlanden aus eine Versandapotheke betreiben will. Etliche Medikamentenhersteller habe Schlecker bereits angesprochen, einen Katalog mit rezeptfreien Pillen vorbereitet und die Rabatte schon mal auf „maximal 20 bis 25 Prozent“ taxiert, heißt es. „Pläne für eine Versandapotheke kann ich nicht bestätigen“, sagt ein Sprecher des Unternehmens dazu. Denkbar auch, das Schlecker eigene Apotheken aufbaut. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür freilich auch nicht. Immerhin gehören dem Unternehmen aus dem baden-württembergischen Ehingen bereits fünf Apotheken in Tschechien.

Die Drogeriekette DM, nach Schlecker die Nummer zwei in Deutschland, geht einen anderen Weg: In über 80 nordrhein-westfälischen Filialen löst dm Rezepte ein. Die entsprechenden Pillenpackungen lässt sich dm von der niederländischen Versandapotheke Europa Apotheek liefern. Die Kunden, so heißt es in der Branche, können sich so schon mal daran gewöhnen, künftig auch rezeptpflichtige Arzneien in der Drogerie zu erwerben. Ob solche Rezeptsammelstellen überhaupt juristisch statthaft sind, muss das Bundesverwaltungsgericht allerdings noch entscheiden.

Um erfolgreich zu sein, müssen die Discounter aber genügend Apotheker finden, die bereit sind, für sie zu arbeiten. Viele Pharmazeuten dürften es auch künftig vorziehen, um ihre Selbstständigkeit zu kämpfen, statt für eine Kette zu arbeiten.

Von den heute rund 20 000 selbstständigen Apotheken dürften in einigen Jahren noch 8 000 übrig sein, schätzt Berater Brodtkorb. Häufig hätten sie sich dann zu lokalen Marketing- und Einkaufskooperationen zusammengeschlossen. Oder sich einem Franchise-System unter Führung von apothekennahen Großhändlern wie Anzag aus Frankfurt oder Noweda aus Essen anvertraut. Einfach, so prognostiziert der Berater, dürfte das Leben als selbstständiger Apotheker in Zukunft allerdings nicht werden. Brodtkorb wagt schon mal einen Blick in die Zukunft: „Im Jahr 2012 stehen etliche selbstständige Apotheken vor dem Verkauf an eine Kette und mehrere Hundert kurz vor der Insolvenz, da sie versucht haben, im Preiskampf gegen die Ketten zu bestehen.“

Und der Verbraucher hat bis dahin auch schon entschieden, wann er ein Medikament aus der Apotheke braucht oder ein Edekament aus dem Supermarkt.

Lesen Sie weiter auf Seite 8: Nicht überall funktioniert der Wettbewerb.

Jede zehnte Apotheke hat es bereits hinter sich. Von den insgesamt etwa 150 000 Pharmazien in Europa gehören bereits 15 000 zu einer Kette. In Norwegen, England, Irland, Russland, Estland, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Tschechien und Italien. Als Betreiber mischen dabei meist die deutschen Pharmagroßhändler Phoenix und Celesio sowie die britische Alliance Boots mit. Mit den Ketten wird der Service in den Apotheken oftmals besser; zumindest verschlechtert er sich nicht. Die Hoffnung auf sinkende Medikamenten-Preise haben sich allerdings nicht überall erfüllt. In Norwegen, wo nur drei Anbieter den Markt beherrschen, kommt der Preiswettbewerb nicht wirklich in Gang. In England - mit einer Fülle von Anbietern - sind viele Pillen dagegen günstiger. Ebenso wie in den USA. Doch dort funktioniert der Wettbewerb wiederum ganz anders.

Norwegen

In der Innenstadt von Oslo, auf einer viel befahrenen Straße namens Majorstuen, liegen sich die Filialen von Vitusapotek und Apotek 1 direkt gegenüber. Der Erfolg der Phoenix-Pharmazie Apotek 1 hatte die Manager des deutschen Pharmagroßhändlers Celesio nicht ruhen lassen - und so eröffneten sie vor wenigen Monaten direkt in Sichtweite, auf der anderen Straßenseite. Vitusapotek-Filialleiter Mathias Rasch-Halvorsen soll die Kunden mit spezieller Beratung und Produkten zur Hautpflege über die Schwelle locken, während gegenüber die Apotek 1 mit großzügigen Öffnungszeiten punktet.

Seit 2001 dürfen sich in Norwegen Apothekenketten bilden. Seit 2003 dürfen zudem einige rezeptfreie Mittel wie Paracetamol und Nicotinell auch an Tankstellen, Kioskketten oder in Supermärkten verkauft werden. So lässt sich dort heute schon studieren, was bald auch auf Deutschland zukommen könnte.

In den vergangenen sechs Jahren hat die Zahl der Apotheken in Norwegen zugelegt - von 400 auf knapp 600. Pharmazeutisches Personal ist knapp. Die Ketten haben ihre Filialen meist in den großen Städten eröffnet. Der Norden des Landes mit seinen schier endlosen Weiten ist immer noch unterversorgt. Wenn dort eine Apotheke schließt, müssen die Ketten, so sieht es eine Vereinbarung vor, eine neue eröffnen.

Seit 2001 haben sich die Öffnungszeiten der Apotheken verlängert, die Wartezeiten sind kürzer, und nach einer repräsentativen Untersuchung des Marktforschungsinstituts TNS Gallup waren 30 Prozent der Apothekenkunden der Meinung, der Service sei seit der Deregulierung besser geworden - von einer Verschlechterung sprachen dagegen nur sechs Prozent. Die große Mehrheit konnte allerdings keinen Unterschied zu früher erkennen. Für Phoenix, Celesio und Alliance Boots bleibt also noch reichlich zu tun.

Die drei Pharmagroßhändler haben den Markt unter sich aufgeteilt. „Norwegen ist ein Beispiel dafür, dass die wahren Profiteure einer Liberalisierung nur Großkonzerne sind", sagt Heinz-Günter Wolf, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Der große Preiswettbewerb bei rezeptfreien Medikamenten wie Aspirin-Tabletten, Wundsalbe oder Hustensaft ist denn auch ausgeblieben. Apotek 1 musste sich sogar von der norwegischen Arzneimittelbehörde vorrechnen lassen, 2003 und 2004 Ratiopharm-Präparate bevorzugt zu haben. Sowohl der Apotek-1-Betreiber Phoenix als auch der Generikahersteller Ratiopharm gehören zum Besitz der Familie des schwäbischen Multiunternehmers Adolf Merckle.

„Was wir in Norwegen bräuchten, wäre eine weitere starke Kette, die neuen Schwung in das System bringt", sagt Kurt Brekke, Juniorprofessor an der Norwegischen Wirtschafts- und Verwaltungsakademie, „einen solchen Anbieter müsste man beim Markteintritt unterstützen".

Lesen Sie weiter auf Seite 9: Schmerzmittel irgendwo zwischen Schokoriegeln und Windeln

England

Bei Sainsbury’s gab es vergangene Woche eine Packung Aspirin mit 16 Tabletten zu je 300 Milligramm zum Preis von 13 Pence - 0,8 Pence je Tablette. In England funktioniert die Konkurrenz deutlich besser als in Norwegen: 13 000 Apotheken gibt es hier. Etwa die Hälfte wird noch von selbstständigen Inhabern geführt oder gehört zu einer kleinen Kette mit nur wenigen Filialen.

Zu den Betreibern zählen auch Supermärkte wie Sainsbury’s, Tesco und die Wal-Mart-Tochter Asda. Ihre Pharmazien befinden sich irgendwo zwischen Drogerie- und Backwarenabteilung. Britische Verbraucher können viel Zeit sparen, indem sie den Einkauf von Lebensmitteln mit einem Abstecher zur Apotheke verbinden.

Großbritanniens führende Apothekenkette ist Alliance Boots mit 2 800 Filialen, in denen Medikamente, Drogerieartikel, Kosmetik, Putzmittel, Babyartikel und Sandwiches verkauft werden. Alliance Boots entstand 2006 aus dem Zusammenschluss der Apothekenkette Boots und des Pharmagroßhändlers Unichem. Nur neun Monate später - im April 2007 - legte ein Konsortium unter der Führung der Private-Equity-Gesellschaft Kohlberg Kravis Roberts (KKR) und des ehemaligen Boots-Aufsichtsrats Stefano Pessina ein Übernahmeangebot in Höhe von 16,2 Milliarden Euro vor und kaufte die Kette.

Nummer zwei am Markt ist Lloydspharmacy, eine Tochter von Celesio. In Großbritannien betreibt sie etwas mehr als 1 600 Apotheken. Nach Medikamenten-Umsätzen gerechnet, bezeichnet sich Lloydspharmacy als Branchenprimus.

USA

Klassische Apotheken, wie in Europa, kann man in den USA lange suchen. Apothekenketten von Phoenix oder Celesio? Fehlanzeige. Verkauf und Abgabe von Medikamenten haben längst große Drogerieketten wie CVS, Walgreen, Rite Aid oder Duane Reade - mit insgesamt mehr als 20 000 Filialen - übernommen.

Die Auswahl an rezeptfreien Mitteln scheint hier ungleich größer als in Deutschland. Wer will, kann sich hier auch Schmerzmittel in höherer Dosierung besorgen. Die frei erhältlichen Medikamente finden sich irgendwo in den Regalen zwischen Schokoriegeln und Windeln. Wer jedoch zur Apotheke will, um sein Rezept einzulösen, muss einmal durch die ganze Drogerie.

Die Pharmazie-Ecken sind eher spartanisch eingerichtet. Wer Glück hat, findet ein paar Stühle oder eine abgewetzte Ledercouch. Die braucht man denn auch: Der Service ist schlecht und die Wartezeiten können eher lang ausfallen.

Lesen Sie weiter auf Seite 10: Warum DocMorris jetzt auf richtige Apotheken setzt.

Er hat Gerichtsprozesse durchgefochten und sich mit der gesamten deutschen Apothekerschaft angelegt. Alles, um seine Versandapotheke DocMorris aufzubauen. Doch nun ist von dem Medikamenten-Lieferservice aus dem niederländischen Heerlen kaum noch etwas zu hören. Stattdessen eröffnen Ralf Däinghaus und sein Vertriebsvorstand Thomas Schiffer nun im Wochentakt richtige, stationäre Apotheken mit dem grünen Kreuz, dem DocMorris-Logo.

Gemeinsam mit Sanicare aus dem niedersächsischen Bad Laer und der Europa Apotheek, die ebenfalls von den Niederlanden aus nach Deutschland liefert, zählt DocMorris zwar zu den Branchenführern im Arzneiversand. Doch allzuviel gibt der Markt nicht mehr her. Auf ein bis zwei Prozent Marktanteil am deutschen Apothekenmarkt (Gesamtumsatz: etwa 35 Milliarden Euro) bringen es die Pillenversender derzeit. Vielleicht werden daraus auch noch fünf, sechs Prozent. Doch das Potenzial im Pillenversand ist begrenzt: Die Bestellung lohnt sich nur für chronisch kranke Menschen, die regelmäßig und reichlich Medikamente brauchen. Oder für Kunden, die sich Potenzpillen lieber diskret nach Hause liefern lassen, statt in der Apotheke danach zu fragen.

Die jüngste Untersuchung der Stiftung Warentest dürfte auch nicht die Begeisterung steigern: Zwar fiel der Test für Sanicare und DocMorris positiv aus, brachte aber in der Gesamtheit ernüchternde Ergebnisse. Die Beratung der Versandapotheken sei nicht wirklich gut, befanden die Tester.

Ein anderer Vorwurf: „Der Versandhandel ist ein Einfallstor für Arzneimittelfälschungen. Die Verbraucher können nicht unterscheiden, ob es sich um einen seriösen Anbieter oder um einen unseriösen Anbieter, etwa aus Honduras, handelt", sagt Wilfried Hollmann, der Vorstandschef der Pharmagroßhändlers Noweda.

„Die unseriösen Angebote von den seriösen zu unterscheiden dürfte für den Verbraucher teilweise schwierig sein", heißt es auch beim Bundeskriminalamt, das Arzneimittelfälschungen für ein „tendenziell zunehmendes Phänomen" hält. Was in den Viagra-Pillen solcher Anbieter dann wirklich steckt, ist Glückssache.

Die Lage, so das Bundeskriminalamt, solle aber „mit Augenmaß" beurteilt werden: Die Internet-Apotheken der „legalen Verteilerkette" seien grundsätzlich genauso sicher wie die physisch existenten Apotheken.


Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 49, 03.12.2007

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