Eine Reihe von Unternehmen hockt in den Startlöchern: die Pharmagroßhändler Celesio oder Phoenix etwa, die bereits Apothekenketten im europäischen Ausland betreiben und hinter denen die schwerreichen Familien Haniel und Merckle stehen. Drogeriefilialisten wie Schlecker und dm sowie Lebensmittelriesen wie Rewe sondieren ebenfalls das Apothekengeschäft. Nach WirtschaftsWoche-Informationen wird Rewe voraussichtlich Anfang 2008 seine Überlegungen vorstellen. Lidl und Rossmann sind auch am Markt interessiert. Lidl-Gründer Dieter Schwarz hat an etlichen seiner Kaufland-Filialen bereits Apotheken im Angebot. Selbst Krankenversicherer prüfen, sich eigene Apotheken zuzulegen, berichten Insider.
Dass sich in den Fußgängerzonen als Vorläufer künftiger Ketten DocMorris- und Easy-Apotheken breitmachen und ein Apothekenverbund wie Linda TV-Spots schaltet – das sind die äußeren Symptome des beginnenden Umbruchs.
Der Grund für die Aufregung: 2008 wird der Europäische Gerichtshof (EuGH) voraussichtlich die Beschränkung kippen, dass Kapitalgesellschaften keine Apotheken eröffnen dürfen. Bis heute können in Deutschland nur Apotheker eine Apotheke eröffnen. Doch EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy ist zuversichtlich, künftig auch Ketten zuzulassen. Zwar muss dann hinter dem Tresen immer noch ein approbierter Pharmazeut stehen – nur arbeitet der dann nicht mehr selbstständig, sondern im Auftrag eines Konzerns. Schon in zwei Jahren, wenn die Bundesregierung die Vorgaben aus Brüssel in nationales Recht umgesetzt hat, könnte es in Deutschland die ersten Konzernketten geben.
Dieser Systemwechsel fällt in eine Zeit, da Patienten ein neues Verhältnis zu Medizin, Medikamenten und Gesundheit entwickeln. Eine neue Generation von Konsumenten wächst heran, die mehr Eigenverantwortung für ihre Gesundheit übernimmt. Aus Patienten werden Kunden, die sich Gedanken darüber machen, welche Form von Gesundheit sie sich leisten oder gönnen wollen. Treiber dieser Entwicklung ist zum einen der Wellnesstrend, aber auch die Suche nach dem Authentischen in der globalisierten Konsumwelt: Wer an Öko- und Fairtrade-Bewegung teilnimmt und die Welt durch den gezielten Einkauf ein wenig besser machen will, hat auch einen schärferen Blick auf sein eigenes Wohlbefinden. Kein Zufall, das alternative Heilmethoden derzeit einen Boom erleben.
Aus dem Zusammenspiel der neuen Anspruchshaltung der Patienten und der bevorstehenden Marktöffnung ergibt sich für die Unternehmen eine ganze Reihe von neuen Chancen, nicht nur über den Preis, sondern auch über Beratung zu punkten. Und daran prächtig zu verdienen. Denn der Betrieb von Apotheken ist für die künftigen Player lukrativer als ihr Stammgeschäft. Eine gute Pharmazie bringt eine Gewinnmarge zwischen fünf und zwölf Prozent vor Steuern, heißt es in der Branche. Im Lebensmitteleinzelhandel wie im Medikamentengroßhandel sind schon Renditen von zwei bis drei Prozent ein Erfolg.
Längst haben sich die Konzerne auf den Fall des sogenannten „Fremdbesitzverbotes“ vorbereitet, Apothekenkooperationen aufgebaut, die sich bei Bedarf zur Kette umwandeln lassen, sich die besten Standorte gesichert, Vorverträge geschlossen und Absprachen getroffen. Eine gute Apotheke in zentraler Lage ist für 500 000 bis 800 000 Euro zu haben. Die Berliner Steuerberatungsgesellschaft Eurotax fragt derzeit „im Auftrag eines europäischen Unternehmens“, wie es heißt, bei Apothekern schon mal diskret an, ob sie verkaufswillig seien. Nach Schätzungen der DZ Bank, die den Markt analysiert hat, ist jeder fünfte der etwa 20 000 selbstständigen Apotheker in Deutschland verkaufswillig.
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