Jede zehnte Apotheke hat es bereits hinter sich. Von den insgesamt etwa 150 000 Pharmazien in Europa gehören bereits 15 000 zu einer Kette. In Norwegen, England, Irland, Russland, Estland, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Tschechien und Italien. Als Betreiber mischen dabei meist die deutschen Pharmagroßhändler Phoenix und Celesio sowie die britische Alliance Boots mit. Mit den Ketten wird der Service in den Apotheken oftmals besser; zumindest verschlechtert er sich nicht. Die Hoffnung auf sinkende Medikamenten-Preise haben sich allerdings nicht überall erfüllt. In Norwegen, wo nur drei Anbieter den Markt beherrschen, kommt der Preiswettbewerb nicht wirklich in Gang. In England - mit einer Fülle von Anbietern - sind viele Pillen dagegen günstiger. Ebenso wie in den USA. Doch dort funktioniert der Wettbewerb wiederum ganz anders.
Norwegen
In der Innenstadt von Oslo, auf einer viel befahrenen Straße namens Majorstuen, liegen sich die Filialen von Vitusapotek und Apotek 1 direkt gegenüber. Der Erfolg der Phoenix-Pharmazie Apotek 1 hatte die Manager des deutschen Pharmagroßhändlers Celesio nicht ruhen lassen - und so eröffneten sie vor wenigen Monaten direkt in Sichtweite, auf der anderen Straßenseite. Vitusapotek-Filialleiter Mathias Rasch-Halvorsen soll die Kunden mit spezieller Beratung und Produkten zur Hautpflege über die Schwelle locken, während gegenüber die Apotek 1 mit großzügigen Öffnungszeiten punktet.
Seit 2001 dürfen sich in Norwegen Apothekenketten bilden. Seit 2003 dürfen zudem einige rezeptfreie Mittel wie Paracetamol und Nicotinell auch an Tankstellen, Kioskketten oder in Supermärkten verkauft werden. So lässt sich dort heute schon studieren, was bald auch auf Deutschland zukommen könnte.
In den vergangenen sechs Jahren hat die Zahl der Apotheken in Norwegen zugelegt - von 400 auf knapp 600. Pharmazeutisches Personal ist knapp. Die Ketten haben ihre Filialen meist in den großen Städten eröffnet. Der Norden des Landes mit seinen schier endlosen Weiten ist immer noch unterversorgt. Wenn dort eine Apotheke schließt, müssen die Ketten, so sieht es eine Vereinbarung vor, eine neue eröffnen.
Seit 2001 haben sich die Öffnungszeiten der Apotheken verlängert, die Wartezeiten sind kürzer, und nach einer repräsentativen Untersuchung des Marktforschungsinstituts TNS Gallup waren 30 Prozent der Apothekenkunden der Meinung, der Service sei seit der Deregulierung besser geworden - von einer Verschlechterung sprachen dagegen nur sechs Prozent. Die große Mehrheit konnte allerdings keinen Unterschied zu früher erkennen. Für Phoenix, Celesio und Alliance Boots bleibt also noch reichlich zu tun.
Die drei Pharmagroßhändler haben den Markt unter sich aufgeteilt. „Norwegen ist ein Beispiel dafür, dass die wahren Profiteure einer Liberalisierung nur Großkonzerne sind", sagt Heinz-Günter Wolf, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Der große Preiswettbewerb bei rezeptfreien Medikamenten wie Aspirin-Tabletten, Wundsalbe oder Hustensaft ist denn auch ausgeblieben. Apotek 1 musste sich sogar von der norwegischen Arzneimittelbehörde vorrechnen lassen, 2003 und 2004 Ratiopharm-Präparate bevorzugt zu haben. Sowohl der Apotek-1-Betreiber Phoenix als auch der Generikahersteller Ratiopharm gehören zum Besitz der Familie des schwäbischen Multiunternehmers Adolf Merckle.
„Was wir in Norwegen bräuchten, wäre eine weitere starke Kette, die neuen Schwung in das System bringt", sagt Kurt Brekke, Juniorprofessor an der Norwegischen Wirtschafts- und Verwaltungsakademie, „einen solchen Anbieter müsste man beim Markteintritt unterstützen".
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