Nach dem bayrischen Ekelfleischskandal sind Lebensmittelkontrolleure in Deutschland auf weitere dreiste Fälle gestoßen, in denen vergammeltes Fleisch in Umlauf gelangt ist. Der Fall eines niedersächsischen Großhändlers weitete sich am Donnerstag auf zahlreiche Bundesländer aus.
Ein Experte des Veterinärinstituts in Hannover untersucht Proben von Geflügelfleisch (dpa-Archivbild).
HB BERLIN. Ende August hatten Funde von rund 100 Tonnen verdorbenen Fleisches in Großhandelsbetrieben in München und Niederbayern den neuerlichen Gammelfleischskandal ausgelöst. Danach entbrannte eine heftige politische Debatte, ob Lebensmittelkontrollen ausreichend seien.
In einer Lagerhalle in Baden-Württemberg tauchten Donnerstag mindestens zehn Tonnen Fleisch auf, dass teilweise schon seit 1999 abgelaufen ist. Insgesamt wurden dort 40 Tonnen Wildfleisch kontrolliert, wie das Landratsamt in Offenburg mitteilte.
Die Verbraucherschutzbehörde in Hamburg will Ermittlern in Niedersachsen nach eigenen Angaben bereits vor mehreren Monaten von dem Verkauf der sichergestellten Ware des niedersächsischen Großhändlers informiert haben. Ein Sprecher des niedersächsischen Agrarministeriums bestätigte, dass erste Hinweise im April an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet wurden.
Der Großhändler soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft Oldenburg acht Tonnen beschlagnahmtes Fleisch aus einem Lager in Hamburg abgeholt, in Brandenburg gelagert und an Großküchen verkauft haben. Das Fleisch sei an Betriebe in Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg- Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen gegangen, schrieb das „Westfalen-Blatt“.
Auch in Hessen wurde erneut verdorbenes Fleisch gefunden. 320 Kilogramm Rindfleisch aus einem seit Montag vom Veterinäramt untersuchten Kühlhaus in Frankfurt/Main sind ungenießbar, wie die Stadt berichtete. Am Vortag hatte das Umweltministerium in Wiesbaden mitgeteilt, dass sich die im Rhein-Main-Gebiet - außerhalb Frankfurts - sichergestellten 370 Kilogramm Rindfleisch als vergammelt erwiesen hätten. Dieses Fleisch stammte nach Angaben des Ministeriums aus dem Münchner Betrieb, der im Zentrum des derzeitigen Gammelfleischskandals in Bayern steht. Die in Frankfurt gefundene Menge kam aus Litauen.
Indes wurde bekannt, dass ein Unternehmen aus dem bayrischen aus Bad Windsheim, das im Zusammenhang mit dem Gammelfleischskandal in Verdacht geraten war, unter anderem hohe kirchliche Würdenträger und Pilger beim Papstbesuch bewirtet hat. Insgesamt hatte die Firma nach eigenen Angaben rund 7 000 Menschen bei der Messe auf dem Islinger Feld versorgt. Hinweise, ob dabei auch verdorbenes Fleisch serviert wurde, gebe es bislang aber nicht, teilte die Staatsanwaltschaft Regensburg am Mittwoch mit. Polizeibeamte hatten Anfang der Woche übel riechendes Fleisch in einem Transporter der Firma entdeckt. Nach Aussagen des Fahrers sollte es auf einem Volksfest verkauft werden.
Ein Tiefkühlservice-Unternehmen in Würzburg geriet wegen des Fundes verdorbener Ware ins Visier der Staatsanwaltschaft. In einem Fleischbetrieb in Rellingen in Schleswig-Holstein fanden Kontrolleure abgelaufenes Fleisch, das nach ersten Tests nicht verdorben gewesen sein soll. In Rheinland-Pfalz ermittelt die Staatsanwaltschaft nach dem Fund von mehr als einer Tonne Gammelfleisch wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz.
In Baden-Württemberg wehrt sich ein Unternehmen in Kronau nach der Entsorgung von 20 Tonnen Dönerfleisch. Dort waren 3 000 Kilogramm verdorbenes Kalbfleisch mit anderem Fleisch vermischt worden - laut Unternehmen aus Versehen. Döner-Betriebe sehen sich inzwischen als Opfer des Gammelfleischskandals. Die Verkäufe an türkischen Imbissbuden in Südhessen brachen nach Angaben des deutsch-türkischen Gewerbebundes Rheinhessen in den vergangenen Tagen um bis zu 50 Prozent ein.
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Auch Gammelgemüse und verdorbene Backwaren gefunden
Bei der Räumung eines Kühlhauses in Frankfurt am Main stellte das städtische Veterinäramt nicht nur Fleisch, sondern auch kleinere Mengen von offenbar verdorbenem Fisch, Backwaren und Gemüse sicher.
Von den bislang 170 Tonnen überprüfter Ware des Frankfurter Gammelkühlhauses seien seit Montag rund 90 Tonnen Lebensmittel wegen erkennbarer Veränderungen zur weiteren Untersuchung sichergestellt worden, teilte das städtische Gesundheitsdezernat mit. Einige Stücke des teilweise aus Litauen und Frankreich stammenden Fleischbestands seien schon seit 1998 abgelaufen, erklärte das Veterinäramt. „Die Betreiber haben den Überblick verloren, was da noch liegt“, sagte Gesundheitsdezernentin Manuela Rottmann. Die Grünen-Politikerin sprach sich für eine personelle Verstärkung des Veterinäramts aus: Derzeit sei jeder der insgesamt neun Lebensmittelkontrolleure in Frankfurt für rund 840 Betriebe zuständig.
Die in Würzburg beschlagnahmten Gemüse-, Fleisch-, Fischprodukte hätten größtenteils deutliche Anzeichen von Gefrierbrand und Verderbnis aufgewiesen, erklärte ein Sprecher des dortigen Landratsamtes. Das Tiefkühlunternehmen hat nach Angaben der Behörde vor allem Unternehmen in Würzburg und aus dem Landkreis beliefert. Das Veterinäramt prüfe nun, ob die rund 126 Betriebe auch verdorbene Produkte erhalten hätten.
Auch in Südbaden wurden in einem Kühllager mehrere Tonnen überlagertes Fleisch sichergestellt. Das Wildfleisch sei teilweise bereits seit Jahren abgelaufen, teilte das Landratsamt Ortenaukreis in Offenburg mit. Das älteste Verbrauchsdatum sei mit 1999 angegeben. Wie viel der insgesamt 40 Tonnen Lebensmittel verdorben sind, stand zunächst nicht fest. Eine französische Handelsfirma mit Sitz in Straßburg hatte die Kühlkapazitäten vor zwei Monaten angemietet.
Döner-Spieße nicht ausreichend gekühlt
Auch das Haltbarkeitsdatum von mehreren Dutzend Kilo überlagertem Rinder-, Hirsch- und Schweinefleisch in einem Kühlcontainer in Speyer war nach Angaben des rheinland-pfälzischen Verbraucherschutzministeriums teilweise erheblich überschritten. In einem weiteren Kühlcontainer mit defekter Tür fanden Mitarbeiter des Landesuntersuchungsamtes zudem unzureichend gekühlte Dönerspieße sowie Geflügelfleisch und Wurst.
Die frühere nordrhein-westfälische Agrarministerin Bärbel Höhn (Grüne) forderte ein Berufsverbot für Unternehmer, die negativ aufgefallen sind. „Jemand der mit Gammelfleisch gehandelt hat, darf nie wieder in diesem Gewerbe tätig sein“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion in n-tv. „Wir haben Fälle von Leuten, die vor zehn Jahren schon dasselbe gemacht haben. Es kann nicht sein, dass wir hier Wiederholungstäter haben.“

