Tui-Chef Michael Frenzel hat auf der Hauptversammlung des Reise- und Schifffahrtskonzerns eine harte Machtprobe für sich entscheiden können. Größter Aktionär und Frenzel-Gegner, der norwegische Reeder John Fredriksen, scheiterte mit seinem Antrag, Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow abzusetzen. Die Hauptversammlung war Schauplatz eines unerbittlichen Machtkampfs.
Am Ende hat er sich durchgesetzt: Tui-Chef Michael Frenzel während seiner Rede auf der Tui-Hauptversammlung am Mittwoch. Foto: ap
HANNOVER. 57,2 Prozent der Aktionäre sprachen sich gegen den Antrag Fredriksens aus, Krumnow abzuwählen. Die Aktionäre entlasteten zudem Tui-Chef Frenzel, allerdings mit einem denkbar schlechten Ergebnis von lediglich 69,2 Prozent der Stimmen.
Fredriksen sorgte auf der Hauptversammlung für massive Angriffe auf die Tui-Spitze. Indirekt legte sein Vertrauter Tor Olav Troim sogar Tui-Chef Frenzel den Rücktritt nahe. "Das wäre kein großer Verlust", sagte der Fredriksen-Sprecher. Er warf dem Tui-Chef schlechte Unternehmensführung und Vetternwirtschaft bei der Besetzung des Aufsichtsrats vor.
Der monatelange Machtkampf bei Tui erreichte damit seinen Höhepunkt. Normalerweise legen deutsche Aktiengesellschaften Streitigkeiten mit Großaktionären vor den Hauptversammlungen bei. In der ganzen deutschen Wirtschaftsgeschichte gab es selten solche offenen Auseinandersetzungen und Kampfabstimmungen wie bei Tui.
Die Gegner der jetzigen Tui-Spitze wollten vor den über 2 800 Aktionären und Gästen auf der Hauptversammlung vor allem die Ablösung des bisherigen Aufsichtsratschefs Jürgen Krumnow durchsetzen. Auch die Forderung Fredriksens nach einem Sitz in dem Kontrollgremium ist nach der Bestätigung Krumnows nun vorerst gescheitert.
Für die Tui-Führung wäre die Ablösung des Aufsichtsratschefs einer Kapitulation gleichgekommen. Frenzel und Krumnow demonstrierten daher Einigkeit und wiesen alle Vorwürfe entschieden zurück. Sie beklagten die Personalisierung der Debatte, die dem Unternehmen schade.
Frenzel hatte in den vergangenen Tagen versucht, die Lage für Tui zu beruhigen, war damit aber im Fredriksen-Lager gescheitert. In dem Streit geht es um die künftige Strategie des Konzerns. Fredriksen verlangt von Tui den Verkauf der Tochter Hapag-Lloyd, der weltweit fünftgrößten Container-Reederei. Frenzel hatte sich dagegen lange gewehrt, war dann aber auf Druck Fredriksens eingeknickt. Analysten schätzen den Wert der Tochter auf fünf Milliarden Euro. Nun geht es vor allem um die Verwendung eines möglichen Verkaufserlöses.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zwei Zukunftseinschätzungen prallen aufeinander
Die gegensätzlichen Einschätzungen über die Zukunft der Tui prallten gestern heftig aufeinander. Kleinaktionäre konnten sich an keine Hauptversammlung erinnern, deren Abstimmung derart offen gewesen wäre. "Noch nie ist eine Tui-Hauptversammlung so sehr im öffentlichen Blick gewesen", bekräftigte auch der Tui-Chef.
In der Regel erhalten Unternehmensführungen auf Aktionärstreffen glasklare Mehrheiten von weit über 90 Prozent. Ausrutscher wie im Falle Siemens, als der damalige Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer nach dem Schmiergeldskandal im Januar 2007 nur mit 71,4 Prozent der Stimmen entlastet wurde, sind ausgesprochen selten. Eine völlig offene Hauptversammlung gab es bei einem Dax-Unternehmen noch nie. Auch die Abwahl eines amtierenden Aufsichtsrats wäre ein erstmaliger Vorgang gewesen.
Die außerordentliche Spannung wurde auch an der Präsenz der Aktionäre deutlich. Statt wie im letzten Jahr gerade 47 Prozent waren gestern fast 72 Prozent des Tui-Grundkapitals auf der Versammlung vertreten, ebenfalls ein außerordentlich hoher Wert im Vergleich zu anderen Konzernen.
Viele Tui-Aktionäre erhoffen sich nach jahrelanger Durststrecke eine Perspektive für ihre Aktie. Unter Frenzels Führung - er ist der dienstälteste Dax-CEO und führt das Unternehmen seit 14 Jahren - hat die Tui massiv an Wert verloren. Genüsslich rechneten die Frenzel-Kritiker den Aktionären die Misserfolge vor. Der Aufsichtsrat habe es versäumt, schon früher zu handeln.
Frenzel nahm den Aufsichtsrat in Schutz. Dieser sei stets ein kritischer Sparringspartner gewesen. Der zweite Großaktionär des Konzerns, der Russe Alexej Mordaschow, unterstützt den Kurs der Tui-Führung. Hinter Frenzel stellten sich auch mehrere Großaktionäre aus Spanien, Marokko und Ägypten, die Hotelgruppen betreiben.

