Die gegensätzlichen Einschätzungen über die Zukunft der Tui prallten gestern heftig aufeinander. Kleinaktionäre konnten sich an keine Hauptversammlung erinnern, deren Abstimmung derart offen gewesen wäre. "Noch nie ist eine Tui-Hauptversammlung so sehr im öffentlichen Blick gewesen", bekräftigte auch der Tui-Chef.
In der Regel erhalten Unternehmensführungen auf Aktionärstreffen glasklare Mehrheiten von weit über 90 Prozent. Ausrutscher wie im Falle Siemens, als der damalige Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer nach dem Schmiergeldskandal im Januar 2007 nur mit 71,4 Prozent der Stimmen entlastet wurde, sind ausgesprochen selten. Eine völlig offene Hauptversammlung gab es bei einem Dax-Unternehmen noch nie. Auch die Abwahl eines amtierenden Aufsichtsrats wäre ein erstmaliger Vorgang gewesen.
Die außerordentliche Spannung wurde auch an der Präsenz der Aktionäre deutlich. Statt wie im letzten Jahr gerade 47 Prozent waren gestern fast 72 Prozent des Tui-Grundkapitals auf der Versammlung vertreten, ebenfalls ein außerordentlich hoher Wert im Vergleich zu anderen Konzernen.
Viele Tui-Aktionäre erhoffen sich nach jahrelanger Durststrecke eine Perspektive für ihre Aktie. Unter Frenzels Führung - er ist der dienstälteste Dax-CEO und führt das Unternehmen seit 14 Jahren - hat die Tui massiv an Wert verloren. Genüsslich rechneten die Frenzel-Kritiker den Aktionären die Misserfolge vor. Der Aufsichtsrat habe es versäumt, schon früher zu handeln.
Frenzel nahm den Aufsichtsrat in Schutz. Dieser sei stets ein kritischer Sparringspartner gewesen. Der zweite Großaktionär des Konzerns, der Russe Alexej Mordaschow, unterstützt den Kurs der Tui-Führung. Hinter Frenzel stellten sich auch mehrere Großaktionäre aus Spanien, Marokko und Ägypten, die Hotelgruppen betreiben.

