Die Bahn AG wird von Jahr zu Jahr profitabler. Vor allem das internationale Logistik-Geschäft wächst. Doch die ungelösten Probleme bei der geplanten Privatisierung und der Tarifkonflikt lasten schwer auf dem Berliner Unternehmen. In den kommenden Wochen drohen wieder Streiks.
Bahn-Chef Hartmut Mehdorn: Der Konzernumsatz soll in diesem Jahr um fünf Prozent zulegen, wenn es nicht doch noch zum großen Streik kommt. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Auf der Anzeigetafel des Kölner Hauptbahnhofs war er gestern wieder deutlich zu sehen – der Schandfleck: Der „NZ 1448“, Nachtzug aus Binz mit Schlaf- und Liegewagen, sollte laut Anzeige um 7 Uhr zum endgültigen Ziel Dortmund abfahren. Doch um 10 Uhr stand der Zug immer noch angeschrieben – mit über 200 Minuten Verspätung. Halb so schlimm, wiegelte ein Bahnsprecher ab: Nur die Wagen aus Dänemark, die unterwegs in Hannover an den Zug noch drangehängt worden waren, seien verspätet gewesen.
Der Schuldige war also gefunden. Für Bahnchef Hartmut Mehdorn wäre die Verspätung ohnehin kein Grund gewesen, sich nicht auf der Pressekonferenz in Frankfurt in seiner Erfolgsstory zu sonnen. Fast sechs Prozent mehr Umsatz im ersten Halbjahr, eine kräftige Steigerung des operativen Ergebnisses – da konnte der Vorstandsvorsitzende der noch bundeseigenen Bahn AG stolz formulieren: „Der Auftrag aus der Bahnreform ist vollständig erfüllt. Die Eisenbahn in Deutschland ist saniert.“
Eitel Sonnenschein also – wären da nicht die ungeklärten Probleme bei der geplanten Teilprivatisierung des Konzerns, und wären da vor allem nicht die Lokführer. Am kommenden Montag wollen sie erneut darüber befinden, ob sie sich in ihrem Tarifstreit mit dem Arbeitgeber Bahn einigen können oder lieber streiken. Nachdem sich die Kontrahenten Mehdorn und Manfred Schell, der unbeugsame Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokführer, wochenlang öffentlich beharkt und gegenseitig hochgeschaukelt haben, verhandeln die älteren Herren, 65 und 64 Jahre alt, seit zwei Wochen unter der vermittelnden Aufsicht zweier 77-Jähriger – der „Mediatoren“ Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler, beide einstmals CDU-Generalsekretäre.
Gesprochen wird nur noch hinter verschlossenen Türen, und die vereinbarte Vertraulichkeit wird von beiden Seiten ernst genommen. Einig war man sich bis gestern Abend offensichtlich nicht. Gleichwohl hatte Mehdorn bei der Verkündung seiner Zahlen vorsichtigen Optimismus geäußert – und bemühte die in solchen Fällen immer wieder verwendete Floskel „Auf gutem Weg“.
Ein Gewerkschaftssprecher gab sich eher diplomatisch: „Auch wir hoffen, dass wir zu einer Einigung kommen.“ Doch zur Kaffeesatzleserei wollte er sich nicht hinreißen lassen: „Wir bewerten am Montag, wie angekündigt, das Ergebnis der Gespräche.“ Immerhin lässt sich Optimismus hineininterpretieren: Wenn es hart auf hart ginge, würden die Verhandlungen bis zum 27. August fortgeführt. Möglich sei aber, dass sie doch schon heute zu Ende gehen, ergänzte der Sprecher.
Ganz konnte sich der Bahnchef in Frankfurt das Muskelspiel nicht verkneifen: „Rein wirtschaftlich gesehen, ist der Konflikt mit der GDL beherrschbar“, sagte Mehdorn. Und die Bahn werde auch im Falle eines GDL-Streiks „die Versorgung und Mobilität des Landes sicherstellen.“
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Anders als die spontanen Arbeitsniederlegungen Anfang Juli würde die Bahn ein Ausstand der Lokführer jetzt nicht mehr so empfindlich treffen. Denn sie hat sich über Notfall-Einsatz- und -fahrpläne gerüstet. Die Bahn will mithilfe ihrer beamteten und der nicht bei der GDL organisierten Lokführer nach eigenen Angaben im Fernverkehr die ICE-Züge weitgehend planmäßig fahren und Einschränkungen nur bei den IC-Zügen vornehmen. Im Regionalverkehr müsse man aber mit dem Ausfall jedes zweiten Zuges rechnen.
Entgegen aller Kraftmeierei machte auch Finanzchef Diethelm Sack deutlich, wie empfindlich der Konzern auf einen Lokführerstreik reagieren würde: Die Bahn peile für das Geschäftsjahr 2007 einen Gewinn an, der noch leicht über der bisherigen Prognose liege, sagte Sack. Mit der Einschränkung: „Sofern keine besonderen Ereignisse eintreten.“ Wie der Ausstand der Maschinenmänner etwa.
Die bisherigen Streiks hätten Umsatzeinbußen in zweistelliger Millionenhöhe zur Folge gehabt, sagte Mehdorn. Der Tarifabschluss, den die Bahn mit den beiden großen Eisenbahnergewerkschaften Transnet und GDBA im Juli abgeschlossen hatte, koste die Bahn pro Jahr 250 Millionen Euro. Damit sei das Unternehmen „an die Grenze des wirtschaftlich Vertretbaren gegangen“, sagte der Bahnchef.
Die GDL will mehr. Nicht nur mehr als die 4,5 Prozent Lohnzuwachs, sondern sie fordert einen Spartentarifvertrag für das fahrende Personal. Den lehnte die Bahn bisher kategorisch ab. Unterstützt wird sie dabei von der Tarifgemeinschaft der Transnet und der GDBA. Deren Mitglieder hätten in einem „Votum für Solidarität“ deutlich dokumentiert, „dass sie keine Spaltung der Belegschaft“, sondern einheitliche Tarifverträge für alle Eisenbahner wollten, schreibt Transnet-Chef Norbert Hansen in seinem jüngsten Mitglieder-Magazin „Transnet inform“.
Bereits im September will die Tarifgemeinschaft über neue Entgeltstrukturen bei der Bahn reden – auch um durch Schichtdienst belasteten Lokführern mehr Lohn zukommen zu lassen. Die Kollegen der GDL seien zu den Verhandlungen „herzlich eingeladen“. Nachdem der Umgangston unter den konkurrierenden Gewerkschaften eher wenig herzlich war, dürfte diese Einladung wohl wenig Begeisterung ausgelöst haben.
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Warnstreiks belasten: Die Warnstreiks und Streikdrohungen haben der Bahn in diesem Jahr bislang Umsatzeinbußen in zweistelliger Millionenhöhe beschert. „Dieser Umsatz ist unwiederbringlich verloren und kann nicht nachgearbeitet werden wie in anderen Branchen“, sagte Bahnchef Hartmut Mehdorn gestern.
Gewinnsprung: In den ersten sechs Monaten stieg das Bahn-Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um 44,4 Prozent auf rund 1,35 Mrd. Euro. Die Umsatzerlöse legten um 5,8 Prozent auf 15,3 Mrd. Euro zu. Die deutliche Ergebnisverbesserung sei von allen Geschäftsfeldern getragen worden, teilte die Bahn mit. Gewinnbringer Nummer eins war erneut der Regionalverkehr mit einem Ebit von 416 Mill. Euro.
Prognose aufgestockt: Das Unternehmen erwartet nun ein Umsatzplus von fünf Prozent, kündigte Finanzvorstand Diethelm Sack an. Noch im März war die Bahn lediglich von einem Umsatzplus von drei Prozent ausgegangen. Für das Gesamtjahr erwartet die Bahn ein operatives Ergebnis von 2,4 Mrd. Euro.
Keine Dividende: Die Deutsche Bahn AG will von sich aus für das laufende Jahr keine Dividende zahlen. „Wenn Sie mich fragen, ob ich eine Dividende zahlen will, sage ich Nein“, sagte Finanzvorstand Diethelm Sack auf eine entsprechende Frage am Donnerstag in Frankfurt. Es könne aber sein, dass der Bund als Eigentümer dazu eine andere Meinung habe, schränkte er ein.
Preiserhöhung möglich: Die Bahn könnte ihre Kunden wegen der gestiegenen Energiekosten und der jüngsten Tarifeinigung mit den Bahnmitarbeitern (außer Lokführer) künftig stärker zur Kasse bitten. Mehdorn schloss eine Erhöhung der Fahrpreise nicht aus. Die hohen Energiepreise machten der Bahn Mühe, auch der Tarifabschluss sei „außerordentlich hoch gewesen“, sagte er. Derzeit gebe es aber keinen konkreten Plan für eine Fahrpreiserhöhung.

