0 Bewertungen
17.08.2007 
Milliardeninvestitionen

Vermietung von Güterwaggons boomt

von E. Krummheuer

Im schnell wachsenden Schienengüterverkehr drohen Engpässe nicht nur auf den Strecken, sondern auch bei den Güterwagen. Nach jahrelangem Dornröschenschlaf stehen die Bahnen international vor erheblichen Investitionen in ihre Flotten für Transport und Logistik. Doch viele Bahnen können Neukäufe für ihre Güterwagen-Flotten nicht mehr selbst finanzieren.

Güterzug von VTG: Waggonvermieter profitieren davon, dass die Transportunternehmen dem Aufschwung nicht trauen. Lupe

Güterzug von VTG: Waggonvermieter profitieren davon, dass die Transportunternehmen dem Aufschwung nicht trauen.

DÜSSELDORF. Die Deutsche-Bahn-Tochter Railion will bis 2011 allein 1,7 Milliarden Euro in Waggons investieren. Andere Bahnen, vornehmlich in Osteuropa, sind mit der Erneuerung ihrer Flotten finanziell überfordert. In die Bresche springen mehr und mehr die großen Waggonvermieter wie die kürzlich an die Börse gegangene Hamburger VTG-Gruppe.

„Wir erwarten nachhaltiges stabiles Wachstum im europäischen Eisenbahngüterverkehr und rechnen mit einem steigenden Anteil von Eisenbahngüterwagen im Privatbesitz“, sagt VTG-Vorstandschef Heiko Fischer. Sein Vorstandskollege Jürgen Hüllen, zugleich Vorsitzender der Branchen-Vereinigung der Privatgüterwagen-Interessenten (VPI) ergänzt: „Die Renaissance der Schiene ist da. Für unsere Unternehmen ist das eine große Chance, denn die Zeiten, da die Bahnen alles selbst investieren konnten, sind vorbei. Der Trend geht zur privaten Beschaffung von Rollmaterial und der anschließenden Vermietung an Bahnunternehmen.“

Railion, Marktführer in Europa, sieht das für viele kleinere Bahnen ähnlich, sieht den Einsatz von Privatwagen aber nur als zweites Standbein. Otto G. Niederhofer, bei Railion für das „Assetmanagement“ verantwortlich: „Wir werden Ersatzinvestitionen für Fahrzeuge, die wir langfristig benötigen, auch weiterhin selbst durchführen. Bei kurz- und mittelfristigen Bedarfszeiträumen ist es allerdings auch für uns sinnvoll, Privatwagen zu nutzen.“

Derzeit verfügt Railion über 100 000 eigene Waggons und setzt zusätzlich 5 000 private Fahrzeuge ein. Niederhofer kann sich vorstellen, dass sich bei anhaltender positiver Entwicklung des Transportmarktes der Mietwagenbestand bei Railion verdoppelt. Bislang mietet die Bahn überwiegend Kesselwagen für Mineralöl- und Chemietransporte – Gefahrgut-Spezialfahrzeuge, von denen sie gar keinen eigenen Bestand unterhält. Künftig würden aber auch Transportwagen für Stahlblechrollen (Coils) und Container gemietet, um die vorhandenen Fahrzeugsparks zu ergänzen.

Da sieht die Branche ihre große Chance, beschreibt Hüllen: „Über den stärkeren Einsatz von Privatwagen können die Bahnen das Auslastungsrisiko ihrer Flotte ein Stück weit an den Vermieter übertragen.“ Wenn eine Güterbahn einen bestimmten Verkehr verliere, landeten die Fahrzeuge häufig erst einmal auf dem Abstellgleis. Der international operierende Vermieter habe aber die Chance, das Wagenmaterial anderswo wieder einzusetzen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: "So richtig traut noch keiner dem Boom im Schienengüterverkehr."

Der Manager eines großen Anbieters, der nicht genannt werden will, formuliert es drastischer: „So richtig traut noch keiner dem Boom im Schienengüterverkehr, jeder hat Angst, die Wagen selber zu kaufen, und damit läuft das Vermietgeschäft derzeit wie verrückt.“ Und das wird auch nach Ansicht von Branchenbeobachtern zunächst so bleiben.

Dieter Schneiderbauer, Verkehrsexperte der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton: „Schienenverkehrsleistung ist billiger geworden; die Wettbewerbsbeziehung zum Straßenverkehr hat sich verändert. Nun wird dringend mehr Ladevolumen gebraucht.“ Doch das sei knapp – bei Neufahrzeugen gebe es erhebliche Lieferengpässe: „Die Industrie hat nach dem jahrelangen Niedergang des Schienengüterverkehrs ihre Güterwagenproduktion in Westeuropa weithin eingestellt, und die Kapazitäten der osteuropäischen Hersteller sind begrenzt.“ Hinzu komme die Explosion bei den Stahlpreisen: Drehgestelle und Radsätze seien extrem teuer geworden.

In der zunehmenden Marktliberalisierung kann sich Schneiderbauer vorstellen, dass sich das traditionelle Zusammenspiel zwischen Bahnen und Vermietgesellschaften durch andere Varianten verändert. Denkbar sei beispielsweise, dass sich große Versender – etwa Container-Reedereien oder die Automobilindustrie – über mehrjährige Leasingverträge selbst ihr Rollmaterial beschaffen – und damit die Bahnen auf die weniger lukrative Carrier-Rolle zurückdrängten. Möglich sei auch, dass die Bahnen selbst zu Vermietern würden, um brach liegende Fahrzeugkapazitäten kurzfristig zu vermieten.


Privat auf Schienen:

Wagenpark: Rund 200 000 private Güterwagen werden nach Branchenangaben in Europa eingesetzt. Deutsche Vermietfirmen stellen 50 000 Fahrzeuge, 70 Prozent davon Kesselwagen.

Transportleistung: Nach Erhebungen der VTG wird die Hälte der Schienenfracht in Europa mit Privatwagen transportiert, bei gefährlichen Gütern seien es sogar 95 Prozent.

Wachstumsmarkt: Der Schienengüterverkehr wächst vor allem in Deutschland – 2006 um acht Prozent, 2007 um knapp vier Prozent, dann weiter um 2,6 Prozent, sagt das Statistische Bundesamt.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige

weiterKöpfe

Im zweiten Anlauf an die Spitze  Artikel in Merkliste

Paul Polman schaffte es nicht auf den Chefsessel des Nahrungsmittelriesen Nestlé. Nun wechselt er zum Konkurrenten Unilever – und muss bei der Nummer zwei des Weltmarkts eine Aufholjagd starten. Artikel


Anzeige