0 Bewertungen
06.05.2008 
Positives Signal

Versicherer kaufen Krisenbonds

von Rolf Benders, Andrea Cünnen, Oliver Müller, Thomas Schmitt und Robert Landgraf

Große europäische Versicherer bereiten den Kauf forderungsunterlegter Anleihen (ABS-Bonds) vor und sind bereit, Milliardensummen zu investieren. Konzerne wie die Allianz, die Münchener Rück oder die DEVK wollen die günstigen Preise nutzen, um massiv in den seit Monaten nahezu eingefrorenen ABS-Markt einzusteigen - möglicherweise ein Signal für ein Ende der Finanzkrise.

Illustration: Handelsblatt

Illustration: Handelsblatt

FRANKFURT. "Wir sind als Käufer am Markt", bestätigte Andreas Gruber, Kapitalanlagechef der Allianz Leben, dem Handelsblatt, das Unternehmen wolle den Bestand an ABS-Papieren langfristig verdoppeln. Für die Allianz Leben bedeutet dies ein Investitionsvolumen von rund 2 Mrd. Euro. Insgesamt schätzen Experten, dass allein die deutschen Versicherungskonzerne für 18 Mrd. Euro ABS-Papiere kaufen könnten.

Das Interesse der Versicherer wird in Finanzkreisen als positives Signal für ein Ende der aktuellen Kreditkrise gewertet. Denn die Papiere gehören nicht nur zu den Auslösern der Turbulenzen an den Märkten, sie sind auch dramatisch im Wert gefallen und belasten erheblich die Bilanzen der Banken.

"Wir planen, die Gunst der Stunde zu nutzen und ABS-Papiere zu kaufen", sagt auch Bernd Zens, Kapitalanlagevorstand der DEVK. Attraktiv, so Zens, seien vor allem Anleihen aus den "gesunden" Jahrgängen 2003 und 2004, die unberechtigterweise unter den Kapitalmarktturbulenzen gelitten hätten. Auch Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard sagte dem Handelsblatt, bei ABS-Papieren werde sein Konzern "gezielt, aber sehr selektiv" wieder stärker ins Risiko gehen. "Wir wagen uns mehr als bisher an Kreditrisiken heran, weil diese inzwischen angemessen vergütet werden", sagte von Bomhard.

Die aktuelle Krise wurde ausgelöst, weil US-Banken zweitklassige Hypothekenkredite in Asset Backed Securities (ABS-Anleihen) verpackt (im Fachjargon "verbrieft") und an andere Institute verkauft hatten. Als die Kredite ausfielen, brachen die Kurse der Bonds ein und zwangen deren Käufer zu Abschreibungen. Damit gerieten auch ABS-Papiere in Verruf, deren zugrunde liegende Kredite völlig intakt waren. Ebenso litten andere Anleiheformen, so dass Banken weltweit schon 255 Mrd. Dollar an Wertberichtigungen vornehmen mussten.

Kommt jetzt der Handel mit ABS-Papieren, der in Europa auf 1 400 Mrd. Euro geschätzt wird, langsam wieder in Schwung, bedeutet das für die Banken zweierlei: Sie könnten auf der einen Seite wieder mehr Kredite gewähren, weil sie diese Forderungen über Verbriefungen wieder leichter weiterverkaufen könnten. Auf der anderen Seite besteht die Chance, dass die Preise für die Papiere in den Büchern der Banken wieder steigen und sich die Wertberichtigungen zum Teil in Gewinn zurückverwandeln lassen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Im ABS-Handel ist die Liquidität nach wie vor gering

"Bei strukturierten Papieren haben sich die Preise in den vergangenen zwei bis drei Wochen kaum verändert", sagt Daniel Scharpenack, Chef von Cis Asset Management, einem der größten unabhängigen Akteure im Bereich der verbrieften Kredite in Europa. Die Preisbildung bei ABS-Papieren hat demnach offenbar ihren Boden erreicht. Auch die deutschen Fondshäuser schichten wieder vorsichtig in Kreditpapiere um, wie eine Umfrage des Handelsblatts ergab. "Viele Investoren sehen jetzt, dass die hohen Risikoprämien der Papiere die tatsächlichen Risiken überkompensieren", so Markus Herrmann, Leiter des Researchs für strukturierte Wertpapiere bei der britischen Großbank HSBC.

Dies lässt die Risikoprämien für einzelne ABS sogar deutlich sinken. Für Anleihen erstklassiger Bonität, die zum Beispiel private niederländische Wohnimmobilien verbriefen, sind die Risikoaufschläge zuletzt auf 50 bis 60 Basispunkte über den Geldmarktsätzen gefallen. Vor wenigen Wochen lagen die Aufschläge noch bei bis zu 160 Basispunkten. Vor einem Jahr und damit vor dem Ausbruch der Finanzkrise boten ABS mit sehr guten Ratings im Schnitt nur Aufschläge von weniger als 20 Basispunkten.

Als Problem gilt jedoch, dass im ABS-Handel die Umsätze und damit die Liquidität nach wie vor gering sind. Ein Grund dafür ist, dass kaum neue ABS auf den Markt kommen und so für den Handel eine Orientierungsgröße fehlt. "Die Liquidität wird erst zurückkehren, wenn es wieder Emissionen gibt", sagt Viola Scholzen, die bei der Citigroup institutionelle ABS-Investoren im deutschsprachigen Raum betreut. Mehrere Anzeichen deuten allerdings darauf hin, dass die Banken derzeit Verbriefungen für das zweite Halbjahr vorbereiten. Dies spricht dafür, dass auch die Banken eine Entspannung der Gesamtsituation erwarten.

Die EZB akzeptiert schon länger wieder erstrangige ABS-Tranchen als Sicherheit in der Wertpapierleihe und gibt den Banken dafür Geld. Die Bank of England tauscht seit kurzem erstklassige mit Hypotheken besicherte ABS in britische Staatsanleihen, die Banken schneller zu Geld machen können als die besicherten Wertpapiere.ben/cü/itt/olm/rob

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterKöpfe

Lufthansa dementiert Personaländerung im Vorstand  Artikel in Merkliste

Der Chef der Lufthansa-Tochter Swiss, Christoph Franz, rückt nach Angaben der Lufthansa nicht in den Konzernvorstand vor und dementierte damit einen entsprechenden Magazinbericht. Artikel


Anzeige