„Hast Du Dollars in den Taschen, kannst du Firmen hier vernaschen." – Vom Aufstieg der Beteiligungsfonds zu einer neuen Finanzmacht in Deutschland.
Beschäftigte des Armaturenherstelleres Grohe protestieren im Mai 2005 gegen ihre Entlassung. Foto: Archiv
FRANKFURT. Am Anfang stand Unverständnis und Ignoranz. Als die ersten angelsächsischen Beteiligungshäuser in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre ihre Brückenköpfe in Deutschland aufbauten, konnte mit dem Begriff „Private Equity“ niemand etwas anfangen. „Es waren fast keine Firmen auf dem Markt. Wenn etwas verkauft wurde, dann fast nur die hoffnungslosen Fälle“, erinnert sich Steven Koltes, Deutschlandchef von CVC Capital Partners.
Die wenigen Private-Equity-Häuser, die damals bereits in Deutschland präsent waren, hatten alle Mühe zu erklären, was sie tun. Das Geschäftsmodell, Unternehmen und Konzernteile zu kaufen, sie innerhalb von drei bis sieben Jahren umzubauen und zu einem höheren Preis zu verkaufen, war in der verflochtenen „Deutschland AG“ etwas Exotisches. „Meist wurde man für einen Banker gehalten, und die hatten nicht den besten Ruf“, sagt Koltes.
Thomas Krenz, Deutschland-Statthalter für den Mega-Fonds Permira, ist ein Pionier der Branche. Er startete 1986 mit einem ersten Fonds mit einem Volumen von heute umgerechnet 65 Mill. Euro – ein geradezu lächerlich kleiner Betrag im Vergleich zu den aktuellen Milliarden-Fonds. Der M&A-Markt in Deutschland war zu dieser Zeit unterentwickelt, eine Infrastruktur mit spezialisierten Banken und Juristen fehlte völlig. „Deutsche Konzerne hatten ein tiefes Misstrauen gegen Private Equity, Mittelständler waren die einzige regelmäßige Verkaufsquelle“ sagt Krenz im Rückblick.
Das Geschäft plätscherte so vor sich hin, bis mit dem Fall der Mauer eine historisch einzigartige Konstellation für die Private-Equity-Häuser entstand. Die Wiedervereinigung löste eine immense Nachfrage nach Kapital aus, die der heimische Markt alleine nicht befriedigen konnte. Und mit der Auflösung der DDR sammelte sich auch das Know-how für die Transaktionen an. „Die Unternehmensverkäufe der Treuhandanstalt waren dafür verantwortlich, dass Finanzinvestoren in Deutschland salonfähig wurden“, sagt Thomas Pütter, Vorstandschef beim deutschen Branchenverband BVK.
Außerdem habe der Generationswechsel in den Vorstandsetagen der Industrie den Prozess beschleunigt. Die MBA-Absolventen brachten die Kapitalmarktdenke in die Lekungsgremien und die Börse fing an, Konglomerate mit einem Malus zu bestrafen. Die Konzentration auf das Kerngeschäft wurde zum Credo der Konzernlenker. „Deutschland hat mit zeitlicher Verzögerung eine Entwicklung nachvollzogen, die andere Länder, vor allem die USA und Großbritannien, längst durchlaufen hatten“, erklärt Wilken von Hodenberg, Vorstandssprecher der Deutschen Beteiligungs AG (DBAG).
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Aber Deutschland holte schnell auf, die Finanzinvestoren wurden vor allem für die Investmentbanken und die Kanzleien zu einer Goldgrube, denn die Deals und die Fonds wurden immer größer, angetrieben vom Renditehunger der institutionellen Geldgeber, den Pensionskassen, Versorgungswerken und Versicherungen. „Es war eher eine stetige Entwicklung als eine Abfolge von Meilensteinen“, sagt CVC-Chef Koltes. Am wichtigsten sei die Entflechtung der Deutschland AG gewesen. Ende der 90er-Jahre fingen deutsche Großkonzerne wie die Eon-Vorgänger, Hoechst, Daimler oder Siemens an, gute Firmen zu verkaufen. „Das war die Sternstunde für Private Equity in Deutschland“, meint Koltes.
Die „Opportunity Funds“ suchen nach Gelegenheiten – und finden sie. Sie kaufen durch alle Branchen, im Rahmen von Milliardendeals wandern beispielsweise der Pay-TV-Anbieter Premiere, der Raststättenbetreiber Tank & Rast oder Kabel Deutschland in die Portfolios der Finanzinvestoren.
Doch einer dieser Deals wird zum negativen Markenzeichen, zum Stigma für die ganze Branche: der des Badarmaturenherstellers Grohe. Das sauerländische Traditionsunternehmen landet erst bei BC Partners und wird dann mit hohen Verbindlichkeiten an die Texas Pacific Group weitergereicht. Die fackelt nicht lange und geht daran, rund 1 000 Stellen zu kappen.
Über den Betriebsrat findet der Fall schließlich im Frühjahr 2005 seinen Weg zum damaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering, der Finanzinvestoren vorwirft, sie „fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter.“ Die Branche versucht zwar noch, mit einer methodisch etwas schwachbrüstigen Studie über Private Equity als Jobmotor gegenzulenken, aber die Bezeichnung „Heuschrecke“ hält sich bis heute.
Dem Boom im Markt tut dies jedoch keinen Abbruch. Der Gesamtwert der Transaktionen in Deutschland ist in den vergangenen fünf Jahren mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von zwölf Prozent gestiegen. Der Wert der 2006 bisher aufgelaufenen Deals liegt bei über 20 Mrd. Euro, geht aus vorläufigen Zahlen von Incisive Media hervor. Damit ist der Gesamtwert des Jahres 2005 von gut 15 Mrd. Euro bereits jetzt um 29 Prozent übertroffen.
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Und derzeit ist nicht absehbar, dass die neue Macht an den Märkten ins Schwächeln gerät. „Erst wenn sich abzeichnet, dass die mit immer größeren Transaktionen erzielten Renditen nicht mehr die Erwartungen der Investorenerfüllen, würde dieser Prozess an Dynamik verlieren“, sagt Stefan Hepp von der SCM Strategic Capital Management AG, die institutionelle Investoren mit Analysen versorgt. Fonds mit 50 Mrd. Euro seien zwar wegen administrativer Hürden unwahrscheinlich, „aber Fonds mit 20 Mrd. Euro kann ich mir vorstellen“, ergänzt BVK-Chef Pütter. Heute liegt die Obergrenze der Mega-Fonds bei rund 15 Mrd. Euro. Zusammen mit den günstigen Kreditfinanzierungen der Banken kann ein solcher Fonds Transaktionen über insgesamt rund 45 Mrd. Euro abwickeln.
Mit diesen Größenordnungen rücken die ganz großen Schwergewichte der deutschen Industrie fast zwangsläufig ins Visier der Finanzinvestoren. „Vielleicht sehen wir im Jahr 2007 auch die Übernahme der ersten Dax-Gesellschaft durch einen Private-Equity-Fonds“, prognostiziert Hepp. Noch wahrscheinlicher ist aber das beherzte Zugreifen in den gelisteten Gesellschaften unterhalb des Leitindexes. „Einer ganzen Reihe von börsennotierten Unternehmen im MDax oder SDax ist das regulatorische Umfeld zu komplex geworden. Hier wird man noch viele Firmen sehen, die von Private-Equity-Häusern im Rahmen eines Delistings vom Kurszettel genommen werden“, schätzt Pütter, der gleichzeitig Chef von Allianz Capital Partners ist.
Allerdings drohen der Branche neue Hürden seitens der Politik. Die Bundesregierung bastelt an einem Private-Equity-Gesetz, von dem heute noch niemand weiß, ob es einen Freiraum oder ein Korsett schafft. Und die so genannten Recaps, bei denen den übernommenen Firmen hohe Schulden aufgelastet werden, könnte bei den ersten Sanierungsfällen die Heuschrecken-Diskussion neu beleben. „Es ist zu befürchten, dass manch ein Unternehmen, das 2006 mit hoher Verschuldung ausgestattet wurde, in Gefahr geraten wird“, meint DBAG-Chef von Hodenberg.
Deshalb ahnt Permira-Manager Krenz, dass „der verstärkte Dialog mit der Öffentlichkeit und der Politik“ im nächsten Jahr besonders wichtig wird. Aber bisher hat die Branche den vielen Lippenbekenntnissen – die auch über den europäischen Branchenverband gerne wiederholt werden – wenig Konkretes folgen lassen. Die fehlende Transparenz könnte sich 2007 rächen.

