Frank Appels Frühstart als neuer Vorstandschef der Deutschen Post verleiht dem Konzern, was er dringend benötigt: neuen Schwung. Was Appel alles zu erledigen hat - und warum er dennoch seinen Vorgänger Klaus Zumwinkel schon bald vermissen könnte.
BONN. Frank Appel konnte Klaus Zumwinkel so gerade noch einmal auffangen. Sonst wäre der Post-Chef schon im Januar gestürzt, damals, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Bei dem Versuch, über eine Stuhlreihe zu klettern, fiel Zumwinkel seinem Nachfolger regelrecht in die Arme. Hoppla.
Nur Wochen später, der Valentinstag war gerade angebrochen, konnte Appel seinem Chef nicht mehr helfen. Erst die Durchsuchung von Zumwinkels Villa in Köln-Marienburg, dann der Abtransport des Post-Chefs zur Vernehmung. Der Verdacht: Steuerhinterziehung.
Kurz darauf trat Klaus Zumwinkel als Post-Chef zurück - nach 18 Amtsjahren. Das traurige Ende einer großen Karriere, sagt Peter Bakker respektvoll, der Chef des großen niederländischen Post-Rivalen TNT.
Post-Aufsichtsratschef Jürgen Weber ließ lapidar wissen: "Zum neuen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post
hat der Aufsichtsrat einstimmig und mit sofortiger Wirkung Dr. Frank Appel bestellt."
Die Börse hat Appel schon lieb
König Klaus ist tot, es lebe König Frank. Der hat diese Woche seine ersten großen Auftritte. Heute tagt der Aufsichtsrat - und soll Appels neue Führungsmannschaft durchwinken. Am Donnerstag stellt Appel die Jahreszahlen vor. Sie werden verdeutlichen, dass Zumwinkel seinem Nachfolger einen Konzern hinterlassen hat, der am Scheideweg steht.
Die Postbank?
Das US-Geschäft? Das Brief-Business? Strategische Entscheidungen müssen her, die so einschneidend sein könnten, dass sie mit Konzernerbauer Klaus Zumwinkel wohl kaum zu machen gewesen wären. Der wollte erst im Herbst an Kronprinz Appel übergeben. Es kam anders - die Post hat nun früher die Chance zu handeln. Und wenn das einer kann, dann Frank Appel - sagen die einen. Die anderen sind skeptisch: Zu nah dran an Zumwinkel sei er gewesen - "Weiter so" statt "Mir nach!"
Die Börse jedenfalls, die hat ihn schon lieb. Der neue Post-Chef war noch gar nicht ernannt, da hieß sie Appel mit steigenden Kursen der Aktie Gelb bereits willkommen.
Sein Vorgänger hatte sein Kapital verspielt: Zumwinkel galt der Börse als Bremser, als Zauderer, als schlechter Kommunikator. Es ist nicht lange her, da hatte er dem Druck nachgegeben und ausgerechnet seinen Finanzchef Edgar Ernst geopfert - nach Beschwerden von Investoren über die ungenügende Kommunikationspolitik des Konzerns.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gut für die Post, dass es Frank Appel gibt
Die Märkte hatten bereits die Geduld mit Zumwinkel verloren, lange bevor ihn die Staatsanwälte einbestellten. Auf der Hauptversammlung im vergangenen Frühjahr schmähten Investoren den Post-Boss als Mann von gestern und bemängelten "mangelnde Profitabilität". Einen Befreiungsschlag für den Ex-Monopolisten trauten sie Zumwinkel nicht mehr zu. Er sollte endlich Platz machen.
Gut für die Post, dass es Frank Appel gibt. Der ist seit 2002 Vorstand für Logistik, das Briefgeschäft im Ausland sowie die 100 größten Kunden. Der 46-Jährige lief sich seit geraumer Zeit warm, um in Zumwinkels Fußstapfen zu treten.
Die sind ziemlich groß, gerade für Appel. Denn der Ex-McKinsey -Berater ist die Öffentlichkeit noch nicht so gewohnt wie der gewandte Zumwinkel. Appel wirkt oft noch ein wenig steif. Manchmal scheint er, der Zwei-Meter-Mann, nicht zu wissen, wohin mit seinen Händen, wenn er im Stehen mit geschlossenen Augen über "First Choice" spricht, die neue Serviceoffensive der Post.
Post-Tower, Bonn, 2. Stock, nur ein paar Tage vor St. Valentin: Appel präsentiert sein Zukunftsmodell für die Post. Ein Workshop soll es sein, offen und locker. Appel lässt sich, des Planspiels wegen, zum Sachbearbeiter degradieren. Sein Job: Grüne Kreuzchen auf Päckchen machen. Dann weiter in der Wertschöpfungskette. Ein Trainer stoppt die Zeit: Alles über drei Minuten ist tabu.
Bild für Bild: Wo der neue Post-Chef Appel überall aufräumen muss
Mit mehr Qualität will der promovierte Neurobiologe Appel dem Global Player Post AG in den kommenden Jahren zu "stärkerem Wachstum als der Markt" verhelfen. Das ist Appels strategische Vorgabe.
Mehr Service allein wird längst jedoch nicht reichen. Appel weiß, was der Finanzmarkt von ihm erwartet. Die Post macht zwar 60 Milliarden Euro Umsatz. Doch die Nettoumsatzrendite liegt bei mageren zwei bis drei Prozent. Das muss sich ändern.
Dafür muss der neue Post-Chef einige Baustellen abarbeiten. Retuschen werden nicht reichen. Viele Analysten fordern radikale Veränderungen. Aus dem schwerfälligen Tanker soll eine Flotte von Schnellbooten werden. Von der Aufspaltung der Post in einen Brief-, Finanz- und Logistikkonzern ist die Rede.
Frank Appels großer Trumpf: Keiner kennt die Werttreiber der Post besser als er, und keiner weiß besser, worauf sie verzichten kann. Als Berater von McKinsey kam er einst zur Post - und blieb, weil Mit-"Mackie" Zumwinkel sein Talent erkannte und ihn flugs abwarb.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Warum Appel sein Stil zupass kommt
Die große Nähe zu seinem Vorgänger werde nun zu einer Schwäche, befürchten Skeptiker wie Logistikexperte Horst Manner-Romberg: "Appel steht nicht für Revolution, sondern für Reformen." Appel sei Ziehsohn Zumwinkels, und er werde sich nicht gegen seinen Meister stellen.
Widersprechen mag der neue Konzernchef nicht: "Einen Riesentanker wie die Post mit 520 000 Mitarbeitern auf neuen Kurs zu bringen dauert sehr lange", sagt Appel.
Allerdings hat Appel das Ruder schon in Bewegung setzt - im November und mit Zumwinkel gemeinsam. Zunächst will er das seit Jahren defizitäre US-Expressgeschäft - bis zu sieben Milliarden Euro soll die Post dort im Kampf gegen Platzhirsche wie Fedex
und UPS
verloren haben - bereinigen. Zweitens gilt der Verkauf der Postbank,
bei der Appel gestern den Aufsichtsratsvorsitze übernahm, als ausgemachte Sache. Aber bitte ohne Hast: Bieter wie die Deutsche Bank
oder die Commerzbank
stehen bereits Schlange. Drittens muss das Briefgeschäft auf Effizienz getrimmt werden. Denn das Briefmonopol ist weggefallen, und der Wettbewerb jagt der Post - Mindestlohn hin oder her - zunehmend Marktanteile ab.
Genug zu tun, aber mit wem will Appel das Großwerk angehen? Sein Stil kommt ihm zupass. Er sieht sich als "post-heroischen" Manager, als Gegenstück des "großen Zampano" à la Zumwinkel, der sich gern in der Rolle der "gelben Eminenz" gefiel.
Appel könnte eine Feuertaufe bevorstehen
Zudem ist der Generationswechsel bei der Post fast abgeschlossen. Zumwinkel-Weggefährten - zum Teil noch aus den Tagen der Bundespost - haben Platz gemacht. Für Postbank
-Chef
Wulf von Schimmelmann kam Wolfgang Klein, für Briefchef Hans-Dieter Petram kam Jürgen Gerdes. Mit John Allan, von der Neuerwerbung Exel aus Großbritannien, gibt es seit Herbst einen neuen Finanzchef, der gut mit Analysten und Investoren kann. Mit dem Australier John Mullen führt ein erfahrener Logistikmanager den schwierigen Expressbereich, an dem sich zwei Vorstände zuvor die Zähne ausgebissen haben.
Einen neuen Vorstand braucht Appel noch: seinen eigenen Nachfolger als Logistikchef. Ein Schlüsseljob, trägt die Sparte doch gut ein Drittel zum Konzernumsatz bei. Hinter Appel scharren drei Bereichsvorstände mit den Füßen. Alles läuft aber wohl auf Hermann Ude hinaus, der bislang das LKW-Speditionsgeschäft verantwortete. Denn Gemeinsamkeiten verbinden. Wie Appel kommt auch Ude von McKinsey.
Käme Ude, wäre Personalvorstand Walter Scheurle der letzte "alte Vorstand" - obwohl er erst 56 ist. Doch auf ihn kommt es bald an: Im März läuft der Beschäftigungspakt mit Verdi aus. Der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen soll verlängert werden. Im Mai folgen die Tarifverhandlungen. Appel könnte eine Feuertaufe bevorstehen.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Einen ersten Warnschuss Richtung Verdi hat der Konzern bereits abgefeuert
"Auf Zumwinkel war immer Verlass", sagt Andrea Kocsis, Verdi -Vizechefin und Aufsichtsrätin der Post. Appel? Eine gute Wahl, sagt Kocsis. Denn er wisse, wie wichtig es sei, die Arbeitnehmerinteressen im Konzern zu wahren. Doch Appel will die Profitabilität verbessern - er muss die Personalkosten senken. Das klingt nach Ärger für Verdi.
Einen ersten Warnschuss hat der Konzern bereits abgefeuert: Mit der WAZ-Mediengruppe testet die Post die Zustellung von Werbebroschüren durch "billigere" Zeitungsboten. Auslagerung ist eines der Lieblingsthemen von Appel. Die IT der Post macht künftig Hewlett
-Packard;
Teile der Postzustellung machen vielleicht bald Zeitungsboten? "Dadurch werden die Tarifverhandlungen jedenfalls nicht einfacher", heißt es bei Verdi.
Nicht einfacher wird für Frank Appel auch der Umgang mit dem größten Aktionär der Post, dem Bund. Zumwinkel kann den Vorsitz im Aufsichtsrat nun nicht übernehmen. Damit wollte er Appel mit seinen exzellenten Kontakten nach Berlin den Rücken freihalten. An der Spree braut sich einiges zusammen, was ein gewiefter Postaufseher verscheuchen könnte: das Ende der Mehrwertsteuerbefreiung im Briefgeschäft, ein übereilter Verkauf der Postbank.
Demonstration der Zuneigung
Wie wertvoll Zumwinkel für die Post war, das bewies er beim Thema Mindestlohn. Der kam - und treibt nun Konkurrenten der Post wie die Pin Group an den Rand des (Nerven-)Zusammenbruchs.
Freitag im 162,5 Meter hohen Post-Tower zu Bonn: Zumwinkel verabschiedet sich von den Seinen. Erinnert daran, wie er den Konzern einst an die Börse brachte. Dass er nun in einem Film stecke, "in dem ich eigentlich nicht sein will". Dass er sich vorverurteilt fühle.
Als Appel das Wort ergreift, kommen ihm fast die Tränen. Mehrfach fällt er seinem Mentor spontan um den Hals. Es sah ein wenig so aus, als würde Frank Appel Klaus Zumwinkel jetzt schon vermissen.
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Der Post-Konzern: Brief, Bank & Co.
Geschichte
Die Deutsche Post
World Net ist einer der größten Logistikkonzerne der Welt. Sie entstand 1995 - wie die Deutsche Telekom
und die Postbank
- durch die Privatisierung der Deutschen Bundespost. Im November 2000 wurden Aktien der Post AG erstmals an der Börse gehandelt. Seit im Juni 2005 die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Postaktien im Wert von zwei Milliarden Euro verkauft hat, ist die Post nicht mehr mehrheitlich in Staatsbesitz. 1999 übernahm die Post die Postbank
und brachte sie 2004 an die Börse.
Umbau
Durch zahlreiche Übernahmen mauserte sich die Post unter ihrem Chef Klaus Zumwinkel, der das Unternehmen seit 1990 führte, vom Briefzusteller zum internationalen Logistikkonzern. Zumwinkel übernahm etwa den Paketdienst DHL oder die Spedition Danzas. Allein für den britischen Logistikkonzern Exel zahlte die Post Ende 2005 5,5 Milliarden Euro. 2006 erzielten eine halbe Million Post-Mitarbeiter - darunter 80 000 Briefträger in Deutschland - 60,5 Milliarden Euro Umsatz. Das macht sie nach der Mitarbeiterzahl zum größten Unternehmen Deutschlands und zu einem der zehn größten der Welt.
Sparten
Der Konzern ist in die Sparten Brief (22 Prozent des Umsatzes), Express (20), Logistik (39), Finanzdienstleistungen (16) und Services (3) gegliedert. 60 Prozent ihres Umsatzes erzielt die Deutsche Post
mittlerweile im Ausland - Tendenz steigend.

