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Was ist los im Handel?: Für Tradition kann man sich nichts kaufen

Immer mehr Pleiten traditioneller Handelskonzerne erschüttern unser Land. Ikonen der Wirtschaftswunderzeit zerbröseln - dabei geht es der Branche insgesamt gar nicht so schlecht. Wer hat Schuld an der Misere?

1000 Seiten umfassten die Neckermann-Kataloge, dennoch waren die einzelnen Sortimente begrenzt. Quelle:
1000 Seiten umfassten die Neckermann-Kataloge, dennoch waren die einzelnen Sortimente begrenzt. Quelle: 

DüsseldorfOb Schlecker, Neckermann oder Quelle: Es hat ein schlimmes Ende genommen. Täglich erschüttern neue Hiobsbotschaften aus dem Handel die Republik. Der Warenhauskonzern Karstadt kommt momentan genauso wenig vom Fleck wie die Metro und ihr Dauersorgenkind Galeria Kaufhof oder die Online-Geschäfte von Media Saturn. Dabei stehen nicht nur zehntausende Arbeitsplätze auf der Kippe, sondern es droht das Zerbröseln traditionsreicher Handelskonzerne.

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Was ist los im Handel? Eines vorweg: Der Branche geht es insgesamt gar nicht so übel. Die Kauflaune der Deutschen ist gut, die Aussichten ebenso. Die Misere der Krisen-Unternehmen hat nur sehr bedingt etwas  mit den Konsumenten zu tun.

Auf Krisen-Kurs Der große Stellenschwund im Handel

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Also sind die Probleme der Sorgenkinder hausgemacht. Beispiel Neckermann: Als sich nach der Wende sowohl die Ostdeutschen als auch ihre Nachbarn im Osten Europas auf die Kataloge des 1950 gegründeten Versandhändlers stürzten, überdeckte das schon strukturelle Probleme, die das Management seit den 70er-Jahren nicht ernst genommen hatte.

Wuchs der Umsatz in den 50er- und 60er-Jahren noch stetig, weil die Deutschen nach den Entbehrungen des Krieges in den üppigen Katalogen fanden, was sie brauchten, besiegelte das Geschäftsjahr 1976 erstmals das Ende des Handelspioniers. Neckermann schrieb rote Zahlen, die Menschen im Westen konnten sich nicht mehr für die Katalogwelt begeistern, forderten mehr Auswahl in den Sortimenten. Hinzu kamen Managementfehler. Neckermann verlor den Anschluss an Otto und Quelle.

Ratschläge für Kunden von Neckermann

  • Was wird aus bestellter Ware?

    Neckermann gab Mitte Juli bekannt, den Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten zu wollen - obwohl der Eigentümer dem Unternehmen weitere Zuschüsse für die Sanierung verweigert. Grundsätzlich gilt deswegen nach Angaben der Verbraucherzentrale Sachsen (VZS): Wer bestellt hat, muss auch beliefert werden. Bei endgültiger Eröffnung einer Insolvenz sollten aber Ansprüche aus Anzahlungen oder etwa Gutscheinen beim Insolvenzverwalter angemeldet werden.

  • Was passiert mit Vorauszahlungen und bei vereinbarten Ratenzahlungen?

    Laut VZS gehen An- und Vorauszahlungen bei einer Insolvenz im schlimmsten Fall in die Konkursmasse über. Der Insolvenzverwalter kann aber entscheiden, ob solche teilweise erfüllten Geschäfte noch abgewickelt werden. Lehnt der Insolvenzverwalter dies jedoch ab, besteht für Verbraucher nur die Hoffnung, aus der Konkursmasse befriedigt zu werden. Verbraucher sind jedoch nachrangige Gläubiger. Die Chancen sind deswegen allgemein schlecht. Verbraucher, die Waren auf Raten gekauft haben, müssen weiter zahlen. Auch auf Rechnung erworbene Ware muss bei Erhalt gezahlt werden.

  • Welche Gewährleistung gilt für bestellte Produkte?

    Grundsätzlich sind Verbraucher beim Kauf eines Produkts für zwei Jahre durch die gesetzliche Gewährleistung gegen Sachmängel geschützt. Dieser Anspruch gilt gegenüber dem Händler - also Neckermann - trotz Insolvenz. Die Pflicht erlischt laut VZS erst, wenn die Firma endgültig ihren Geschäftsbetrieb aufgibt. Gegebenenfalls kann auch während einer Insolvenz damit gerechnet werden, dass Fehler an Produkten behoben werden. Allerdings ist die Lage bei Insolvenzen von Firmen häufig unübersichtlich. Auch mit Gewährleistungsansprüchen stehen Kunden bei einer endgültigen Insolvenz ganz am Ende der Schlange der Gläubiger.

  • Besteht neben der Gewährleistung auch weiter Garantie?

    Ja. Denn hier handelt es sich um einen Haftungsanspruch, den der Verbraucher gegenüber dem Hersteller eines Produkts hat - also nicht gegenüber dem Händler Neckermann. Hersteller geben Garantien für ihre Waren teils für viele Jahre über die gesetzliche Gewährleistung hinaus ab. Dadurch wollen sie das Vertrauen der Kunden in ihre Produkte stärken. Dieses Versprechen bleibt von der Insolvenz Neckermanns und seiner ungewissen Zukunft unberührt.

Eine erfolgreiche Sanierung ließ auf sich warten. Elf Jahre sollte es dauern, bis Neckermann wieder schwarze Zahlen schrieb. 1995 war der Versandhändler zwar einer der ersten im Netz, verpasste dann aber nach dem Siegeszug des Online-Shoppings den Anschluss im Versandhandelsmarkt. De facto lebte das Unternehmen noch lange in der alten Katalogwelt und es folgten zahlreiche Führungswechsel - seit der Jahrtausendwende war der Niedergang Neckermanns kaum noch zu bremsen.

Es ist diese fatale Abhängigkeit vom Katalog, ein heillos veraltetes Geschäftsmodell, die auch Marktführer Quelle, 1997 vom Wirtschaftspionier Gustav Schickedanz in Fürth gegründet, schon vor drei Jahren in die Pleite führte. Als Einziger der großen drei verbleibt nach Neckermann jetzt Otto.

  • 22.07.2012, 07:32 UhrSynthesekocher

    Ganz einfach: bei den klassischen Anschaffungsgütern sprich Wohnungseinrichtungen wie sie in den 50,60 und 70ziger Jahren besonders auf dem Katalogweg angeschafft wurden, besteht schon seit Jahren eine sehr hohe Marktsättigung. Ausserdem wurden diese Produkte damals noch überwiegend in Deutschland produziert, Beispiel Grundig, Agfa usw.
    Von den heutigen, kurzlebigen Konsumgütern, die überwiegend im Ausland produziert werden, kann keine auch nur annäherungsweise mögliche Vollbeschäftigung erreicht werden, geschweige mehrere große Versandhäuser bestehen.
    Im Vergleich zu früher findet heute der Verbraucher auf kurzem Wege erreichbar mehrere Einrichtungshäuser und braucht folglich nicht sein Wohnzimmer, die Küche, die Waschmaschine oder seine Wäsche im klassischen Katalog bestellen.
    Das damalige Wirtschaftswunder war eben kein Wunder sondern ein immenser Nachholbedarf bei Menschen, die durch Kriegsschäden oder Vertreibung nichts mehr hatten, bzw. hochwertige Güter wie ein Geschirrspüler für fast jederman erschwinglich wurde.
    Heute kann keiner dieser ehemaligen Großversender auf der Basis von Marktsättigung überleben. Solange diese breite Marktsättigung besteht und ein Konsum sich fast ausschließlich auf den Vertrieb und Verkauf von im Ausland produzierten elektronischen Waren beschränkt, bleibt Vollbeschäftigung und der weitere Erhalt oder die Schaffung von sicheren Arbeitsplätzen ein Wunschdenken.

  • 21.07.2012, 12:27 UhrBaldAuswanderer

    Warum nicht frei Haus liefern? Ich brauch keine Shopping-Experience, die daraus besteht:
    Fahre in den Laden (15 Minuten), quäle mich durch endlose Regalketten, kaufe dann womöglich Dinge, die ich nicht brauche, stehe vor einem Regal mit 50+ Sorten fast identischer Ware, warte an der Kasse und fahre wieder heim.
    Ok, manchmal trifft man noch Bekannte, die auch keine Zeit haben, weil sie im Einkaufsstress sind.
    Effizienter und umweltverträglicher ist es, wenn man zumindest Standardprodukte online bestellt und geliefert bekommt. Ausserdem sind die Preise transparenter, man kann beim günstigsten Anbieter bestellen. Wer fährt schon zum Aldi und zum Lidl, weil beim einen utter 0,1€ billiger ist und beim anderen Milch???
    Und zum Satz: "Täglich erschüttern neue Hiobsbotschaften aus dem Handel die Republik." - Ja Leute von der Redaktion, sagt mal ist einer gestorben oder hat irgendein Diktator eine H-Bombe über Berlin abgeworfen? Ist das wirklich schlimm, wenn ein Discounter oder anderer Massenverkäufer mal dicht macht? 10.000 Arbeitsplätze, 50.000 Arbeitsplätze - na und, die meisten sind eh prekäre Verhältnisse und werden andernorts direkt wieder aufgebaut. Der Umsatz, den Neckermann nicht mehr macht, den macht ein (oder mehrere) Online-Händler, die stellen dann schon wieder Leute für 8,50€/Stunde ein.

  • 21.07.2012, 12:22 UhrBaldAuswanderer

    Widerrufsquote 70% - natürlich kann man da noch wirtschaftlich handeln.
    Die Handelsspanne bei Kleidung beträgt zwischen 200% und 300% (Esprit).
    Also das T-Shirt wird in China für 10€ gekauft und hier für 20-30€ verkauft. Dann gibt es noch Rabattaktionen, sagen wir mal 30%. T-Shirt kostet dann 14€ -> immer noch 40% Gewinn....
    Die Retouren sind schon eingeplant, werden automatisch in die neuen Kartons verpackt und dem nächsten Kunden zugeschickt.

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