4 Bewertungen ****
09.07.2008 
Konsumenten-Schulden

Wenn Kreditkarten süchtig machen

von Jennifer Levitz, Wall Street Journal

Mal ein neuer BMW, mal ein Paar Stiefel für 400 Dollar: Viele Konsumenten verlieren die Übersicht beim bargeldliosen Einkauf und überschulden sich. In Selbsthilfegruppen lernen sie, mit Geld umzugehen - oder sie greifen direkt zur Scheere.

Kreditkarten verführen viele Menschen zum ungehemmten Geldausgeben. Foto: dpaLupe

Kreditkarten verführen viele Menschen zum ungehemmten Geldausgeben. Foto: dpa

ST. LOUIS. Jahrelang gab Michael Wagner sein Geld nach Lust und Laune aus. Er gönnte sich nebenbei viele Extras wie Jeans für 200 Dollar oder einen schicken BMW, ohne jemals auf seinen Kontostand zu achten. Dank seiner Kreditkarten konnte er alles mühelos bezahlen, bis ihm eines Tages die Schulden über den Kopf wuchsen. Da stand er trotz seines sechsstelligen Jahreseinkommens bei den Kreditkartenunternehmen mit 25 000 Dollar in der Kreide und konnte die Ratenzahlungen für sein Haus und sein Auto nicht mehr bedienen. Ständig riefen die Gläubiger bei ihm an. "Es war eine hoffnungslose Abwärtsspirale", sagt Wagner.

Schließlich schloss sich der 34-jährige Verkaufs-Manager aus St. Louis dem "Sonntagmorgen-Frühstücks-Club" an, einer Gruppe verschuldeter Menschen, die sich wöchentlich bei Kaffee und Rührei über ihre Geldnöte austauschen. Seitdem sei er auf dem Weg, seine Schulden abzutragen, sagt Wagner. Ihm habe es geholfen zu entdecken, dass er nicht der einzige sei, der Geldprobleme hat.

Seit dem Konjunktureinbruch in den USA finden immer mehr gepfändete Amerikaner Trost und manchmal auch guten Rat in Selbsthilfegruppen für Überschuldete. Solche Gruppen sprießen derzeit in Kirchengemeinden, Colleges und Cafes wie Pilze aus dem Boden.

Vor allem in Südkalifornien und im Bundesstaat Arizona registrieren die Hilfestellen eine größere Nachfrage . Diese Landesteile sind besonders stark vom wirtschaftlichen Abschwung betroffen. Die Southern Baptist Convention ruft derzeit ihre Mitgliedsgemeinden dazu auf, Hilfsangebote für Verschuldete einzurichten. Gruppen wie die Anonymen Schuldner gibt es zwar schon seit Jahrzehnten. Aber sie waren nicht besonders stark gefragt. "Bislang war es so, dass sich die Leute zu sehr für ihre Schulden schämten", sagt Ashley Clayton von der Southern Baptist Convention. "Nun gibt es ein Erwachen."

Viele Menschen geraten inzwischen so unter Druck, dass sie nun auch bereit sind, mit anderen Menschen über ihre Geldnöte zu reden. Die meisten Menschen, die in Gruppen Hilfe suchen, gehören der jüngeren Generation an, die mit Kreditkarten aufgewachsen ist, und keine Erinnerung an Zeiten wirtschaftlicher Depression hat.

So wie Shawanda Greene, die sich vor kurzem "Girls Just Wanna Have Funds" anschloss, einer Gruppe in Washington D.C., die sich an jüngere Frauen richtet. Das Ziel der 26-Jährigen: Sie will herausfinden, warum ihr gespartes Vermögen sich auf nur 54 Dollar beläuft, obwohl sie 82 000 Dollar im Jahr verdient. Die anderen Teilnehmerinnen rieten Greene, erst einmal nachzuforschen, wo ihr Geld hingehe. Einen Teil ihres Gehalts verwendet die junge Frau darauf, Schulden abzubezahlen, zum Beispiel ihren Studienkredit von 14 500 Dollar. Dann aber fiel Greene auf, dass sie sich zu viele Luxusausgaben leistet, wie zum Beispiel Cole-Haan-Stiefel für 400 Dollar. Zu den Extras zählte sie auch ihren stets hungrigen Freund, der immer ihren Kühlschrank leer aß, wenn er bei ihr war. Vor allem sein Riesenappetit auf frische Südfrüchte habe ihr Konto auf Dauer belastet, klagt Greene. "Ich kann in zwei Tagen 18 Mangos essen", räumt der 36-jährige Ingenieur ein. "So bin ich halt." Doch dafür wollte Shawanda Greene nicht mehr aufkommen. Wegen der ständigen Streitereien über die Lebensmittelkosten beendete sie schließlich die Beziehung.

Die Selbsthilfegruppen geben Verschuldeten Tipps, wie sie mit ihrem Gehalt auskommen und Geld sparen können. Sie sind aber auch ein Forum für Menschen, die ihre Geldnöte vor Gleichgesinnten bekennen und damit der Lösung ihres Problems näher kommen wollen. Zum Beispiel kürzlich in der nichtkonfessionellen Gemeindekirche von Granger im Bundesstaat Indiana: 375 Menschen kommen dort wöchentlich zur "Financial Peace University" zusammen, einer Veranstaltung, bei der sich Teilnehmer treffen, die versuchen nach den Ratschlägen von Dave Ramsey zu leben, der seine Tipps für Überschuldete regelmäßig in Radiosendungen gibt.

Für die Menschen, die sich gleich ganz von ihrer Kreditkarte trennen wollen, liegen in der Kirche Scheren bereit. Paula Frederick gehört zu den Teilnehmern, die das bereits hinter sich gebracht und ihre Karte durchgeschnitten haben - zum Leidwesen ihres Mannes, der sie davon abhalten und ihr die Karte in letzter Sekunde aus der Hand reißen wollte. "Ich habe dabei fast seinen Finger abgeschnitten", erzählt die 42-Jährige. An diesem Tag ist es an Richard Rice, sich vor der Versammlung zu seiner Überschuldung zu bekennen. Obwohl er 70 000 Dollar im Jahr verdiene, habe er - gebeutelt durch eine Scheidung - seine Kreditkarten um 20 000 Dollar überzogen, sagt der 37-jährige Techniker für medizinische Geräte. Seit Januar habe er es nun geschafft, 2 000 Dollar dieser Schulden abzubezahlen und außerdem noch einen Notgroschen von 1 000 Dollar anzusparen.

Michael Wagner aus St. Louis haben die Tipps seines sonntäglichen Frühstücksclubs geholfen, sein Geld einzuteilen und damit auszukommen. Das fällt ihm und seinen Leidensgenossen allerdings nicht immer leicht. Deshalb stellen sie jeden Sonntag einen Essensplan für die kommende Woche auf. Der soll ihnen dabei helfen, zu Hause ihre Mahlzeiten selbst zuzubereiten statt ständig auswärts zu essen. Inzwischen hat Michael Wagner den Kreditkarten abgeschworen. Das Geld, das er für Frisör, Benzin und andere notwendige Ausgaben braucht, steckt er am Zahltag in Briefumschläge. Die Bonuszahlungen, die er für gute Geschäftsabschlüsse bekommt, verwendet er, um die Kreditkartenschulden abzutragen. Mittlerweile sind von den 25 000 Dollar Schulden nur noch 8 000 Dollar übrig.

Allerdings hatte Michael Wagner auch einen Rückfall in seine alten Gewohnheiten. Ursache dafür war eine neue Freundin, die ausgiebige Einkaufsbummel liebte. Doch dank der anderen Teilnehmer des Sonntagsclubs schaffte er noch einmal den Ausstieg. Vor ihnen bekannte der 34-jährige schließlich, dass er wegen der neuen Beziehung wieder nicht mit seinem Geld auskomme. Der ehrenamtliche Leiter der Runde, Mike Pitt, riet ihm, mit seiner Freundin offen über seine finanziellen Probleme zu reden. Michael Wagner folgte diesem Rat. Doch die Freundin wollte gar nicht erst über das Einteilen von Geld sprechen. Stattdessen beendete sie die Beziehung. Letztlich sei das aber zu seinem eigenen Besten gewesen, resümiert Wagner. Seine Freundin sei zu sehr darauf aus gewesen, Spaß zu haben.

Wall Street Journal

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterKöpfe

Lufthansa dementiert Personaländerung im Vorstand  Artikel in Merkliste

Der Chef der Lufthansa-Tochter Swiss, Christoph Franz, rückt nach Angaben der Lufthansa nicht in den Konzernvorstand vor und dementierte damit einen entsprechenden Magazinbericht. Artikel


Anzeige