Die Selbsthilfegruppen geben Verschuldeten Tipps, wie sie mit ihrem Gehalt auskommen und Geld sparen können. Sie sind aber auch ein Forum für Menschen, die ihre Geldnöte vor Gleichgesinnten bekennen und damit der Lösung ihres Problems näher kommen wollen. Zum Beispiel kürzlich in der nichtkonfessionellen Gemeindekirche von Granger im Bundesstaat Indiana: 375 Menschen kommen dort wöchentlich zur "Financial Peace University" zusammen, einer Veranstaltung, bei der sich Teilnehmer treffen, die versuchen nach den Ratschlägen von Dave Ramsey zu leben, der seine Tipps für Überschuldete regelmäßig in Radiosendungen gibt.
Für die Menschen, die sich gleich ganz von ihrer Kreditkarte trennen wollen, liegen in der Kirche Scheren bereit. Paula Frederick gehört zu den Teilnehmern, die das bereits hinter sich gebracht und ihre Karte durchgeschnitten haben - zum Leidwesen ihres Mannes, der sie davon abhalten und ihr die Karte in letzter Sekunde aus der Hand reißen wollte. "Ich habe dabei fast seinen Finger abgeschnitten", erzählt die 42-Jährige. An diesem Tag ist es an Richard Rice, sich vor der Versammlung zu seiner Überschuldung zu bekennen. Obwohl er 70 000 Dollar im Jahr verdiene, habe er - gebeutelt durch eine Scheidung - seine Kreditkarten um 20 000 Dollar überzogen, sagt der 37-jährige Techniker für medizinische Geräte. Seit Januar habe er es nun geschafft, 2 000 Dollar dieser Schulden abzubezahlen und außerdem noch einen Notgroschen von 1 000 Dollar anzusparen.
Michael Wagner aus St. Louis haben die Tipps seines sonntäglichen Frühstücksclubs geholfen, sein Geld einzuteilen und damit auszukommen. Das fällt ihm und seinen Leidensgenossen allerdings nicht immer leicht. Deshalb stellen sie jeden Sonntag einen Essensplan für die kommende Woche auf. Der soll ihnen dabei helfen, zu Hause ihre Mahlzeiten selbst zuzubereiten statt ständig auswärts zu essen. Inzwischen hat Michael Wagner den Kreditkarten abgeschworen. Das Geld, das er für Frisör, Benzin und andere notwendige Ausgaben braucht, steckt er am Zahltag in Briefumschläge. Die Bonuszahlungen, die er für gute Geschäftsabschlüsse bekommt, verwendet er, um die Kreditkartenschulden abzutragen. Mittlerweile sind von den 25 000 Dollar Schulden nur noch 8 000 Dollar übrig.
Allerdings hatte Michael Wagner auch einen Rückfall in seine alten Gewohnheiten. Ursache dafür war eine neue Freundin, die ausgiebige Einkaufsbummel liebte. Doch dank der anderen Teilnehmer des Sonntagsclubs schaffte er noch einmal den Ausstieg. Vor ihnen bekannte der 34-jährige schließlich, dass er wegen der neuen Beziehung wieder nicht mit seinem Geld auskomme. Der ehrenamtliche Leiter der Runde, Mike Pitt, riet ihm, mit seiner Freundin offen über seine finanziellen Probleme zu reden. Michael Wagner folgte diesem Rat. Doch die Freundin wollte gar nicht erst über das Einteilen von Geld sprechen. Stattdessen beendete sie die Beziehung. Letztlich sei das aber zu seinem eigenen Besten gewesen, resümiert Wagner. Seine Freundin sei zu sehr darauf aus gewesen, Spaß zu haben.
Wall Street Journal

