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Zustelldienst GLS: Wallraff entdeckt als Paketbote „moderne Sklaverei“

Wieder einmal schlich sich Günter Wallraff unter falschem Namen bei einem Unternehmen ein. Diesmal war der Paketzusteller GLS an der Reihe, wie er nun verriet. Dort werde „Menschenschinderei mit System“ betrieben.

Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff. Quelle: dpa
Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff. Quelle: dpa

DüsseldorfDer Enthüllungsjournalist Günter Wallraff war mal wieder unter falscher Identität unterwegs. Dieses Mal heuerte der 69-Jährige beim europaweit tätigen Paketzusteller GLS an, der seinen deutschen Hauptsitz im hessischen Neuenstein hat. Dort begann er zunächst als Beifahrer in einem Auslieferungsfahrzeug. Nach mehrmonatigen Recherchen und Undercover-Einsatz prangert der 69-jährige Schriftsteller „Menschenschinderei mit System“ an. Es müssten staatliche Kontrollen gegen Logistikkonzerne eingeführt und Strafen verhängt werden.

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„Ich habe dort an verschiedenen Standorten mitgearbeitet und recherchiert - und habe Arbeitsbedingungen festgestellt, die körperlich, nervlich und finanziell ruinieren“, sagte der Autor am Mittwoch in Düsseldorf. „Es ist ein System, das eine Form von moderner Sklaverei mitten in Deutschland darstellt.“ Mehrere tausend Menschen seien betroffen, vor allem jüngere und männliche Beschäftigte. Wallraff recherchierte für das Magazin der Wochenzeitung "Die Zeit" sowie für RTL.

Wallraffs geheime Recherchen

  • „Industriereportagen“

    Zwischen 1963 und 1965 schlich Wallraff sich in verschiedene Industriebetriebe ein. Darunter war auch ein Stahlwerk von Thyssen.

  • „13 unerwünschte Reportagen“

    1969 erscheint das Buch, in dem Wallraff von seinen Erfahrungen in der Rolle eines Alkoholikers in einer Psychatrie, eines Studenten auf Zimmersuche oder etwa eines Obdachlosen berichtet.

  • Spínola-Aktion

    1976 nahm Wallraff die Rolle eines Waffenunterhändlers an. So kam er in Kontakt mit dem ehemaligen Staatspräsidenten Portugals, General Spínola. Bevor dieser seinen geplanten Putsch durchführen konnte, ging Wallraff mit den Details an die Öffentlichkeit.

  • „Bild“-Redakteur Hans Esser

    1977 schlich Wallraff sich für über drei Monate als Redakteur mit dem Namen "Hans Esser" bei der Bild-Zeitung ein. Über seine Erfahrungen in einer der Lokalredaktionen schrieb er ein Buch, in dem er der Bild-Zeitung unter anderem unsaubere Recherchemethoden vorwirft. Die Folge war eine Klage der Axel Springer AG. Der WDR produzierte dazu einen Dokumentarfilm, 1979 und 1981 erscheinen zwei weitere Bücher.

  • Gastarbeiter aus der Türkei

    Zwischen 1983 und 1985 schlug Wallraff sich als türkischer Gastarbeiter bei Unternehmen wie McDonald’s und Thyssen durch. Auch dazu erschein ein Buch („Ganz unten“) in dem er seine negativen Erfahrungen schildert, außerdem gründete Wallraff einen Hilfsfonds mit dem Titel „Ausländersolidarität“.

  • Als „Ali“ in Syrien

    Als türkischer Arbeiter mit dem Namen „Ali“ sprach Wallraff 1996 mit dem damaligen PKK-Führer Abdullah Öcalan. Dabei ging es um den kurdischen Dissidenten Selim Cürükkaya und dessen Buch „Die Suren Apos“, wegen dem ein Mordbefehl gegen ihn verhängt wurde.

  • Lottoverkäufer

    Seit 2007 recherchiert Wallraff für das Zeit-Magazin. Seine erste Reportage führte ihn in ein CallOn-Callcenter, wo er am Telefon Systemlotto-Scheine von LottoTeam verkaufte. Dafür ließ er sich von Maskenbildnern 16 Jahre jünger machen. Hier prangerte er unter anderem die Belästigung von Angerufenen und Gesetzesverstöße an.

  • Arbeiter in einer Brotfabrik

    2008 arbeitete Wallraff ein paar Wochenlang bei der Gebr. Weinzheimer Brotfabrik. Deren alleiniger Abnehmer war zu dieser Zeit Lidl. Neben mangelnder Hygienebedingungen kritisierte Wallraff hier schlechte Bezahlung und Arbeitsbedingungen. 2010 wurde der Betrieb in Folge der Enthüllungen geschlossen.

  • Obdachlos in Großstädten

    Drei Monate lang recherchierte Wallraff in Obdachlosenheimen in Großstädten wie Köln und Frankfurt am Main, um im Zuge dessen zahlreiche Missstände aufzudecken. Dazu gehörten ein Mangel an Personal und Fälle von Gewaltanwendungen.

  • „Schwarz auf Weiß“

    Als Somalier mit dunkler Hautfarbe getarnt reiste Wallraff 2009 als „Kwami Ogonno“ begleitet von einem Kamerateam durch Deutschland. Dabei stieß er oft auf rassistische Anfeindungen. Die Süddeutsche Zeitung hingegen kritisierte Wallraffs Methode selbst als rassistisch.

„Es geht um prekäre Beschäftigung, um Dumpinglöhne von drei bis fünf Euro pro Stunde, um 14-Stunden-Einsätze bis zur totalen Erschöpfung, um nicht bezahlte Überstunden, um Schlafdefizite, die Unfälle provozieren können, um Drangsalierung.“ Arbeitsschutzgesetze würden klar missachtet, Pausen seien kaum möglich. „Gegenüber den Behörden werden manipulierte Angaben gemacht.“

Die unzumutbaren Praktiken erfolgten „mit Wissen des Konzerns und mit System“, betonte der Autor. Es handle sich um eine Form von Scheinselbstständigkeit, in die Menschen gedrängt würden, „die keine Wahl haben und die erst mal einfach froh sind, irgendwie in Arbeit zu kommen.“ Die Konditionen seien schwer durchschaubar, auch was etwa die Risiken bei Unfall oder Krankheit betreffe.

Wallraffs Vorwürfe gegen GLS im Wortlaut

  • Arbeitsbelastung

    „Es konnten oft keine Pausen gemacht werden, nachts waren nur vier oder fünf Stunden Schlaf drin. Das Unfallrisiko ist enorm. [...] Es ist ein System, das eine Form von moderner Sklaverei mitten in Deutschland darstellt.“

  • Arbeitsausstattung

    Wir waren in verbeulten Karren und bei Schnee und Eis auch mit Sommerreifen unterwegs.“

  • Entlohnung

    „Ein Skandal ist auch, dass die ersten Stunden gar nicht bezahlt werden. Wenn die Fahrer um 0500 Uhr die Pakete aus den Depots holen, vom Band nehmen, scannen und in die Wagen tragen, werden diese zwei, drei Stunden nicht bezahlt.“

  • Arbeitsverträge

    Fahrer werden dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet, ohne dass GLS sie auf die unternehmerischen und finanziellen Risiken hinweist. Viele werden total ausgebeutet, geraten in eine Schuldenfalle - und GLS stiehlt sich geschickt und komplett aus der Verantwortung.“

  • Manipulation

    „Gegenüber den Behörden werden manipulierte Angaben gemacht.“

In der GLS-Germany-Zentrale in Neuenstein weist man inzwischen die Vorwürfe über Ausbeutung zurück. Es handele sich um eine „einseitige und verkürzte Berichterstattung“, erklärte das Unternehmen am Donnerstag nach der Ausstrahlung der TV-Doku bei RTL. „Die GLS Gruppe akzeptiert keine despektierlichen Äußerungen über Subunternehmen und deren Fahrer in ihrem Unternehmen. Wir legen Wert auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die im Rahmen der Gesetze gestaltet wird“, hieß es in der Stellungnahme. Der Geschäftsführer von GLS Germany, Klaus Conrad, und Rico Back als Chef der Gruppe mit Sitz im Amsterdam „bedauerten“ den Bericht.

Auf eine Anfrage des „Zeit-Magazin“ antwortete GLS: „Die Transportunternehmen werden bei der Erledigung von Transportaufträgen von GLS grundsätzlich zur Beschäftigung von Fahrern in rechtskonformen, sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen verpflichtet.“

Nach Wallfraffs Einschätzung ist der Konzern nicht der einzige, der Dumpinglöhne zahlt und Verstöße gegen arbeitsrechtliche Regelungen bewusst in Kauf nimmt. „Bei mir häufen sich Zuschriften von vielen Betroffenen aus den unteren Hierarchie-Ebenen, aber auch von Managern, die diese Zustände nicht mehr verantworten wollen.“

Wallraffs GLS-Doku auf RTL
  • 01.06.2012, 12:20 Uhrb.z.b.

    Wo bleibt die Aufsicht und die Kontrolle dieser Unternehmen? Wir brauchen in Deutschland dringend einen einheitlichen Mindestlohn, wie dieses Beispiel wieder deutlich zeigt.
    Setzt an bei den Unternehmen, die sich unseriöser Paketdienste bedienen. Dort tut es GLS am meisten weh und so hat man gewiss den größten Wirkungsgrad des Protestes gegen dieses Sklavensystem.

    B. z. B

  • 01.06.2012, 08:52 Uhrloddar51

    Schön und gut so lange aber ein Sklave keine Alternative hat, mithin also finanziell unabhängig vom Arbeitssklavenmarkt ist, muss er irgendwie Geld verdienen und sich buchstäblich verkaufen. Und das wissen die Zecken in den Unternehmen ganz genau - im Gegenteil, sie lachen über diejenigen, die bei diesem perfiden Ausbeutersystem mitspielen müssen und dabei zu Grunde gehen. Ich erinnere daran, Straßenlaternen sind nicht nur als Lichtquelle sondern auch anderweitig verwendbar...

  • 31.05.2012, 18:22 Uhrwolle

    Und das ist nur die Spitze vom Eisberg.
    Hier geht es um die brachiale Ausbeutung von Menschen , die für Dumpinglöhne von 3 bis 4 € die Std arbeiten sollen.
    Selbst 7 € sind eine Zumutung, weil man automatisch zu 10 Stunden und mehr regelrecht gezwungen wird seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
    Macht diesen Aasgeiern von DHL, GLS, Hermes und Co endlich ein ENDE!!!
    Übrigens sollte man auch mal bei den sogenannten Kurierdiesnten ermitteln.
    Hier wird die gleiche Abzocke unter unmenschlichen Bedingungen seit Jahren betrieben und Niemand unternimmt dagegen etwas.
    Sobald ein armes Schwein aufmuckt, kommt am nächsten Tag ein neues armes Schwein.

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