250.Geburtstag des Musikgenies
Mozartkugeln: echt oder original?

Norbert Fürst leidet, wenn er die Geschichte schon wieder erzählen soll. Der Konditormeister mit der hohen Stirn und der schlanken Gestalt, dem der kalorienreiche Beruf rein äußerlich so gar nicht anzusehen ist, stellt seinen Espresso zur Seite, seufzt und beginnt dann doch noch mal von vorn.

HB SALZBURG. Ja, der Urgroßvater Paul Fürst, jener Herr, der da in der Gaststube des Cafés am alten Marktplatz in Salzburg im goldenen Rahmen hängt, hatte 1890 tatsächlich versäumt, seine Erfindung patentieren zu lassen. Seine geniale Idee – die Mozartkugel – besteht aus einem Pistazienmarzipankern, umhüllt von zweierlei Nougat und lasiert mit herber Schokolade, bekannt unter dem Namen Mozartkugel. Seit dem verhängnisvollen Versäumnis des Urgroßvaters schlägt sich Familie Fürst nun mit Imitaten herum.

Allerdings, so gibt der Mozartkugel-Meister in dritter Generation zu verstehen, ist es mit der Kugel wie mit Gucci-Taschen oder Omega-Uhren: Ein Imitat adelt auch irgendwie und sorgt für die Bekanntheit der Marke. „Mit unseren handwerklichen Möglichkeiten“, räumt Fürst ein, „hätten wir die Kugel ja gar nicht millionenfach produzieren und in die Welt verschicken können.“ Und selbst eine Fabrik eröffnen und die Manufaktur auf Fließbandproduktion umstellen – das wollte er auch nicht: „Ich würde etwas aufgeben“, sagt er. Zum Beispiel, dass die Fremdenführer alle auf seine Konditorei zeigen, ohne hinterher zehn Prozent von dem zu verlangen, was die Touristen daraufhin bei Fürst ausgeben.

Geeinigt hat sich Norbert Fürst, in dessen Backstube 1,4 Mill. Kugeln im Jahr entstehen, deswegen mit dem Salzburger Mirabell-Unternehmen, das heute zum US-Lebensmittelkonzern Kraft Foods gehört genauso wie mit dem bayerischen Anbieter Reber. Fürst selbst hat den Anspruch auf den Titel „Original Salzburger Mozartkugeln“. Die Firma Mirabell, die die Welt mit 1,5 Mrd. Konfektkugeln überrollt, schreibt „Echte Salzburger Mozartkugeln“ auf ihre Produkte. Und die Bayern, die auf 500 000 Kugeln am Tag kommen, schmücken sich mit dem harmlosen Prädikat „Echt Reber“. Seinen Anspruch, als Einziger das Wort „original“ verwenden zu dürfen, hat Fürst schließlich zur eigenen Befriedigung und seinem Urgroßvater zur späten Ehre 1996 in der dritten Instanz in einem Verfahren gegen eine Tochterfirma des Schweizer Lebensmittelgiganten Nestlé durchsetzen können. Seitdem wedelt er bloß mit dem Urteil, wenn mal wieder ein Plagiat mit Originalbezeichnung auf den Markt kommen will.

Fürst hat damit mehr Glück als andere Mozartvermarkter, die sich zum Jubiläumsjahr wirklich allerhand haben einfallen lassen: Mozart lässt sich schlagen – als Golfball. Mozart lässt sich riechen – als Parfum. Und mit Mozart lässt sich der Mund abputzen – als Serviette. Aus dem deutschen Augsburg, wo Vater Leopold Mozart geboren ist, wird die Welt in diesem Jahr mit Mineralwasser Marke „Mozart Quelle“ versorgt. Den Vogel abgeschossen hat Metzgermeister Stefan Fuchs aus Grödig im Salzburger Land mit seiner Mozartwurst – einer 450 Gramm schweren Salami in Geigenform.

Das deutsche Patentamt in München meldet inzwischen deutlich mehr als 100 Eintragungen für Mozart. Das Europäische Markenamt in Alicante kommt immerhin auf 73 Meldungen. Allen gemeinsam ist die Erkenntnis: Mozart lässt sich als Marke nicht schützen. Nur im Zusammenhang mit einem Produkt bringt die Eintragung bei den Patentbehörden einen gewissen Schutz vor Nachahmern.

Wem es allerdings gelingt, der hat einen Wettbewerbsvorteil, wie eben Norbert Fürst. Er hat 2005 in Salzburg sein viertes Geschäft eröffnet und das, obwohl auch die österreichischen Konditoren den Rückgang bei der Nachfrage nach nicht eben schlank machenden Mehlspeisen verspüren. Geht es nach der jüngsten Analyse zum österreichischen Mittelstand von Creditreform, so ist Fürst sogar eine Riesenausnahme: Die Zahl derjenigen, die ihre Geschäftslage mit gut oder sehr gut bewerten, ist danach um fast zehn Prozentpunkte auf deutlich unter die Hälfte der Befragten gesunken. Der Anteil der Unternehmen, die 2005 ein Umsatzplus erwirtschaften konnten, ist ebenfalls um mehr als zehn Prozentpunkte gesunken. „Die Geschäftslage der österreichischen Mittelständler hat sich deutlich verschlechtert“, fassen die Analysten von Creditreform nüchtern zusammen.

Angesichts dieser Stimmung, der Fürst und seine 45 Mitarbeiter selbstbewusst entgegentreten können, stört es sie nicht weiter, dass ihre Kugel mit Mozart genauso wenig zu tun hat wie zum Beispiel der Hering mit Bismarck. 

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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